EINE PHYSISCHE NIEDERLAGE HAT NOCH NIE DAS ENDE EINER NATION HERBEIGEFÜHRT
IBN CHALDUN (1332–1406)
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Solidarität
WICHTIGE DATEN
um 622In Medina wird der erste islamische Staat errichtet.
um 1377Ibn Chaldun vollendet seine al-Muqaddima , eine Einführung in die Geschichte der Welt.
1835Im 1. Band seiner Demokratie in Amerika beschreibt Alexis de Tocqueville, wie die Vereinigung von Individuen zu einem gemeinsamen Ziel Politik und Zivilgesellschaft nützen.
1887Ferdinand Tönnies schreibt Gemeinschaft und Gesellschaft .
1995Robert D. Putnam erläutert in seinem Artikel »Bowling Alone« das Konzept des sozialen Kapitals.
1997Michel Maffesoli setzt in seiner Schrift Du Nomadisme seine Studien zum Neotribalismus fort.
Ibn Chaldun zeigte sich fasziniert von den Dynamiken, die manche Gesellschaften aufblühen und andere dominieren ließen. Der arabische Historiker und Philosoph wurde durch seine mehrbändige Universalgeschichte Kitab al-’Ibar und deren ersten Teil, al-Muqaddima , berühmt: Da er dort die arabischen und Berbergesellschaften analysiert, gilt er als Vorläufer der heutigen Soziologie.
Als Erklärung für den Erfolg einer Gesellschaft dient ihm der arabische Begriff asabiya: gesellschaftliche Solidarität. Ursprünglich bezog sich das Wort auf die Familienbande in Klans und Nomadenstämmen. Im Zuge wachsender Gemeinschaften war damit die Art Zugehörigkeit gemeint, die man heute als »Solidarität« bezeichnet. Nach Ibn Chaldun existiert asabiya in kleinen Gemeinschaften wie Klans ebenso wie in Großreichen, allerdings schwindet der Sinn für ein gemeinsames Ziel und Schicksal mit zunehmender Größe und Dauer. Das schwächt eine Zivilisation – und so wird eine kleinere und jüngere mit stärkerem Solidaritätssinn die Macht über sie übernehmen. Eine Nation mag physisch besiegt werden, doch erst wenn sie »das Opfer einer psychologischen Niederlage wird …, bedeutet dies das Ende der Nation.«
Chalduns Konzept der Solidarität und des sozialen Zusammenhalts nimmt zahlreiche Ideen moderner Soziologen zu Gemeinschaft und Bürgersinn vorweg, darunter Robert D. Putnams Theorie, nach der die heutige Gesellschaft unter dem Zusammenbruch der Partizipation an der Gemeinschaft leidet. 
Beduinenstämme in der Wüstebeschrieb Ibn Chaldun in seiner Gruppentheorie. Danach spielen soziale und psychologische Faktoren beim Aufstieg und Fall einer Zivilisation eine Rolle.
MENSCHEN WANDERTEN, LIESSEN SICH NIEDER, WAREN SICH EINIG ODER STRITTEN – UND DAS STETS IN TRUPPEN UND KOMPANIEN
ADAM FERGUSON (1723–1816)
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Gemeinsinn
WICHTIGE DATEN
1748Der französische Philosoph Montesquieu fordert in Vom Geist der Gesetze , politische Institutionen sollten sich aus den sozialen Normen einer Gesellschaft ableiten.
1767Adam Ferguson veröffentlicht Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft .
1776Mit Der Wohlstand der Nationen etabliert Adam Smith die moderne Ökonomie.
1867Im 1. Band von
Das Kapital analysiert Karl Marx den Kapitalismus.
1893Émile Durkheim untersucht in Über soziale Arbeitsteilung die Bedeutung von Glaubenssätzen und Werten für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
1993Amitai Etzioni gründet »Das Kommunitäre Netzwerk«.
Fortschritt ist so wünschenswert wie unvermeidlich, doch wir müssen uns stets der sozialen Kosten dafür bewusst sein – so die Warnung des Philosophen und Historikers Adam Ferguson. Zusammen mit dem Philosophen David Hume und dem Ökonomen Adam Smith saß er in einem erlauchten Kreis Intellektueller und Aufklärungsbefürworter im schottischen Edinburgh. Wie Smith glaubte Ferguson, kommerzielles Wachstum werde vom Eigennutz angetrieben. Anders als sein Kollege indes analysierte er die Auswirkungen dieser Entwicklung und sah die traditionellen Werte Kooperation und Mitgefühl dabei schwinden. Vergangene Gesellschaften basierten auf Familien und Gemeinschaften, und der Gemeinsinn wurde durch Werte wie Loyalität und Ehre gestärkt. Der durch den Kapitalismus genährte Eigennutz aber schwächte diese Werte und führte schließlich zum gesellschaftlichen Zusammenbruch. Damit der Kapitalismus nicht die Saat seiner eigenen Zerstörung säte, propagierte Ferguson den Gemeinsinn und ermutigte seine Zeitgenossen, im Sinne der Gesellschaft statt des Eigennutzes zu handeln.
»Der Mensch wird in die Gemeinschaft hineingeboren … und er bleibt darin. «
MontesquieuFranzösischer Philosoph (1689–1755)
Fergusons Kapitalismuskritik wurde von seinen tonangebenden Kollegen Hume und Smith abgelehnt, später jedoch beeinflusste sie die politischen Ideen von Hegel und Marx. Da er aus sozialer und nicht aus politischer oder ökonomischer Perspektive argumentierte, legte Ferguson mit seinem Werk den Grundstein für die Soziologie. 
WISSENSCHAFT KANN DAZU DIENEN, DIE WELT BESSER ZU MACHEN
AUGUSTE COMTE (1798–1857)
IM KONTEXT
SCHWERPUNKT
Positivismus und Studium der Gesellschaft
WICHTIGE DATEN
1813Henri de Saint-Simon propagiert eine Wissenschaft von der Gesellschaft.
1840er-JahreKarl Marx sagt: Die Wurzeln historischer Veränderungen liegen in ökonomischen Fragen.
1853Harriet Martineaus gekürzte Übersetzung von Die positive Philosophie Auguste Comtes vermittelt Comtes Ideen einem größeren Publikum.
1865Der englische Philosoph John Stuart Mill bezeichnet die frühen soziologischen und späteren politischen Ideen Comtes als die des »guten Comte« und des »bösen Comte«.
1895 In Die Regeln der soziologischen Methode entwirft Émile Durkheim eine systematische Soziologie.
Ende des 18. Jahrhunderts setzte die unaufhaltsame Industrialisierung in den europäischen Gesellschaften einen radikalen Wandel in Gang. Frankreich sah sich in der Folge der Französischen Revolution gleichzeitig vor die Aufgabe gestellt, eine neue soziale Ordnung zu etablieren. Jean-Jaques Rousseau erklärte die sich rasant verändernde Gesellschaft in Begriffen der politischen Philosophie. Sein sozialistischer Kollege Henri de Saint-Simon versuchte dagegen, vor dem Hintergrund sozialer Unsicherheit im Land die Ursachen des sozialen Wandels und die Bedingungen für eine neue Ordnung zu analysieren. Er erkannte ein Muster des sozialen Fortschritts, nach dem die Gesellschaft verschiedene Stadien durchlief. Doch es sollte seinem Schützling Auguste Comte vorbehalten bleiben, eine umfassende Theorie zum Studium der Gesellschaft nach wissenschaftlichen Prinzipien auszuarbeiten, die er zunächst als »soziale Physik«, später mit dem Begriff »Soziologie« bezeichnete.
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