Allerdings blieben diese Ideen ohne Umsetzung, denn insbesondere nach dem Tod Karls III. (1788) gelang es Spanien nicht mehr, seine Ansprüche in Amerika wirksam geltend zu machen. Im Gegenteil, im Vertrag von San Lorenzo el Real von 1790 musste Spanien den Engländern auch formell das „Recht der freien Schifffahrt im Pazifik“ und der Niederlassung in Nordkalifornien einräumen. Als Ausgleich waren die Spanier darum bemüht, ihre Position in Nordamerika zu halten und auszubauen. Dadurch kam es zu Problemen mit den jungen Vereinigten Staaten, die ihrerseits nach Westen expandieren wollten.
Nach ihrer Unabhängigkeit sahen sich die USA also noch zwei wichtigen Kolonialmächten in Nordamerika gegenüber: England und Spanien. Beide waren teils miteinander, teils gegeneinander darum bemüht, die US-amerikanischen Siedler zurückzuhalten. Dabei kam es auch zu Absprachen mit den Indianerstämmen des Mississippiraums. Das Ziel der spanischen Truppen war die Bildung eines Protektorats in dieser Grenzzone. Dies wurde aber durch die Niederlage in Europa gegen das revolutionäre Frankreich zunichte gemacht. 1795, just als die Spanier mit den Franzosen den wenig schmeichelhaften Frieden von Basel schlossen, kam es zu einer Einigung mit den Vereinigten Staaten über den strittigen Grenzverlauf. Im so genannten Pinckney-Vertrag machte Spanien große Zugeständnisse und räumte seinem Nachbarn in Nordamerika unter anderem die Schifffahrtsrechte auf dem Mississippi ein.
Westexpansion
Der Westexpansion der USA war dieser Vertrag förderlich. Diese kulminierte erstmals 1803 im Kauf des riesigen Louisiana-Territoriums zwischen Mississippi und Rocky Mountains von Frankreich – Spanien hatte seine Ansprüche auf diese Gebiete zuvor an Napoleon abtreten müssen. Mit der Expedition von Meriwether Lewis und William Clark (1804 - 06) unterstrich die Regierung in Washington ihre Ansprüche auf eine Expansion bis zum Pazifik. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht zeigte sich der US-amerikanische Machtzuwachs. Aus Eigeninteresse suchte Spanien durchaus die Kooperation mit den Nachbarn. Schon 1793 gab man der Insel Kuba den Handel mit den USA frei und hoffte, dadurch die Zuckerplantagenbesitzer in die Lage zu versetzen, selbst für die Verteidigung Kubas und damit der spanischen Karibik aufzukommen. Die Vereinigten Staaten hatten sich binnen weniger Jahre von einem kleinen, kaum ernstzunehmenden Küstenstaat in einen wichtigen Machtfaktor im nordamerikanischen Raum verwandelt.
Demgegenüber verschlechterte sich die Stellung Spaniens im Zuge der europäischen Revolutionskriege um die Wende des 18. Jahrhunderts weiter. In dieser Phase fast konstanten Kriegs mit England (1796 – 1808) fiel ab 1797 die englische Blockade von Cádiz. Damit kam der spanische Amerikahandel vollends zum Erliegen. Spanien musste seinen Kolonien 1797 das Recht einräumen, Handel mit Neutralen zu treiben, tat dies aber mit der Einschränkung, dass alle aus Amerika ausgeführten Waren in spanischen Häfen zu löschen sein. Die Bestimmung war allerdings nicht durchsetzbar und angesichts der Blockade auch unrealistisch. Letztlich profitierten vor allem die Händler aus Neuengland von der neuen Handelsfreiheit für Neutrale.
Schmuggel
Diese Händler wiesen oft schon langjährige Erfahrung im Schmuggelhandel – beispielsweise mit dem in der katholischen Fastenzeit begehrten Kabeljau – auf. Sie profitierten von den nicht enden wollenden europäischen Konflikten. Mit der Unabhängigkeit spannen sie ihre Netzwerke weiter. So befuhren schon seit den frühen 1790ern US-amerikanische Walfänger den Pazifik entlang den Küsten Südamerikas bis nach Kalifornien. US-amerikanische Handelsschiffe konnten die Waren liefern, die Lateinamerika anders nicht mehr erreichten. Damit ergaben sich in den Hafenstädten Möglichkeiten persönlichen Kontakts zwischen Amerikanern des Nordens und des Südens. 1798 eröffneten die USA ihr erstes Konsulat auf Kuba und zwei Jahre später in Venezuela. Zwischen 1797 und 1801 stieg der Export der Vereinigten Staaten nach Hispanoamerika um 600%, der Import von dort gar um 750%. Als Spanien 1799 versuchte, diese Entwicklung durch ein erneutes Verbot des neutralen Handels wieder rückgängig zu machen, zeigte sich seine Schwäche unmissverständlich. Die Autoritäten vor Ort setzten sich über die Befehle hinweg und begründeten dies mit militärischen Erwägungen. Als 1805 in der Seeschlacht von Trafalgar auch Spanien seine Flotte verlor, war an die Durchsetzung der spanischen Kontrolle über die Kolonien überhaupt nicht mehr zu denken.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, so lässt sich resümieren, hatte sich die internationale Konstellation entscheidend gewandelt. Spanien hatte seinen Großmachtstatus endgültig eingebüßt und war effektiv nicht mehr in der Lage, seine Kolonien zu schützen und zu versorgen. Trotz des Verlusts einiger nordamerikanischer Kolonien hatte England dagegen seine Rolle als Herrscherin über die Weltmeere entscheidend ausgebaut. Die USA aber hatten bereits eine Entwicklung genommen, die dem spanischen Reich langfristig gefährlicher werden sollte als die Rivalen aus der Alten Welt.
2. Die US-amerikanische Revolution und Lateinamerika
Diese Gefahr ging weniger vom machtpolitischen Potenzial der Vereinigten Staaten aus, das zu diesem frühen Zeitpunkt noch keine Rolle spielte, als von den wirtschaftlichen Beziehungen sowie insbesondere von den Einflüssen im Bereich der politischen Ideen. Durch die Verbreitung aufklärerischer Schriften von John Locke über Adam Smith und Abbé Raynal bis hin zu Rousseau, Voltaire, Montesquieu und vielen anderen, die die kreolischen Eliten in Anglo- und Lateinamerika gleichermaßen lasen, intensivierten sich in der Tat die Kontakte intellektueller Eliten im Norden und Süden der Amerikas. Man las dieselben Autoren und das Interesse einzelner aufgeklärter Lateinamerikaner an angloamerikanischen Persönlichkeiten wie etwa Benjamin Franklin erwachte bereits in den 1760er-Jahren.
Ein gemeinsames Interesse verband führende Denker aus Nord- und Südamerika vor allem in der Abwehrhaltung gegen die von diversen europäischen Autoren verbreiteten Theorien von der Minderwertigkeit Amerikas. Ausgangspunkt war die monumentale Histoire naturelle von Georges-Louis Leclerc de Buffon, die ab 1749 in 44 Bänden erschien. In dieser berühmten Schrift vertrat Buffon die Ansicht, Amerika sei ein erdgeschichtlich junger Kontinent mit einem ungesunden Klima, in dem sich nur wenige und im Vergleich zur Alten Welt kleinere Tiere entwickelten. Nach Amerika verpflanzte europäische Arten würden dort degenerieren, so Buffon. Auch die autochthone Bevölkerung war laut Buffon in geistiger und körperlicher Hinsicht zurückgeblieben. Insgesamt, so stellte Buffon fest, sei Amerika unreif, sozusagen im Stadium der Kindheit, das es nicht überwinden könne. Der preußische Naturphilosoph Cornelius de Pauw und der schottische Aufklärer William Robertson trugen diese Thesen in abgewandelter Form weiter.
Degenerationstheorie
In Angloamerika setzten sich die Gründerväter der Vereinigten Staaten kritisch mit der Degenerationstheorie auseinander. Thomas Jefferson widerlegte in seinen Notes on the State of Virginia von 1781 die Thesen Buffons, die ihn aufgebracht hatten. Alexander Hamilton schlug 1787 in den Federalist Papers in dieselbe Kerbe und bemühte sich, Buffon und de Pauw zu widerlegen. Klar erkannte Hamilton den Herrschaftsanspruch, der sich mit der Degenerationsthese verband.
Q
Alexander Hamilton zum europäischen Überlegenheitsanspruch (1788)
Aus: Publius [Alexander Hamilton]: Federalist Nr. 11. In: Isaac Kramnick (Hg.): The Federalist Papers. Harmondsworth 1987 [1788], S. 133 – 134.
Die Welt mag politisch und auch geographisch in vier Teile geteilt sein, von denen jeder seine eigenen unterschiedlichen Interessen hat. Unglücklicherweise für die anderen drei hat Europa durch ihre Waffen und Verhandlungen, durch Gewalt und Betrug, in unterschiedlichem Maß die Herrschaft über alle errungen. Afrika, Asien und Amerika haben nacheinander ihre Vorherrschaft zu spüren bekommen. Die Überlegenheit, die [Europa] seit langem behauptet, hat sie dazu verführt, sich als Herrin der Welt zu brüsten und den Rest der Menschheit als für ihren Vorteil erschaffen zu betrachten. Männer, die man als tiefgründige Philosophen bewundert, haben ihren Einwohnern in direkter Art und Weise eine körperliche Überlegenheit zugeschrieben … Es ist an uns, die Ehre des Menschengeschlechts zu rehabilitieren und diesen anmaßenden Bruder Bescheidenheit zu lehren.
Читать дальше