Anselm nahm schweigend die Hechtrute auf und begann zu fischen.
«Hast du gesehen, was für Beine sie hat?», fuhr Robert fort. «Klassische Beine, kann ich dir sagen. Überhaupt, wie sie gewachsen ist! Und ein Badkleid hat sie, so etwas gibt’s bei uns nicht. Es liegt ganz eng an, hast du das gesehen?»
Anselm hatte es nicht geradezu übersehen, doch er hatte vor allem den unländlichen schmalen Schnitt ihres kindlich beseelten Gesichtes bemerkt und einen so freundlichen, klugen und offenen Blick auf sich gefühlt, wie ihn die einheimischen Mädchen in ihrer spröden Befangenheit nicht besaßen. Er zuckte über Roberts Wahrnehmungen die Achsel.
Robert merkte das kaum, er hatte auf seine Art Feuer gefangen und musste reden. «Sie ist ein Jahr jünger als wir, aber du, sie hat schon ganz reizende kleine Brüste, ist dir das nicht aufgefallen?»
«Sieh du lieber einmal nach, wie’s mit deiner Fischrute steht!»
Robert winkte ab, als ob ihm das Fischen gleichgültig geworden wäre, er hatte dagegen noch dies und jenes zu erwähnen und ging erst, als er durchaus kein Gehör dafür fand; leicht befremdet und nun seinerseits die Achseln zuckend, begann er vor sich hin zu pfeifen, ging und strich dem Mädchen nach.
Ilse blieb nicht lange, sie wollte noch ein wenig herumfahren, und Xaver ruderte sie weg. Sie kehrte der Insel den Rücken, aber dann wandte sie sich auf ihrem Sitz anmutig um und winkte. Karl und Robert standen auf dem Hechtekap und winkten auch, Anselm stand, ohne zu winken, hinter ihnen im Gebüsch, und noch weiter hinten schaute Sebastian aus dem Schatten der Bäume mit traumverlorener Miene dem ruhig fortgleitenden Boote nach.
Wenige Tage darauf betrat Ilse die Insel zum zweiten Mal. Hochsommerschwüle lag auf dem See, die Mücken tanzten dicht über dem Wasserspiegel, die Fische sprangen, und hoch im flimmernd blauen Himmelsgrunde standen gewaltige weiße Wolkenballen. Die jungen Fischer kannten die Gunst dieses gewitterverheißenden Nachmittags, sie hatten untereinander den bevorstehenden Besuch mit keinem Worte erwähnt und schienen nun eifrig beschäftigt. Karl aber konnte sich nicht enthalten, das Fräulein auf seinen Fangplatz einzuladen. «Fräulein Ilse, jetzt passen Sie auf», sagte er, «jetzt werde ich Ihnen einmal etwas vorfischen.» Ilse sah, wie der stramme und eifrige Bursche den Köder an der langen Rute weit hinausschwang, und hörte eine Weile gutmütig seinen Erläuterungen des Hechtfangs zu, aber als der Hecht nicht beißen wollte, begann sie sich zurückzuziehen. «Wenn Sie noch einen Augenblick Geduld hätten …», rief Karl, «ich werde es jetzt mit einem Egli versuchen, mein Gründeli da ist schon zu matt …»
Ilse hörte nicht recht darauf, sie ging ein wenig spazieren und traf an der Schifflände ihren Vetter Xaver. «Ich möchte am liebsten baden», sagte sie. «Aber wenn sie hier alle fischen …»
«Ja, es ist ein fabelhaftes Fischwetter, weißt du», erwiderte Xaver und suchte sich im Kessel ein Köderfischchen aus.
«Ach ja! Eben war ich bei diesem … wie heißt der Kleine, der so viel schwatzt?»
«Karl?»
«Ja, der. Er wolle mir etwas vorfischen, sagte er, und dann schwatzte er mir nur die Ohren voll. Er hat krumme Beine. Ich finde ihn komisch …»
Karl stand zu seinem Unglück ein paar Schritte hinter ihnen und hörte es, er war hierhergekommen, um den Köder auszuwechseln, und hatte nur darauf gewartet, dass Xaver den Kessel freigab. Jetzt wartete er nicht länger, er ging mit geröteter Stirn an seinen Platz zurück und blieb dort stehen, tief gekränkt, ja erbittert und im Augenblick unfähig, sich aus diesem Wirrsal von Weh und Zorn herauszufinden.
«Du solltest nicht auf die Beine sehen», entgegnete indessen Xaver seiner Base. «Übrigens gibt es noch krümmere. Karl spielt sich ja ein wenig auf, aber das tun die Kleinen meistens, wenn sie Rasse haben. Und was sein geöltes Maul betrifft, das kann er später brauchen, er will Advokat werden. Er ist ein ganz patenter Bursche.»
«Ja, kann schon sein … Aber dann ist da noch einer, den du mir noch gar nicht vorgestellt hast …»
«Baschi, jawohl! Ein feiner Typ und sehr intelligent. Er ist etwas scheu … aber vielleicht macht er sich nichts aus dir, du kannst nicht verlangen, dass dir hier alle den Hof machen wie Robert …»
«Pf! Ich weiß nicht, was er von mir will … Aber jetzt geh’ ich diesen Baschi suchen.»
Sebastian saß auf einem Stein zwischen Fels und Gestrüpp einer verborgenen Uferstelle. Er hatte die Hechtrute gesetzt, aber der Korkschwimmer lag still, und an der Angel war kein Köder mehr. Er blickte ins Wasser hinein und sah kleine Weißfische nach Mücken schnappen, er sah zwischen schlammgrauen Steinen einen Barsch auftauchen und sah eine Wasserjungfer auf dem grünen Teller eines Nixblumenblattes landen, aber er freute sich nicht darüber. Er empfand mit seinen äußeren Sinnen den Frieden, die Stille und Wärme des Inseltages, aber in seinem Innern hatte er nichts mehr damit zu tun, dort zitterte alles vor Spannung und strahlte eine sanfte Glut aus, die noch auf seinen Wangen widerschien. Er stand unruhig auf und spähte über die Böschung weg durch Buschlücken ins Wäldchen hinein, er setzte sich wieder, schaute ins Wasser und spürte von neuem, dass die Wunder der Insel ihn nicht mehr lockten. Er allein wusste, was seine Kameraden erst ahnten, dass hier der alte Zauber gewichen war, in dessen Bann sie gestanden hatten, und er trauerte darüber. Aber vom Grunde dieser leisen Trauer lohte sein Herz wie eine Flamme vom Opferaltar dem halbgöttlichen Mädchen entgegen, das die Insel entzaubert und alle ihre Eigenschaften in einer geheimnisvollen süßen Steigerung auf sich vereinigt hatte. Er wagte nicht, ihr selber zu begegnen, er hätte denn fähig sein müssen, zu singen, zu knien oder zu schweben; mit dem Reste seiner Vernunft stellte er fest, dass dies nicht anging, da zwischen seinem Entzücken und der wirklichen Lage ein Unterschied bestehen könnte. Ein Schimmer ihrer nackten Schultern, die Anmut einer flüchtig wahrgenommenen Bewegung oder ein verwehender Silberklang ihres Lachens genügten, ihm Herz und Seele berauschend mit ihrer Gegenwart zu erfüllen.
Nun suchte aber Ilse den Verborgenen und fand ihn. Sie kam im Wasser dem Ufersaum entlang, ein wenig schwankend, mit ausgebreiteten Armen, um sich auf dem steinigen Grund im Gleichgewichte zu halten, und stand mit einem leisen Laut der Überraschung plötzlich vor ihm.
«Störe ich?», fragte sie.
«Nein, nein!», entgegnete er, heftig errötend.
«Es ist furchtbar, auf den Steinen hier zu gehen … Ja, ich möchte nämlich nicht stören, es soll ja so günstiges Fischwetter sein …»
«Ja», sagte er, und ein Lächeln tiefster Verlegenheit zog über sein gutmütiges Gesicht.
«Noch nichts gefangen?»
«Nein!»
«Dann ist es vielleicht doch nicht so günstig … die andern haben auch noch nichts gefangen … Aber jetzt geh’ ich hier nicht weiter, es ist wirklich furchtbar …» Sie stieg aus dem Wasser und blickte, drei Schritte von Sebastian entfernt, ins Ufergestrüpp hinein. «Hier wird man wohl durchkommen … oder hat’s hier Dornen?»
«Ich glaube nicht, nein.»
Sie kletterte über zwei kleine Felsblöcke hinauf, verweilte einen Augenblick, schlüpfte ins Gebüsch und verschwand.
Offenen Mundes stand Sebastian da, hastig atmend, eine wechselnde Röte auf Stirn und Wangen, verwirrend beschämt und beglückt zugleich und in dieser Verwirrung ganz ohne Urteil über das eben Geschehene.
Ilse schlenderte zu ihrem Vetter hinüber, der wieder mit Würmern fischte und einen ansehnlichen Hasel gefangen hatte, den er eben von der Angel nahm.
«Ilse, halt mir den Hasel da!», rief er zum Scherz und streckte ihr den zappelnden schleimigen Fisch hin.
«Äh pfui!», rief sie, mit beiden Händen abwehrend.
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