Die Tatsache, dass in vielen studentischen Arbeiten alltagssprachliche Formulierungen begegnen, rührt nicht zuletzt daher, dass die Alltagssprache der geläufigste Funktiolekt ist. Solche Arbeiten lesen sich dann stellenweise wie eine mündliche Kommunikation.
(aus einer studentischen Abschlussarbeit):
In der heutigen Zeit gibt es zu fast jedem beliebigen Thema Ratgeber in allen möglichen Formen, wie Bücher, Fernseh- und Radiosendungen, Internetforen oder (Online-)Videos. Im Alltag ist man immer wieder mit Situationen konfrontiert, in denen man sich beraten lässt: beim Einkauf, beim Arztbesuch, bei der Finanzberatung der Bank, beim Studium, im Beruf oder bei der Steuerberatung.
Formulierungen wie zu fast jedem beliebigen Thema oder in allen möglichen Formen sind Sprachmuster aus der Alltagskommunikation. Dort haben sie ihre Berechtigung, weil es nicht um die wissenschaftliche Genauigkeit geht. Ihre Verwendung in einem wissenschaftlichen Text wirkt sich jedoch negativ auf dessen sprachliche Qualität aus.
Nicht so |
So formulieren Sie besser |
Das ist verdammt schwer. |
Der Schwierigkeitsgrad ist hoch. |
Die Entwicklung der Kulturtheorie in den letzten Jahren lässt sich nicht in wenigen Worten erzählen. |
Die Entwicklung der Kulturtheorie in den letzten Jahren lässt sich nicht in wenigen Worten zusammenfassen. |
Die Formulierungen der linken Spalte sind typisch für den Sprachgebrauch im Alltag. Will man den gleichen Inhalt in einem wissenschaftlichen Text kommunizieren, muss man auf wissenschaftssprachliche Ausdrücke wie in der rechten Spalte zurückgreifen.
Zur Vermeidung oder Beseitigung von alltagssprachlichen Formulierungen und Ausdrücken in wissenschaftlichen Texten ist es notwendig, die Unterschiede zwischen der Sprache der Nähe (Alltagssprache) und der Sprache der Distanz (Wissenschaftssprache) in den Blick zu nehmen (vgl. Tabelle oben).
Die Ansprüche an die Wissenschaftssprache Deutsch sind vielfältig. Sie betreffen vor allem drei große Bereiche:
Wortwahl
Satzbau
Stilebene
Übung 4:
a) Ordnen Sie die beiden Texte der Alltagssprache und der Wissenschaftssprache zu.
Text 1 |
Text 2 |
„Also ich bin sehr ein Sicherheitsmensch und hab auch heute noch ne Tendenz eher zu viel zu lesen zu nem Thema, es gibt ja verschiedene Typen. Die einen haben ne Idee und fangen mal an zu rödeln und zu basteln. Ich fühl mich immer sicherer wenn ich so das Forschungsfeld überblicke und deswegen sammel ich immer, also – fürchterliche Berge von Büchern. Ich weiß noch bei meiner Habilitation hat irgendwann mein Mann sich furchtbar beklagt, weil er immer noch Kisten für mich durch die Gegend geschleppt hat zurück zur Bib und von der Bib, also es waren wirklich – Wagenladungen“ (Krähling 2010:91) |
„Konrad Ehlich sieht die wissenschaftssprachliche Kompetenz vor allem als ein „Depositum“, als historische gewachsenen „Speicher“ domänenspezifischer kognitiver Prozeduren (Ehlich 1999:10). Er akzentuiert damit die denotative, die begriffliche Strukturierungsleistung. In sozialsemantischer Perspektive lässt sich die Beherrschung des Ausdrucksinventars im Unterschied dazu als ein Habitus fassen, als ein System verinnerlichter Verhaltensmuster, das dem „Common sense“ in der Wissenschaftskommunikation entspricht. In dieser Sicht ist der konnotative Anspielungswert der Ausdruckstypik mindestens ebenso hoch zu gewichten wie das kognitive Strukturierungspotential.“ (Feilke/Steinhoff 2003:118) |
Text 1: _________________________________________ |
Text 2: _________________________________________ |
b) Nennen Sie die jeweiligen sprachlichen Mittel und ordnen Sie sie den Kategorien in der Tabelle zu.
Kategorie |
Alltagssprache |
Wissenschaftssprache |
Wortwahl |
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Satzbau |
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Stilebene |
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Sonstiges |
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Übung 5:
Formulieren Sie die folgenden alltagssprachlichen Sätze in die Wissenschaftssprache um und erklären Sie, nach welchem Kriterium Sie den Satz jeweils verändert haben.
Alltagssprache |
Wissenschaftssprache |
Kriterium |
Man erwartet, dass man beim Schreiben einer wissenschaftlichen Arbeit mit fremdem Gedankengut korrekt umgeht. |
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Immer wenn wir atmen, verbrauchen wir eine recht große Menge Sauerstoff. |
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Der Verfasser dieses Artikels schimpft über die angeblich falschen Theorien seiner Vorgänger. |
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Der Verfasser des Artikels hat am Ende seines Kapitels keine Zusammenfassung geschrieben. Das ist aber nicht so tragisch. |
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Das Inhaltsverzeichnis entspricht nicht den wissenschaftlichen Ansprüchen, weil es ist nicht vollständig. |
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Die genaue Festlegung der Gedankenführung wird natürlich schon im Inhaltsverzeichnis vorgenommen. |
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Man muss heute differenzieren und individualisieren, wenn man gut unterrichten will. |
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Ich ging eigentlich davon aus, dass dies ein fruchtbarer Ansatz wäre. |
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Mein Nachbar hat mir bestätigt, dass Polizeigewalt in Deutschland immer mehr zunimmt. |
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Genderforschung ist ja ziemlicher Quatsch. |
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Unsere geliebte Bundeskanzlerin hat ganz richtig gesagt, dass wir ein starkes Europa brauchen. |
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Diese Blumen da, die blühen so rot-orange. Manchmal auch gelb. |
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Das stimmt einfach nicht. |
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Nachdem ich die Testphase abgeschlossen hatte, kam nun der nächste Schritt. Ich führte erste Versuche durch. Jetzt unter realistischen Bedingungen. |
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Forschungen haben gezeigt, wie ähnlich das Erbgut von Menschen und Menschenaffen ist. Diese müssen nun vertieft werden. |
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Ob diese Hypothese zutrifft, liegt im Auge des Betrachters. |
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Die Erläuterungen zu den einzelnen Bereichen der Wissenschaftssprache sollen in den folgenden Kapiteln Schritt für Schritt dabei helfen, die jeweiligen sprachlichen Anforderungen einer wissenschaftlichen Arbeit zu erfüllen.
Übung 6:
Wie gut sind Sie mit den Anforderungen an die Wissenschaftssprache Deutsch vertraut? Kreuzen Sie an, welche Aussagen zur Wissenschaftssprache Deutsch zutreffen, und welche nicht.
Aussagen über wissenschaftliches Schreiben |
trifft zu |
trifft nicht zu |
Wissenschaftssprache sollte einen möglichst komplizierten Satzbau haben. |
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Je mehr Fremdwörter, desto besser. |
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Präzision und Verständlichkeit sind die obersten Gebote beim wissenschaftlichen Schreiben. |
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Es macht nichts, wenn niemand meinen wissenschaftlichen Text versteht. |
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Wissenschaftssprache ist nun mal unverständlich. |
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Es ist möglich, komplizierte Inhalte verständlich auszudrücken. |
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In wissenschaftlichen Texten dürfen sich ruhig auch mal flapsige Bemerkungen finden. |
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Das mit dem Zitieren muss man nicht so genau nehmen, dann spart man sich viel Arbeit. |
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In wissenschaftlichen Texten soll man am besten durchgängig den Nominalstil verwenden. |
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Der Ich-Gebrauch ist in wissenschaftlichen Texten absolut tabu. |
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Fremdwörter und Fachbegriffe sind das gleiche. |
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Hauptsache, es klingt kompliziert! |
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Wissenschaftliches Schreiben kann man lernen. |
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Um besser zu differenzieren, sollte man möglichst mehrdeutige Begriffe verwenden. |
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Die Umgangssprache erleichtert die Verständlichkeit eines wissenschaftlichen Textes. |
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Fachbegriffe werden gewählt, weil sie treffend und prägnant sind. |
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Ein journalistischer Schreibstil unterscheidet sich vom wissenschaftlichen Schreibstil. |
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Wissenschaftliche Texte sollten in einer unpersönlichen Sprache formuliert werden. |
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Der rote Faden lässt sich in einem wissenschaftlichen Text auch sprachlich herstellen. |
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Statt geläufiger Wörter sollte man in einem wissenschaftlichen Text ausschließlich Fach- und Fremdwörter verwenden. |
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Eine einfache Darstellung der Inhalte wirkt sich negativ auf die Qualität des Textes aus. |
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Lösungen zu Kapitel 1
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