Er lachte sie aus, ließ den Fisch in den Kessel gleiten und nahm einen neuen Wurm aus der Büchse. «Hast du den Baschi jetzt getroffen?», fragte er.
«Hach ja … du, das ist ein Blöder!»
«Du hast eine Ahnung!»
«Der Netteste hier ist noch Anselm, finde ich.»
«Außer mir, hoffentlich!»
«Uh, du Dreckfink!», rief sie mit einem Blick auf den Wurm, der sich in Xavers Fingern ringelte, wich zurück, schüttelte Kopf und Schultern, dass die Locken flogen, und lief weg.
Anselm stand an der Eglibucht und fischte auf Hechte. Er hielt mit beiden Händen die lange Rute und beobachtete den Schwimmer, aber manchmal vergaß er das auch und begann etwas anderem nachzusinnen, das mit dem Fischen nichts zu tun hatte. Er sann unbestimmt und müßig dem Mädchen Ilse nach, er sah ihr feingeformtes Gesicht, bedachte den freundlich offenen Blick, den sie bei der Vorstellung auf ihn gerichtet hatte, und fand sie sympathischer als alle ihm bekannten Mädchen. Er fand es fast wider seinen Willen und folgerte nichts daraus, denn im Grunde spürte er, wie sehr sie als Unberufene die Heimlichkeit des Inselfriedens bedrohte. Als er sich einmal umwandte, stand sie seitlich hinter ihm und blickte unbefangen auf den Korkschwimmer hinaus.
«Darf man ein wenig zusehen?», fragte sie.
«Ja gern!», erwiderte er und blickte auch seinerseits auf den Schwimmer. Nach einer Weile schaute er sie flüchtig an und sagte: «Kurzweilig ist es zwar nicht, einem Fischer zuzusehen.»
«Nein, nicht immer. Aber vielleicht fangen Sie etwas … Xaver hat vorhin etwas gefangen, einen Hasel, glaub ich.»
«So? Ja … damit kann man wenig anfangen.»
«Kann man Hasel nicht essen?» Sie trat einen Schritt vor und stand an seiner Seite.
«Doch, gebacken geht’s, aber es ist nichts Besonderes.»
Ilse schwieg darauf, sie wollte nicht den Eindruck erwecken, als ob sie hierhergekommen sei, um zu schwatzen. Die Hände mit den Daumen oberhalb der Brust in die schmalen Tragbänder des Badekleides eingehängt, stand sie gelassen da und schien es ganz in Ordnung zu finden, dass auch Anselm schwieg.
Er hätte nicht für möglich gehalten, dass man halb nackt so unbefangen nebeneinanderstehen könnte, und war froh, dass man es konnte. Es bewies ihm, dass sie ein natürliches, ernsthaftes Wesen war und keine liederliche Nixe, aber auch keine gezierte Unschuld, die sich schämen musste in ihrem enganliegenden Badekleid, mit ihren entblößten Schultern, Armen und Beinen; es bewies ferner, dass er erwachsen und reif genug war, um so etwas ohne Scheuklappen ertragen zu können und sich seiner eigenen Nacktheit nicht vor ihr schämen zu müssen.
«Essen Sie gern Fische?», fragte er.
«Ja, wenn sie nicht zu viel Gräten haben. Bei uns zu Hause gibt’s fast jeden Freitag Fische, aber Meerfische, glaub’ ich …»
«Süßwasserfische sind auch nicht zu verachten, Hechte oder Barsche zum Beispiel. Am besten sind ja allerdings Forellen …»
«Uh ja, die hab’ ich gern.»
«Aber Sie sollten auch einmal einen Hecht probieren …»
«Das möchte ich schon, ja …»
Sie plauderten so und blickten einander lächelnd an. Anselm errötete manchmal, wenn er ihren Augen begegnete, und verstummte auch wieder. Er spürte das Bedürfnis, die Unterhaltung auf einer etwas höheren Stufe fortzuführen, die seiner glücklichen Gehobenheit und diesem seltenen Augenblick angemessener wäre, doch zugleich fand er es schön, schweigend neben ihr zu stehen und zu fühlen, dass auch sie nicht ungern hier so still neben ihm stand.
Aber während eines solchen doch immerhin bedrängten Schweigens fuhr Ilse plötzlich mit der Hand an den Nacken, wandte sich um und drang erheitert auf Robert ein, der sie mit einem Schilfrohr gekitzelt hatte. Sie riss ihm das Rohr aus der Hand, schlug ihn damit und verfolgte ihn lachend ins Gehölz hinein.
Anselm fand das unverschämt von Robert und wartete mit gerunzelter Stirn, dass sie an seine Seite zurückkehre. Er wartete fünf Minuten lang bangen Herzens umsonst, dann bemerkte er zu seiner Entrüstung, dass Ilse und Robert dem Inselufer entlang schwammen und sich gegenseitig bespritzten. Das konnte nur Robert angestiftet haben, Ilse allein hätte es nie getan. Es war unkameradschaftlich und gegen die Regel, die bisher hier gegolten hatte, es machte jede weitere Fischerei unmöglich und verpfuschte diesen ganzen verheißungsvollen Spätnachmittag. Anselm blickte wütend auf seinen Freund hinaus und zog die Angelrute ein.
Karl ging auf der Insel herum, empört, mit einem verbissenen Gesicht, und streute giftige Bemerkungen aus. «Ist hier vielleicht ein Strandbad eröffnet worden?», rief er Anselm zu. «Das hat man davon! Ich meinerseits bin fertig mit ihr, sie braucht nicht mehr hierherzukommen, ich danke für diesen Besuch.»
Anselm blickte ihn befremdet an und schwieg.
Indessen hatte der Himmel sich da und dort verfinstert, und über den östlichen Bergen donnerte es ein wenig. Das war ungefährlich; solang es nicht schwarz und blitzend von Westen heraufquoll, durfte man ruhig auf der Insel bleiben. Ilse aber floh ans Ufer, sie erklärte, vor Gewittern Angst zu haben, und überredete ihren Vetter, mit ihr abzufahren. Niemand hielt sie zurück. Die Fischer setzten noch einmal ihre Hechtruten, aber das Glück war für heute verscherzt, und da hier sonst nichts mehr zum Bleiben lockte wie früher, fuhren sie, noch eh der Abend dämmerte, verstimmt und wortkarg heimwärts.
Die Hochsommerschwüle hielt an, die Mücken tanzten, die Fische sprangen, und abends pflügte schon manchmal ein Gewitterwind schäumende Furchen auf. Kurz nach Mittag aber lag der See noch glatt und friedlich da, die Jünglinge standen zerstreut auf der Insel und blickten schweigend der blau leuchtenden, bräunlich schimmernden schmalen Mädchengestalt entgegen, die im Ruderboot dahergefahren kam. Am Hechtekap stand Anselm, und als Ilse nahe genug war, gab er sich so dem Fischen hin, als ob er sie nicht gewahrte. Er sah aber, dass Robert weglief, um sie an der Schifflände zu empfangen, ein wehes, bitteres Gefühl stieg in ihm auf, dergleichen er noch nie erlebt, und sein Herz bebte vor Spannung, was nun geschehen werde. Es geschah, was er inbrünstig gehofft, aber kaum zu erwarten gewagt hatte, Ilse kam von der Schifflände zu ihm, ohne sich viel um die andern zu kümmern, und trat mit einem freundlichen Gruß an seine Seite. Er blickte sie begeistert an, obwohl er sich beherrschen und die Entscheidung von ihrem weiteren Benehmen abhängig machen wollte; denn es ging ihm wirklich um eine Entscheidung, er glaubte, keine süße Halbheit und bloße Spielerei anzetteln zu dürfen, seine Neigung hatte heimlicherweise zugenommen und ihn so um alle Ruhe gebracht, dass er in seiner herben und ehrlichen Art sie nur noch ernst nehmen konnte.
Ilse stand nun wieder neben ihm, als ob das schon selbstverständlich wäre, aber sie hatte ein kleines Anliegen und brachte es alsbald vor. «Ich muss mich bei Ihnen noch entschuldigen», sagte sie und blickte ihm sanft in die fragenden Augen. «Ich habe mich ja letztes Mal leider zum Baden verleiten lassen … mir war so schwül … und vielleicht sind dann die Fische doch gestört worden. Es war mir nachher gar nicht recht … darum wollte ich mich bei Ihnen entschuldigen …»
«O, also deshalb, Fräulein Ilse», entgegnete er, tief und ernst gerührt, «deshalb brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, nein …»
«So haben Sie es mir also nicht übelgenommen?»
«Nein, gar nicht … ich kann Ihnen nichts übelnehmen, gar nichts kann ich Ihnen übelnehmen, im Gegenteil … ich freue mich so, dass Sie wiedergekommen sind, Fräulein Ilse, und … und dass Sie da bei mir sind … und …» Er legte die Angelrute unbedacht hin, sodass sie mit der Spitze ins Wasser schlug, eine unverzeihliche Sünde für jeden ernsthaften Fischer, er wurde rot und stammelte, ihm war unsäglich zumut.
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