Stuttgart - am 21. August 1998
Nach genau 936 Samstagen oder an einem Samstag vor genau achtzehn Jahre stehen wir wieder auf dem Flughafen Stuttgart. Wir erwarten unsere Tochter von ihrer ersten Reise in den fernen Urlaub zurück. Die Lichter auf der großen schwarzen Anzeigetafel blinken nervös, hellgrün leuchtend auf. Die Maschine ist gelandet.
Dieses Mal nicht aus dem fernen Peru vom Ende der Welt, aus Lateinamerika, sondern aus dem nahen Ibiza. Dieses Mal ist es nicht spät abends, sondern Mittagszeit und dieses Mal stehen wir als Eltern hinter den Sicherheitstüren des Zolls.
Und noch etwas ist grundlegend anders: Heute erwarten wir unsere achtzehnjährige, volljährige Tochter, groß, schlank, sichtlich gut erholt und noch brauner als sonst, strahlend an der Seite ihres langjährigen, groß gewachsenen, sportlichen, blonden Freundes.
Uns beiden Wartenden gehen wohl dieselben Gedanken durch den Kopf und berühren unsere Herzen. Wir sehen so, als wäre es erst neulich passiert, ein kleines, schwarzhaariges Etwas bäuchlings in einer blauen Babytragetasche verpackt, wenige Wochen alt und völlig durcheinander von den sich überschlagenden Ereignissen.
Aus dem dunklen, kleinen Bündel Mensch ist heute eine hübsche, junge, strahlende Frau geworden: damals wie heute unsere Tochter, unsere Adoptivtochter aus Lima, dem Lande der Inkas.
Achtzehn Jahre voller Samstage. Auch an diesem Samstag nach genau achtzehn Jahren. Purer Zufall, Glück, Schicksal.
Solange wir warten, wandern unsere Gedanken und Gefühle blitzschnell, fast wie in einem Filmriss rückwärts. Viel zu schnell sind die Jahre enteilt und vergangen. Achtzehn Jahre, obwohl laut Kalender noch zwei Tage fehlen bis zum damaligen Datum. Damals.
Wir versuchen, aus der quirligen Schar der Urlauber unsere lachende, braun gebrannte Tochter zu entdecken. Wir winken schon einmal mit der lachsroten, langstieligen Rose.
Damals stand ich aufgeregt, übermüdet, durcheinander und aufgelöst jenseits der Tür in der Masse der zum Ausgang strömenden Fluggäste eingekeilt.
Damals stand ein gerade zum Vater gekürter „Vater“, einen großen bunten Sommerstrauß schwenkend und mit klopfendem Herzen harrend auf der Empfangsseite. Er schaute angestrengt in die dem Ausgang zustrebenden Menschen, hoffend, dass jemand aus der sich langsam vorwärtsdrängenden Masse zurückwinkt, nämlich seine Frau mit der kleinen Tochter aus Peru.
Heute harren wir zu zweit, unsere Herzen klopfen zwar nicht mehr so angespannt und aufgeregt, aber eine gewisse Nervosität und Angespanntheit ist dennoch spürbar.
Und dann entdecken wir sie fast gleichzeitig. Da kommt sie, leichtfüßig. Endlich erwachsen, selbstständig, eigenverantwortlich. Kein Kind mehr und dennoch unser Kind. Unsere Tochter.
Januar 1980 - Hoffnung
Wir hatten uns schon immer Kinder gewünscht. Eigene und Adoptivkinder. Doch eines Tages mussten wir erfahren: Wir werden keine eigenen Kinder haben können! Zuerst brach alle Hoffnung wie ein Kartenhaus zusammen. Viele schwierige Monate brauchten wir, ehe wir bereit waren, diese unumstößliche Tatsache zu akzeptieren. Also beschlossen wir, mit dem zweiten Teil unseres Wunsches zu beginnen.
Wir glaubten, ein Kind zu adoptieren dürfte nicht so schwierig sein, doch abermals hatten wir uns grundlegend getäuscht. Untersuchungen, Behördengänge, sich ausfragen lassen. Auch persönliche, ganz intime Fragen mussten wir auf dem Jugendamt gemeinsam und getrennt klar beantworten. Fragen, die erst das Leben stellen wird, wenn überhaupt. Aber die Vorschriften verlangen, das zukünftige Elternpaar bis in den kleinsten Winkel ihres Herzens zu durchleuchten, abzuklopfen, jede Gefühlsregung zu dokumentieren – gleichgültig, wie unsinnig uns die Fragen auch erschienen.
Monat um Monat verstrich. Ohne Ergebnis. Nach neuen Wegen suchen. Adoption in der Dritten Welt? Warum eigentlich nicht. Wieder wurden die Fühler ausgestreckt. Mit großen Hoffnungen schrieben wir unzählige Briefe und ließen die Drähte unseres Telefons heiß laufen.
Die Ergebnisse waren niederschmetternd. Unser innigster Wunsch rückte immer weiter weg, versank im Ungewissen, im Dschungel und Nebel der Adoptionsvorschriften. Den einen waren wir mit 35 und 39 Jahren zu alt, dann hatten wir die falsche Konfession oder passten nicht in das gewünschte Weltbild oder Raster hinein.
Beim zuständigen Jugendamt, der Adoptionsvermittlungsstelle, deponierten wir alle Unterlagen, Fragebögen, Stellungnahmen, Interview, unsere Lebensläufe, Gesundheitszeugnisse, polizeiliches Führungszeugnis, Familienstammbuch, Leumund, Verdienstnachweise usw.
Besonders der umfangreiche Fragenkatalog beim Jugendamt war beachtenswert. Da wurden wir nach unserem Freizeitverhalten oder unseren persönlichen Erziehungsvorstellungen ausführlich befragt. Unsere eigene Kindheit wurde ausgeleuchtet. Man war neugierig von uns zu erfahren, wie wir die Fragen zu Sauberkeitserziehung unseres zu adoptierenden Kindes in den Griff bekommen möchten. Auch die späteren schulischen Laufbahnvorstellungen wurden bis ins Detail vorsorglich abgeklopft und waren dem Jugendamt enorm wichtig. Pubertätsprobleme, so genannte „Falsche Freunde“ oder Verhaltensstörungen standen ebenso zur Debatte wie die Nähe eines zukünftigen Kindergartens oder unser persönliches Umfeld, unser finanzieller Status, heute, morgen und in zehn Jahren.
Wir wurden erforscht, vermessen, bewertet, in Schubladen eingeordnet. Das alles, um einen messbaren, nachweislichen, unumstößlichen Nachweis und Beweis zu erstellen und zu dokumentieren, dass wir in der Lage sind, ein Kind groß zu ziehen.
Viele Einbestellungen im Jugendamt, Befragungen einzeln oder gemeinsam, Besuche bei uns zu Hause, alles ließen wir letztendlich über uns ergehen, obwohl uns immer wieder das ungute und auch beängstigende, verunsichernde Gefühl beschlich, wie unser Land wohl aussehen würde, wenn sich alle werdenden Eltern diesen Testanforderungen zu stellen hätten.
Klar möchte man Adoptiveltern ganz besonders genau und gründlich unter die Lupe nehmen, von allen Seiten ausleuchten, von allen erdenkbaren Seiten und Ecken begutachten, erforschen, Ansichten, Wünsche, Gedanken in die Zukunft hinterfragen und alles bis ins kleinste Detail durchleuchten. Die Stabilität der Partnerschaft, die Adoptionsbelastung als Paar, Problembewältigung in der Zukunft, irgendwann einmal, vielleicht oder auch nicht. Wie wirkten wir auf die Dame des Jugendamtes, die etwa zehn Jahre älter war als wir und selbst keine Familie hatte? Sie erschien offen und distanziert, neugierig und forschend, menschlich und amtlich, Mut machend, um gleich alles wieder infrage zu stellen, Hoffnungen wurden geweckt, um gleichzeitig die Aussichtslosigkeit festzustellen. Ein Wechselbad der Gefühle von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt.
Einblick in unsere Unterlagen, Protokolle, Klassifizierungen, Meinungsfindung – alles blieb als Verschlusssache wie in einer Geheimakte verborgen.
Welche Chancen und Möglichkeiten waren noch offen? Fragen unsererseits und Antworten oder Auskünfte seitens des Jugendamtes – ihre Auswirkungen, unsere Chancen? Hatten wir überhaupt eine Chance oder war das Ergebnis bereits festgezurrt? Hatten wir die Dame des Jugendamtes berührt, war es uns gelungen, sie positiv auf uns und unsere große Hoffnung einzustimmen? Stand sie uns eher positiv, zögernd oder gar negativ gegenüber? Es war wie ein Schweben im luftleeren Raum, ohne nur im Geringsten zu ahnen, wohin die Reise uns treiben würde.
Über die Auswahlkriterien, Möglichkeiten, Hoffnungen oder Hoffnungslosigkeit unseres Unterfangens wurde undurchdringliches Stillschweigen bewahrt. Ein Wechselbad an Wünschen, Hoffnungen und Gefühlen. Alles blieb ein großes, gut gehütetes Geheimnis. Über unsere Möglichkeiten, welchen Rang wir im Karussell der zukünftigen Adoptiveltern einnehmen würden – nichts war herauszukitzeln.
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