Die Kolonie wies ein höchst ungleiches demographisches Verhältnis der Geschlechter auf, da die meisten Neueinwanderer unverheiratete Soldaten oder andere Angestellte waren. Viele Soldaten arbeiteten, teilweise während ihrer aktiven Dienstzeit, als Handwerker oder Lehrer in den ländlichen Bezirken. Die meisten fanden keine Frau und konnten damit keine Nachkommen zeugen, sofern sie nicht mit einer Sklavin oder einer Khoikhoifrau zusammenlebten. Bei den wohlhabenden Siedlern in der Umgebung von Kapstadt glich sich das Verhältnis der Geschlechter jedoch schon früh aus, wodurch ein engmaschiges verwandtschaftliches Netz entstehen konnte. Je ausgeglichener das Geschlechterverhältnis, desto stärker die rassistische Abschließung gegenüber der dunkelhäutigen Bevölkerung: Diese Beobachtung, die sich in zahlreichen Siedlungskolonien bestätigt, trifft auch auf die Kapkolonie zu, wo sich im Verlauf des späteren 18. Jahrhunderts eine solche Verfestigung der sozialen Verhältnisse zwischen den »Rassen« herauszubilden begann. Das durchschnittliche Heiratsalter lag mit 17 Jahren bei Frauen deutlich unter dem in Europa. In manchen ländlichen Regionen trafen Reisende des 18. Jahrhunderts auf Familien mit zehn und mehr Kindern. Die hohe Fruchtbarkeit weißer Frauen kann man unter anderem damit erklären, dass sie ihre Kinder nicht selbst stillten, sondern dies ihren Sklavinnen überließen. Da die Empfängnisbereitschaft während der Zeit des Stillens erheblich reduziert ist, hatten die Sklavinnen weniger Nachwuchs als ihre weißen Herrinnen, die oft kurz nach der Niederkunft wieder schwanger wurden. Die Strapazen zahlreicher Schwangerschaften und Geburten waren nur zu ertragen, weil die Siedlerfrauen durch Arbeit ihrer Sklavinnen von vielen Tätigkeiten entlastet wurden.
Die Dynamik der kolonialen Expansion war neben dem hohen natürlichen Bevölkerungszuwachs von dem niederländisch-römischen Erbrecht der Realteilung bestimmt. Im Erbfall waren alle Kinder sowie die Witwe erbberechtigt, der die Hälfte des Erbes zustand, während die Kinder gleiche Anteile erhielten. In der Regel übernahm einer der Söhne die elterliche Farm und bezahlte seine übrigen Geschwister aus, meist in Form von Vieh. Es diente als Grundkapital, mit dem sich eine neue Herde aufbauen ließ. Die anderen Brüder zogen mit diesen Herden in die Randzonen der Kolonie und ließen sich dort nieder. Das ab 1702 eingeführte System der loan farm erleichterte ihnen das außerordentlich, denn sie konnten sich ein Stück Land von bis zu 2400 Hektar abstecken und mussten dafür nicht mehr als eine nominelle Pacht von 24 Rixdollar an die Regierung bezahlen; später konnte das Pachtverhältnis in Eigentum umgewandelt werden. Faktisch war Land für Weiße leicht zu bekommen und die Farmen waren von der Fläche so riesig, dass sie als Familienbetriebe nicht zu bewirtschaften waren. Ein Vergleich mit der Größe amerikanischer Farmen, die im Durchschnitt 64 Hektar umfassten, macht dies unmittelbar evident. Die extensive Wirtschaftsform generierte damit die Nachfrage nach billigen Arbeitskräften, die Ausbreitung der Siedlung bedeutete Land- und Weideverlust für die Khoisan, die oft keine Alternative mehr hatten, als für die weißen Farmer als Viehhirten und Hausangestellte zu arbeiten.
Die riesigen Entfernungen beschnitten die Möglichkeiten der Regierung, die Siedlungsexpansion wirksam einzugrenzen. Seit etwa 1730 beschleunigte sich das Tempo der Ausbreitung, nachdem die in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Gebirge bei Stellenbosch und Drakenstein überwunden waren und die Zahl der Siedler durch natürliche Vermehrung weiter anwuchs. Die Farmer suchten sich zunächst die fruchtbarsten und am besten gelegenen Landstücke für ihre Farmen, sodass Gebiete zwischen diesen verblieben, die als Rückzugsräume für die Khoikhoi und San dienten bzw. von allen Bewohnern für die Jagd oder als Weideland genutzt wurden. Noch Ende des 18. Jahrhunderts gab es in dem riesigen Distrikt Graaff-Reinet lediglich 492 Farmen.
Mit der dichter werdenden Besiedlung durch Weiße nahm der übriggebliebene Raum für die Khoikhoi und San aber sukzessive ab, welche entweder in Kämpfe mit den Weißen verwickelt oder in abhängige Arbeitsverhältnisse gezwungen wurden. Die Farmer im Landesinneren entwickelten eine Subsistenzwirtschaft ohne nennenswerte Marktanbindung, zumal es kaum etwas gab, das sie mit anderen Farmern hätten tauschen können. Nur wenige spezialisierten sich auf bestimmte Tätigkeiten, wie etwa den Wagenbau. Überschüsse wurden nur produziert, um bei reisenden Händlern wichtige Waren wie Waffen und Munition, Werkzeuge und andere Dinge einzukaufen, die man nicht selbst herstellen konnte. Das war nicht sehr viel, da die meisten Farmer ihre Häuser selbst bauten, die eigene Kleidung selbst anfertigten und auch die Lebensmittel zum Eigenbedarf selbst produzierten. Die Tätigkeit des Farmers beschränkte sich oft auf die Aufsicht über seine Abhängigen sowie auf die Jagd und einen als Arbeit ausgegebenen Müßiggang. Kein Wunder, dass die Farmen wenig Produktivität entwickelten. Die Einstellung der Farmer zur Arbeit wie auch die fehlenden Marktanreize bewirkten eine gleichförmige Ausbreitung von Selbstversorgungsbetrieben.
In den ariden Gebieten im Norden der Kolonie pflegten die Farmer eine halbnomadische Lebensweise, da sie mit ihrem Vieh periodisch zwischen verschiedenen Weiden wechseln mussten, die sogenannte Transhumanz. Für sie bürgerte sich die Bezeichnung Trekboer (ziehender Bauer) ein, wobei sie sich an afrikanische Lebensweisen anpassten; dies konnte soweit gehen, dass die Weißen die Bauweise der leicht zu errichtenden Grasmattenhütten der Khoikhoi übernahmen. Dessen ungeachtet blieb das Ideal der Lebensstil im Boland (Oberland), der Umgebung Kapstadts, dem man sich anpasste, sobald sich die Möglichkeit ergab. Da aufgrund der relativ hohen Siedlungsdichte im Boland immer wieder Siedler abwanderten, brachten sie die Normen der dortigen sozialen Ordnung ins Hinterland. Selbst diejenigen Weißen, die mit schwarzen Frauen zusammenlebten und jahrelang am Rand der Siedlungsgebiete herumstreunten, pflegten einen ausgeprägten Rassismus. Das Christentum, die oft nur rudimentäre Alphabetisierung, der Besitz einzelner Möbelstücke und zunehmend die Hautfarbe dienten als Distinktionsmerkmale.
So entwickelten sich die Farmen, die Täler und Siedlungsinseln zu in sich gekehrten, selbstgenügsamen Gemeinschaften. Gleichzeitig erklärt dies die große Gastfreundschaft der Farmer, die (weiße) Fremde immer bereitwillig aufnahmen und verköstigten. Denn jeder konnte in die Situation kommen, eine Unterkunft bei Unbekannten suchen zu müssen. Überdies erfuhr man in einer zeitungslosen Welt von Besuchern Neuigkeiten. Treffen der Farmer gab es alle Vierteljahre, wenn sie sich zum Nagmaal, dem gemeinsamen Gottesdienst mit Abendmahl, trafen. Ansonsten waren die Farmen auch religiös weitgehend auf sich gestellt. Ein Prediger kam noch seltener vorbei als der Hausierer mit seinen Waren. Die Kinder wurden auf die Farmschule geschickt, wenn es eine solche gab, wo sie von Lehrern unterrichtet waren, die oft selbst nur über eine zweifelhafte Bildung verfügten. Nur in Ausnahmen wurden auch die Kinder der dunkelhäutigen Abhängigen zum Unterricht zugelassen. So beschränkte sich die Lektüre der Farmer auf die große, meist in Leder gebundene Familienbibel, die gleichzeitig als Familienstammbuch diente, in deren freie Seiten die Geburten und Todesfälle eingetragen wurden.
Gemeinschaftsbildend wirkten militärische Aktivitäten, die über die sogenannten Kommandos, regionale Milizen, organisiert wurden. Die Beamten der Region, meist der lokale Veldkornet und bei größeren Aufgeboten der Landdrost als der höchste Distriktbeamte, beriefen die Kommandos ein und befehligten sie. Ansonsten wurde die Gesellschaft durch die Verwandtschaftsbeziehungen zusammengehalten. Da die jüngeren Familienangehörigen oft an die Siedlungsgrenze zogen, wo noch Land zu haben war, waren Verwandtschaftsnetze weit gespannt und es bildete sich früh der Brauch heraus, Besucher nach ihren Vorfahren und ihrer familiären Verortung auszufragen, um mögliche Verwandtschaften zu eruieren. Die weißen Farmer entwickelten dabei soziale Selbstzuschreibungen, die durchaus Ähnlichkeiten zu denen ihrer afrikanischen Nachbarn aufwiesen, auch wenn die Familienstrukturen grundsätzlich europäisch geprägt blieben.
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