Blanca Imboden - Paris

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So lange wie Judith hat noch keine Frau auf ihre Hochzeitsreise gewartet. In die Stadt der Liebe hätte es gehen sollen. Und dies vor – sage und schreibe! – dreißig Jahren. Jedes Jahr hat Judith, die als Seilbähnlerin bei der Stanserhorn-Bahn arbeitet, darauf gehofft, dass es doch noch klappt. Hat sich vorbereitet – Französisch gelernt, Stadtpläne studiert, Sehenswürdigkeiten rausgesucht, Zugverbindungen ermittelt. Aber irgendwie ist es nie dazu gekommen, dass Guido und sie den Zug nach Paris bestiegen hätten. Guido, ihr Mann, der überaus charmante Tierarzt, hatte einfach immer viel zu viel zu tun. Zumindest zu Beginn ihrer Ehe. Und später, später hatte er – wie sich Judith eines Tages eingestehen muss – wohl einfach keine Lust mehr, überhaupt irgendwohin zu reisen mit ihr.
Nun, es muss wirklich sehr viel geschehen, bis Judith öffentlich erklärt, dass Paris auf ihrer persönlichen Weltkarte fortan ein schwarzes Loch sei. Und dann fällt sie in genau dieses Loch hinein – und landet dabei erstaunlich weich.
"Paris" ist die Geschichte einer Frau, die am Leben nicht zerbricht, sondern durch Tiefschläge lernt, wie stark sie wirklich ist. Einer Frau, die
erkennt, dass das Glück vorbeizieht, wenn man sich nicht getraut, die Tür zu öffnen. Zu dieser Erkenntnis gelangt sie, als sie – ganz allein – nach Paris reist und vor dem Inbegriff ihrer Träume, dem Eiffelturm, steht. Wieder zu Hause in Stans, und eine magische Begegnung später, realisiert Judith dann, dass Paris überall sein kann – sogar auf dem Stanserhorn.

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»Einmalauszahlung?«, frage ich verdattert.

»Ja, wenn Sie möchten, können Sie auf die Rente verzichten und bekommen stattdessen dreihunderttausend Franken aufs Mal. Die Rente beläuft sich bei voller Auszahlung auf neunhundertsechzigtausend Franken. Wenn Sie aber das Geld dringend brauchen oder schon sehr alt sind …«

»… nein, nein. Ich möchte sicher die Rente!«, sage ich schnell.

»Gut, dann machen Sie eine Kopie Ihres Loses und gehen dann mit dem Original zur Post. Einschreiben nicht vergessen! Ich freue mich, von Ihnen zu hören.«

»Danke!«

»Mir müssen Sie nicht danken, mein Geld ist das nicht«, meint er nur freundlich. Er jongliert ziemlich gelassen mit den hohen Geldsummen.

»Rufen Sie mich kurz an, wenn Sie das Los bekommen haben und alles in Ordnung ist?«, wage ich dann noch zu fragen.

»Gern. Natürlich, ich mache das gern für Sie, Frau Flury. Auf Wiederhören.«

Bis zu diesem Anruf – das beschließe ich hier und jetzt – werde ich über meinen Gewinn schweigen, alles für mich behalten, auch wenn ich möglicherweise fast daran ersticke. Ich werde nicht über ungelegte Eier reden.

Es reicht, wenn Pierre Bescheid weiß.

Und Herr Meister.

Am nächsten Tag fahre ich mit der Standseilbahn. Rauf und runter, durch endlos strömenden Regen. Natürlich trage ich entsprechende Kleidung und muss auch weniger oft fahren als bei gutem Wetter. Aber ich hasse es, im Regentenue zu arbeiten. Wenn ich mich auch nur ein wenig bewege, werde ich auch noch von innen nass. Irgendwann fängt dann das große Frieren an. Regenkleidung ist entweder wasserdicht oder atmungsaktiv. Wasserdicht und atmungsaktiv, das scheint – auch in diesem Zeitalter, wo die Wissenschaftler den ersten bemannten Flug auf den Mars planen – noch immer unmöglich zu sein. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Unterwegs werde ich vom Wind angefaucht, der mir den Regen ins Gesicht peitscht. Bei jedem Halt trockne ich die Bänke und schüttle mit klammen Fingern den Regen aus den Vorhängen, die links und rechts an den scheibenlosen Fensterlöchern hängen. Irgendwann sind alle Lappen nass.

»Hier ist es noch etwas feucht!«, sagt eine junge Frau pikiert und deutet mit ihren lackierten Fingernägeln auf eine Stelle.

Ich wische noch einmal mit dem Wildlederlappen drüber, was allerdings keinen wesentlichen Unterschied macht. Die Dame setzt sich widerwillig hin. Das dünne Sommerkleidchen wird ihr heute auf dem Berg kein Glück bringen. Beim Anblick ihrer nackten Füße in den teuren Sandalen friere ich gleich noch mehr. Ich verstehs nicht. Wenn sie an so einem Tag in eine historische Standseilbahn einsteigt, muss sie sich doch darauf einstellen, dass das keine Kaffeefahrt wird!

Über die Kleidung unserer Gäste könnte ich Geschichten erzählen … Einmal, als es besonders kalt und unfreundlich und der Berggipfel frisch bepudert war, fuhr ich eine Familie aus den Emiraten auf den Berg. Wie die junge Frau heute trugen auch sie nur Sandalen, ihre Füße waren nackt. Die Frau war traditionell gekleidet, also ziemlich verhüllt, der Mann aber war in kurzen Hosen gekommen, und auch die Kinder hatten nur leichte Kleidung an. Auf dem Stanserhorn angekommen, gingen sie gerade mal vier Schritte Richtung Terrasse. Dann standen sie still, wie schockgefroren.

»Yes, this way, please!«, versuchte ich sie Richtung Restaurant zu lotsen.

Aber sie drehten wieder um und kamen zurück in die Cabriobahn. Es war ihnen egal, dass ich ihnen erklärte, ich würde erst in dreißig Minuten wieder losfahren. Der Empfang auf dem Berg war ihnen eindeutig zu unfreundlich.

Ja, Berge sind je nach Wetter nichts für Weicheier.

Sie sind oft rau und abweisend.

Aber es gibt ja auch die ganz harten Gäste, die sind eigentlich am schlimmsten. Sie erzählen von ihrer geplanten Wanderung, tragen jedoch bloß neue weiße Stoffschuhe, ohne Profil. Es hat frisch geschneit oder tagelang geregnet, und sie sind völlig unerfahren in den Bergen. Trotzdem: Niemals könnte ich sie von ihren Plänen abbringen, denn sie halten sich für Seelenverwandte von Reinhold Messner, weil sie schon mal irgendwo im Unterland einen Themenweg bewandert oder vielleicht im Fernsehen einen Film über Ueli Steck gesehen haben. Wenn Kinder dabei sind, tut mir das immer besonders weh. Da möchte man Handschellen dabeihaben, um – klick, klack – dem möglichen Unheil vorzubeugen. Ja, Kinder können nichts dafür, sind den Plänen der Erwachsenen ausgeliefert. Ansonsten ist jeder Unfall oder Absturz schlecht für das Image des Berges. Keiner fragt dann, welches Schuhwerk die Verletzten trugen, welche Ratschläge sie vorher ignorierten oder ob sie gar auf gesperrten Wegen unterwegs waren.

Ich muss aber sagen, dass die meisten Touristen heute durchaus angemessen gekleidet sind, nicht mehr so wie früher, als Asiatinnen in Stöckelschuhen und Minirock auf den Gletschern ein beliebtes Fotosujet waren. Ein ausnehmend gut ausgestattetes Pärchen aus Indien war neulich bei mir in der Bahn, und die Frau und ich kamen ins Gespräch. Sie erzählte, dass es in Mumbai, ihrer Heimatstadt, immer heiß sei.

»Dann haben Sie Ihre Kleidung in der Schweiz gekauft? Oder bekommt man sie auch in Indien?«

Mit einem liebenswürdigen Lächeln klärte sie mich auf: »Wir haben extra Shops für Reisebekleidung.«

Na ja, das hätte ich mir ja auch selbst denken können. Werden nicht ohnehin die meisten Kleider in Asien produziert? Auch unsere Regenjacken werden in China hergestellt.

An hässlichen Tagen wie diesem, die es auch mitten im heißesten Schweizer Sommer immer wieder geben kann, ist unser Personalraum im Kälti, bei der Mittelstation, dort, wo die Gäste von der Stand- in die Cabrioseilbahn umsteigen, mein Rettungsanker – vor allem die Kaffeemaschine. Manchmal trinke ich nur Kaffee, um mir an der Tasse die Hände zu wärmen.

»Endlich wieder einmal Regen. Die Wassertanks auf dem Berg waren schon fast leer«, sagt Simon, der Maschinist, als ich gerade mal wieder eine kurze Pause habe und nun versuche, meine Kleider ein wenig zu trocknen, bevor es wieder losgeht.

Ich mag ihm seinen Regen ja gönnen. Theoretisch. Mir eigentlich auch. Denn wenn die Tanks auf dem Berg leer sind, müssen wir mit der Cabriobahn Trinkwasser auf den Berg fahren, was manchmal etwas umständlich ist. Einmal habe ich beim Füllen des Plastiktanks in der Kabine eine Sekunde lang nicht aufgepasst, und schon war die ganze Gondel geflutet. Das ging erstaunlich schnell. Genauso schnell musste die Kabine wieder getrocknet werden, weil die nächste Gästegruppe schon bereitstand. Rund achthundert Kubikmeter pro Jahr transportieren wir mit der Seilbahn. Der Stanserhorn-Gipfel hat eben keine Wasserquelle. Darum sammelt man oben Regenwasser in Tanks und bereitet es mit einer UV-Filteranlage zu Trinkwasser auf. Auch das Wasser vom Terrassenboden wird gesammelt, zum Beispiel für die Spülkästen der Toiletten. Ja, Wasser ist hier ein Dauerthema und Regen in vielerlei Hinsicht auch eine Art Segen. Es liegt immer im Auge des Betrachters.

Mein Handy funktioniert jedenfalls noch, trotz Feuchtigkeit, und so kann ich etwas später, wieder auf der Bahn, den Anruf von Herrn Meister entgegennehmen. Mit klammen Fingern klaube ich das Gerät aus einer meiner vielen Innentaschen.

»Ich gratuliere, liebe Frau Flury!«, sagt er. »Das Los ist angekommen. Es ist alles in Ordnung. Sie haben morgen schon die Unterlagen, von denen ich gesprochen habe und die Sie uns ausgefüllt retournieren müssen. Ich freue mich mit Ihnen!«

Wenn er sich mit jedem Gewinner freut, hat er tatsächlich einen erfreulichen Job, im wahrsten Sinne des Wortes, geht es mir durch den Kopf. Nun – ich freue mich auch. Riesig! Und das miese Wetter spielt plötzlich auch für mich keine Rolle mehr. Ich bin schließlich ab sofort freiwillig hier, müsste überhaupt nicht mehr arbeiten. Aber das braucht im Moment keiner zu wissen. Zuerst werde ich nämlich Guido damit überraschen.

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