Es half alles nichts; und Xavier wusste es auch: Als er ihm die Flasche Sekt mit den zwei Gläsern reichte, wünschte er ihm „Viel Glück!“ – Buena suerte!
Aber er schaute ihn nicht an.
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Im Rückspiegel sah der Taxifahrer die zwei Frauen auf sich zukommen. Die Schirmmützen über den faltigen Gesichtern, die festen Wanderschuhe und der prallgefüllte Rucksack, der baumelnde Fotoapparat auf der ebenfalls baumelnden Brust, die wadenlangen Jeans mit Ausblick auf knochige beziehungsweise runde Unterschenkel mit rauer Haut zwischen Socken und Jeansrand und der viel zu grelle Anorak über dem gewölbten Bauch – all diese Dinge wiesen sie deutlich als Touristinnen aus. Keine Spanierin würde sich so unelegant kleiden. Und dann noch alles in Giftgrün – jedenfalls bei der dickeren der beiden.
„Taxi?“ Er nickte.
„Nach Valdemossa?“
Er nickte wieder. Sie stiegen ein. Er informierte die Zentrale und fuhr sofort los. An einem solch strahlendblauen Tag würde die Fahrt ein Vergnügen sein.
Was ihn wunderte: Sie sahen nicht reich aus, aber keine hatte nach dem Preis gefragt. Wer würde zahlen? Die Normalgewichtige mit den grauen mittellangen Locken oder die auf jung getrimmte, rundliche Giftgrüne mit der Kurzhaarfrisur für modische Siebzehnjährige? Den flüchtigen Gedanken, es könnte sich um Zechprellerinnen handeln, verwarf er sofort. Wahrscheinlich würden sie sich die Fahrt teilen. Immerhin unterhielten sie sich auf Deutsch. Und er hatte schon viele schrullige, reiche Deutsche gesehen.
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Plötzlich verwandelte sich Elfis sonniger Traum in ein dunkles Chaos. Alle Heiterkeit zerfloss; es herrschte ein wirres Durcheinander von Tönen, Farben, Gerüchen.
Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch sie konnte im gleißenden Sonnenlicht nichts erkennen. Jemand murmelte etwas Unverständliches. Sie wollte antworten, doch ihre Stimme versagte.
Dann legte sich ein Schatten über sie.
„Sie haben schlecht geträumt, Señora“, sagte eine angenehme Männerstimme. „Und Sie frösteln. Darf ich Sie wieder in die Sonne schieben?“
Nun taten die Augenlider ihren Dienst und sie erblickte einen sympathischen, braungebrannten Mann mittleren Alters mit nur wenig Grau im kurzgeschnittenen dunklen Haar.
Als sie nickte, schob er ihren Rollstuhl sanft neben eine Sitzecke, die etwas abseits von der Sonne beschienen wurde.
Er lächelte entschuldigend. „Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Darf ich Sie zu einem Glas Sekt einladen?“
Bevor sie sich versah, fühlte sie ein Glas in ihrer Hand. Salud! Me llamo Miguel! „Ich heiße Miguel, Prost!“
Sie wehrte ab, besann sich dann aber eines Besseren.
Was schadete es, wenn der Immobilienhändler ein bisschen wartete?
Es lohnte sich immer, mehrere Eisen im Feuer zu haben.
Und außerdem winkte ihr links aus dem Hintergrund Carlo freundlich mit einem kleinen flachen Glasgegenstand in der Hand zu.
Ihr Glücksbringer.
Langsam hob sie ihr Glas.
***
Beim Abendessen tauschten die drei ungleichen Freundinnen ihre Tageseindrücke aus. Die Giftgrüne hatte sich inzwischen hellgelb gekleidet.
„Valdemossa – ein Traum! Das Kloster von Georges Sand und Chopin und die vielen netten Geschäfte und Cafés! Und die terrassenförmige Anordnung der Stadt! Und die schönen Gärten und die freundliche deutschsprechende Bedienung!“ Und … und … und …
Die gemeinsame Begeisterung ihrer beiden so unterschiedlichen Freundinnen kannte keine Grenzen. Elfi fühlte sich zunehmend unzufrieden. Was hatte sie für diesen Tag zu bieten? Dösen im Garten, ein völlig unbefriedigendes Immobilen-Angebot? Ärger über laute und schwatzhafte Gäste? Keine Seite des Romans?
Sie versuchte, ihre Gedanken zu sammeln, doch mittendrin lenkte sie der vielversprechende Satz ab: „Wir haben eine tolle Villa für dich gefunden!“
Fotoapparate wurden hervorgezerrt. Nach einigen technischen Komplikationen sah sie sich Aug in Aug mit einem verwunschenen, großen Haus aus beigem Sandstein, berankt mit Bougainvillea, mit Orangen- und Zitronenbäumen im – natürlich terrassenförmigen – Garten und einem blauen Swimmingpool, um den ein paar Schafe und Ziegen grasten.
„Romantisch, nicht?“
„Und zu verkaufen! Wäre das nichts für dich?“
Doch – auch Elfi fand das Ambiente ansprechend und auf den ersten Blick geeignet für ihre Bedürfnisse. „Habt ihr die Adresse des Maklers notiert?“
Natürlich hatten sie das nicht.
Um abzulenken, fragten die beiden Valdemossa-Besucherinnen nach Elfis Tag. „Und du, was hast du gemacht?“
Elfi dachte kurz nach.
„Ich habe einen netten Mann kennengelernt.“
Ja, das war das einzig Schöne heute, freute sich Elfi innerlich.
Aber ihre beiden Bekannten schienen wenig begeistert.
Oh Gott, nicht schon wieder!
Die beiden warfen sich bezeichnende Blicke zu und strebten ans Büffet unter dem Vorwand, ein weiteres leckeres Dessert zu benötigen.
***
Der nächste Morgen begann perfekt mit orange-farbigem Sonnenaufgang über zartblauem Meer. Dies nahm Elfie als ein gutes Vorzeichen.
Nach dem Frühstück wurde sie von Miguel abgeholt. Sie sah mit Genugtuung im Seitenspiegel, wie eine kleine weibliche Kugel, heute ganz in Lila, neidisch dem weißen Mercedes hinterherwinkte.
Nach einem kurzen Verkehrsgewühl in Alcudia bogen sie rechts ab Richtung Ermita La Victoria. Doch auch diese kleine, ruhige Straße verließen sie bald und und fuhren erneut rechts in einen Pinienwald. Irgendwann öffnete sich automatisch ein Tor und nun schlängelten sie sich auf steinigen Wegen durch eine Landschaft mit atemberaubenden Aussichten auf blaues Wasser und einzelne Landhäuser.
„Bitte Augen schließen“, ordnete Miguel nach einer Weile sanft an. Dann stoppte er das Auto. Sie erwartete einen Kuss und presste die Augenlider fest zusammen, aber er sagte nur: „Schauen!“ Sie blinzelte in die Sonne und vor ihrem Blick erschien ein weißer maurischer Palast in einem Palmenhain, den kunstvolle Skulpturen schmückten. Sie hielt den Atem an. Das hatte sie nicht erwartet.
Aber es kam noch besser: Miguel und Elfi erhielten eine fachkundige exquisite Führung. Offenbar vom Künstler und Besitzer höchstpersönlich oder einem Nahestehenden, ganz klar war ihr das nicht. Es war auch egal. Sie genoss die Fürsorge und das Fachwissen der beiden Männer, die sie durch den sonnigen Figurenpark begleiteten. Den krönenden Abschluss bildeten die hervorragenden Kinderporträts im ehemaligen Wasserspeicher. Und so geschmackvoll präsentiert!
Als sie über die Behindertenrampe ins Freie gelangten, war sie glücklich wie schon lange nicht mehr.
Wie immer folgte dann die tiefe Enttäuschung.
Ein Taxi hielt an und entließ eine lila ältere Kugel und eine eigentlich ganz nette, graumelierte Seniorin mit mittellangen Locken.
***
Jetzt nach dem morgendlichen Ausflug hatte sich Elfi zum Schreiben an den Strand zurückgezogen. Ihr Rollstuhl stand an der Wasserlinie. Sie hoffte, dass die warme Mittagssonne und das gleichmäßige Rauschen der Wellen ihre Laune verbessern würde. Aber ihr Notizbuch war immer noch leer.
„Konzentrier dich auf dein Vorhaben!“, befahl sie sich.
Also: Tatort, Tatmotiv, Tatwaffe.
Sollte Valdemossa der richtige Ort sein? Heute Nachmittag würden sie die Villa besichtigen, deren Fotos die beiden Freundinnen ihr gezeigt hatten. Miguel kannte den Makler und hatte einen Termin vermittelt.
Zu zweit war es geplant gewesen – Miguel und sie. Der Makler, den Miguel kannte, würde nur aufschließen und erst später für ihre Fragen zur Verfügung stehen.
Aber nun würden sie zu viert fahren. Zu viert!
Sie musste sich etwas einfallen lassen, um das zu verhindern. Dennoch spürte sie den Ärger erneut in sich aufsteigen.
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