– Situationsanalyse
• In einem zweiten Schritt, der Situationsanalyse, sollten dann alle verfügbaren und in irgendeiner Weise relevanten Sachinformationen, die das zur Diskussion stehende Problem betreffen könnten, zusammengetragen, sachgerecht zueinander in Beziehung gesetzt und ausgewertet werden. Stellt man sich eine Expertenkomission vor, die über die Frage berät, ob Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt sein soll oder nicht, so wäre hier vor allem die Kompetenz von Naturwissenschaftlern, aber z.B. auch von Juristen und Politikern gefragt. Der Theologe wird in dieser Phase der ethischen Urteilsbildung sozusagen als Vertreter der gebildeten Laien vor allem zuhören, um allgemeinverständliche Erklärungen bitten und Rückfragen formulieren.
– Sichtung von Handlungsalternativen
• In einem dritten Schritt wären im Hinblick auf das anstehende Problem sodann alle denkbaren Handlungsalternativen zu sichten, und zwar ohne sofort zu bewerten. Oft wird diese Phase der ethischen Urteilsfindung allzu schnell übersprungen, was zur Folge hat, dass mögliche und vielleicht sinnvolle Handlungsmöglichkeiten vorschnell als »unrealistisch«, »undurchführbar«, »unverantwortlich« u.Ä. abqualifiziert werden. So wäre z.B. vor 30 Jahren in einer Diskussion über Energiefragen dem Vorschlag, größere Forschungsmittel für die Konstruktion sich selbst steuernder Kraftfahrzeuge bereitzustellen, vermutlich überhaupt kein Gehör geschenkt worden.
– Normenprüfung »Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: ›Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft‹ ( 5. Mose 6,4.5). Das andre ist dies: ›Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‹ (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.« Mk 12,28–31
• In der nächsten Phase der ethischen Urteilsfindung, der Normenprüfung, muss es nun darum gehen, welche Maßstäbe, Normen und Werte wir eigentlich an das zur Entscheidung stehende Problem anlegen wollen. Dies wäre in einer Expertenkomission nun sicher die Stunde der Theologen und Philosophen, wobei es allerdings sehr kurzschlüssig wäre zu meinen, Naturwissenschaftler könnten Fragen der Moral und der Ethik einfach an dafür zuständige Fachleute delegieren. Sicherlich werden Naturwissenschaftler in Fragen der Begründung von Normen und Werten zunächst einmal beim Geisteswissenschaftler lernen können – ebenso wie der Geisteswissenschaftler in Fragen der Sach- und Situationsanalyse von Naturwissenschaftlern –, entscheiden und ihre Entscheidung verantworten müssen letztlich aber alle an der Entscheidungsfindung Beteiligten. Theologen und Philosophen können sich nicht in den Elfenbeinturm abstrakter theologisch-philosophischer Gedankenakrobatik zurückziehen, und Naturwissenschaftler können sich in Fragen der Ethik nicht einfach für nicht zuständig erklären.
Welche Werte, Normen und Maßstäbe gelten sollen, ist in unserer pluralistischen Demokratie umstrittener denn je. Soll bei der Frage, ob der Arzt einem Todkranken sogenannte »Sterbehilfe« leisten darf, das fünfte Gebot gelten oder der Grundsatz der Vermeidung von unnötigen Schmerzen oder der Eid des Hippokrates oder das Recht des Einzelnen, über sein Leben selbst zu bestimmen? Oder kann nicht z.B. auch die Kostenfrage (blockiert der Kranke nicht unnötig Bettenkapazitäten?) ein Kriterium sein? Ist der Zustand, in dem sich der Kranke befindet, noch als »Leben« zu bezeichnen? Was ist eigentlich »Leben« – biologisch, philosophisch, theologisch? Soll »Leben« um jeden Preis erhalten und verlängert werden? Wenn nicht, wer ist dann befugt, aufgrund welcher Kriterien zu entscheiden? Diese und viele andere Fragen sind nicht leicht zu beantworten. Aber eine Gesellschaft, die ethische Entscheidungen nicht dem Zufall oder den Gesetzen der Technokratie überlassen will, wird sich an diesem Punkt nicht einfach durch Verdrängung oder Delegation an Experten aus der Verantworung stehlen dürfen.
– Entscheidung
Entscheidungen erweisen sich im Nachhinein immer wieder als falsch. Sie müssen deshalb möglichst »reversibel« bleiben.
• Hat sich eine Gruppe von Entscheidungsträgern, die sich je nach Umständen und Gegebenheiten sehr unterschiedlich zusammensetzen kann, auf eine gemeinsame ethische Grundlage verständigt (womit mehr gemeint ist als ein formelhaftes Zitieren einiger Formulierungen aus dem Grundgesetz!), dann müssen so oder so Entscheidungen getroffen werden. Da Menschen fehlbar sind und die Folgen von Entscheidungen immer nur bis zu einem gewissen Grad prognostizierbar sind, lässt sich nie ausschließen, dass trotz aller Bemühungen und trotz guten Willens auch Entscheidungen getroffen werden, die sich möglicherweise später als falsch und verhängnisvoll erweisen und die die Entscheidungsträger im Nachhinein bereuen. Ein ganz zentraler Gesichtspunkt im Hinblick auf eine Ethik naturwissenschaftlicher Forschung ist deshalb, dass Entscheidungen »reversibel«, d.h. umkehrbar und revidierbar sein müssen, falls sich im Laufe der Zeit nämlich Erkenntnisse einstellen, die zum Zeitpunkt der Entscheidung noch niemand vorhersehen und mitbedenken konnte. Genetische Eingriffe in das menschliche Erbgut z.B. sind beim jetzigen Stand der Genetik nicht umkehrbar und werden zumindest von den großen Kirchen schon aus diesem Grund grundsätzlich abgelehnt.
Ethische Urteilsfindung ist ein hermeneutischer Prozess.
→ Hermeneutik
Anzumerken bleibt schließlich noch, dass es sich beim Prozess ethischer Urteilsbildung wie beim Verstehen um einen hermeneutischen Prozess handelt. Dieser Prozess ist – wie alle hermeneutischen Prozesse – zirkulär, nie endgültig abschließbar und von Interessen geleitet. Wer über Werte und Normen nachgedacht hat oder wer gar die Folgen seiner Entscheidung sieht, wird auch das Problem schon wieder anders definieren und bei der Situationsanalyse, da sich inzwischen ja auch die Situation geändert hat, andere und neue Faktoren miteinbeziehen. Und wer an ein Problem mit dem Vorverständnis herangeht, dass er und alle Kreaturen Geschöpfe eines Gottes sind, wird das Problem anders angehen als jemand, der die Welt und das Leben insgesamt nur als einen Reflex physikalischer und biochemischer Vorgänge wahrnimmt, oder als jemand, dessen oberste Maxime es ist, dass seine Partei unbedingt die nächste Landtags- oder Bundestagswahl gewinnen muss.
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