Ein Beispiel:In einem völlig dunklen Raum kannst du nach einer Gewöhnungsphase jede kleine Bewegung hören und erfühlen. Deine Sinne werden so wach, dass sie auf kleinste Regungen reagieren.
Heutzutage ist diese „Wachheit“ beinahe ein Ausnahmezustand, weil wir von außen mit so vielen Informationen zugeschüttet werden, dass wir selbst von uns aus stumpf werden und eigentlich nur noch reagieren. Es lohnt sich aber, diese Wachheit wieder zu wecken, sie im alltäglichen Leben von sich einzufordern. Denn Wachheit ist reine Trainingssache – eine Konzentrationsübung für alle Sinne.
Aber wozu brauchen wir diese Konzentrationskreise, wenn wir überzeugend sein wollen?
Sie helfen uns – wie dem Schauspieler auch, den Raum wahrzunehmen und einzuteilen.
Demnach würde der kleine konzentrische Kreis z.B. folgende Beobachtungen beinhalten: Was mache ich, wenn ich nervös bin? Verkrampfe ich meine Hand? Zuckt ein Augenlid? Trommle ich unbewusst mit den Füßen oder den Fingern? Im kleinen Konzentrationskreis sollte es mir gelingen, all diese Dinge wahrzunehmen und gegebenenfalls zu korrigieren. Diese Kleinigkeiten sind nämlich auch das, was andere Menschen von mir wahrnehmen und was sie zu ihrem Urteil über mich führt. „Ach schau mal, der ist aber ganz schön nervös, so wie der mit dem Augenlid zuckt.“ Oder: „Jedesmal, wenn er/sie nur die halbe Wahrheit erzählt, geht so ein Zucken um seine/ihre Mundwinkel.“ Diese Feinheiten kann ich nur korrigieren, wenn meine Wahrnehmung geschult ist.
Unter den mittleren Konzentrationskreis fallen alle sogenannten „Zwei-Augen-Gespräche“, das Gespräch mit einem Kunden oder Mitarbeiter. Hier gilt es, sich selbst und den anderen nicht aus dem Blick zu verlieren (siehe oben).
Für uns am wichtigsten ist allerdings der große konzentrische Kreis. Nur wenn Redner, Trainer, Unternehmer oder darstellende Künstler sich selbst im großen Raum wahrnehmen, können sie auf alle Menschen im Saal wirken und auch reagieren. Singt ein Sänger z.B. nur bis zur dritten Zuschauerreihe, werden sich die Reihen dahinter nicht so in den Bann gezogen fühlen wie die vorderen Reihen. Das kannst du jederzeit selbst beobachten.
Auch die Bitte, lauter zu sprechen, bedeutet für dich als Ausführenden, dass deine Aufmerksamkeit vom großen Raum auf den kleinen konzentrischen Kreis geschrumpft ist.
Das passiert oft, wenn wir uns z.B. gedanklich auf einen schwierigen Übergang konzentrieren oder vorher mit dem Beamer oder Laptop beschäftigt haben und mit unserer Aufmerksamkeit bei uns waren. Du solltest dann schnellstmöglich deinen Fokus wieder auf den gesamten Raum ausrichten, damit alle Zuhörer mitgenommen werden.
Doch wie hält man als Ausführender den Raum groß? Wie vermeidest du, vom großen in den kleinen Kreis zu fallen, wenn du mit dem Inhalt und dem, was für dich wichtig ist, beschäftigt bist - aber dann niemanden mehr erreichst?
Übung:
Nimm den Raum, in dem du wirkst, bewusst wahr.
Wie hoch ist die Decke? Wie lang ist der Raum? Schau dir jeden Winkel an, jede Nische und versuche, jede Ecke in deinen Vortrag, deinen Gesang oder dein Spiel mit einzubeziehen.
Ich kenne Kollegen, die vor jedem Auftritt einmal durch den ganzen Saal wandern, nur um dessen Größe in sich aufzunehmen. Sie machen ein imaginäres 3D Bild davon.
Ich benutze gerne das Bild eines Spinnennetzes. Ich spanne imaginär meine Fäden in jede Ecke und jeden Winkel des Raumes. Wenn ich diese Arbeit getan habe, ist es vollkommen egal, wo ich „als Spinne“ in diesem Raum bin. Ich spüre jeden Faden und kann darauf reagieren, z.B. wenn jemand „quatscht“ oder unruhig ist.
Das Spinnennetz
Die Vorstellung vom Spinnennetz ist übrigens auch sehr hilfreich, wenn du Dynamik und verschiedene Lautstärken in deinem Vortrag benutzen möchtest. Für einen lauten Einwurf geh in deiner Vorstellung bis zum äußeren Rand deines Spinnennetzes, für einen leisen oder geflüsterten Satz konzentriere die Größe des Raumes auf einen Punkt.
Schon dein erster Auftritt entscheidet über die Größe deines Raumes.
2. Das Geheimnis des Schleppen-Gangs
Die Schleppen-Übung ist primär eine Hilfe für den ersten Auftritt vor Publikum.
Stell dir vor, du hättest an den Schultern zwei lange Stangen befestigt, auf denen schwere Schleppen aufgewickelt sind. Wenn du nun nach vorne läufst, rollen sich diese Schleppen langsam ab. Und egal, ob du dich drehst oder geradeaus läufst, die Stangen und die Schleppen bleiben immer erhalten.
Du wirst feststellen, dass du durch diese einfache Übung zum einen viel langsamer und bewusster gehst, was deinem Auftritt Gewicht und Spannung verleiht. Zum anderen wird dein „Aktionsraum“ durch die Stangen und die Schleppe viel größer als sonst. Wenn du nun anfängst zu sprechen oder zu singen, wirst du automatisch intensiver und klangvoller klingen, weil dein Raumgefühl viel größer ist.
Genau das ist Sinn und Zweck dieser Übungen.
Raum-Wahrnehmungs-Übungen dienen auch dazu, unsere Stimme auf ganz natürliche Art und ohne falsche Kraft-Anstrengung lauter und tragfähiger zu machen. Denn allein die Vorstellung von der Größe eines Raumes wirkt sich direkt auf unsere Stimme aus.
Ein Beispiel:Du siehst auf der anderen Straßenseite einen Freund und willst ihm etwas zurufen. Was zwischen dem Erkennen des Freundes und dem Ruf in Sekunden abläuft, ist ein Prozess, den wir seit unserer Kindheit trainiert haben.
Das Gehirn schätzt in Sekundenschnelle die Distanz ab (z.B. zehn Meter) und gibt dem Körper das Signal, sich auf zehn Meter Distanz einzustellen. Dein gesamter Körpertonus erhöht sich – also die muskuläre Grundspannung deines Körpers. Denn das ist nötig, um die Distanz zu überbrücken. Gleichzeitig fokussierst du dich und deine Stimme auf einen Punkt – den Freund. Dadurch bündelst du unbewusst den Klang viel stärker als normalerweise. Vielleicht nimmst du sogar die Hände an den Mund, formst einen Trichter und rufst deine Botschaft auf die andere Straßenseite. All diese Vorgänge laufen völlig automatisch ab, weil sie jahrzehntelang trainiert wurden.
Was bedeutet das für dich und deine Performance?
Es bedeutet: je größer dein Raum (auch nur in deiner Vorstellung) bei Vorträgen, Reden oder beim Konzertieren ist, desto natürlicher passen sich dein Körper und deine Stimme an den Raum an. Sie werden ganz ohne Kraftanstrengung natürlich laut und tragend.
Gut, magst du nun sagen. Aber was, wenn ich mir einen großen Raum vorstelle, und dann doch wieder anfange, zu brüllen und nachher heiser bin?
Antwort 1:Stell dir den Raum nicht nur vor, sondern erfühle auch seine Größe (wie oben beschrieben).
Antwort 2:In einem großen Raum ist es wichtig, sich selbst und seine „Körpermitte“ nicht zu verlieren.
3. Du und der Bezugspunkt
Wir haben bereits die Bedeutung der Konzentrationskreise angesprochen. Nun geht es konkret darum, wie du – egal in welchem Raum – optimal mit deinem Publikum in Beziehung treten kannst.
Dazu sind zwei Dinge elementar wichtig:
1.Den eigenen Standpunkt und damit das Ruhen in der eigenen Körpermitte zu fühlen.
2.Die Distanz zum Bezugspunkt (Einzelperson, Gruppe) zu überbrücken.
Stell dir vor, du wärst ein Bogenschütze. Dein Pfeil ist die Botschaft, die du deinem Gegenüber vermitteln willst. Was musst du tun, damit deine Botschaft gut ankommt? Du musst deinen Bogen spannen, die Entfernung richtig abschätzen, ganz stabil stehen und den Pfeil in hohem Bogen zu deinem Gegenüber schießen. Wichtig ist dabei, dass deine Botschaft die ganze Distanz zwischen dir und ihm überbrückt. Nur dann kommen dein Vortrag, dein Gesang, deine Rede auch wirklich beim Gegenüber an.
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