Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Vereinigten Staaten noch kaum in der Lage, eine selbstbewusste und eigenständige Politik gegenüber den Unabhängigkeitsbewegungen im Süden zu betreiben. Allerdings zeigte sich ein prägendes Element schon früh: die Abneigung gegen sozialrevolutionäre Bewegungen. Das galt insbesondere, wenn sie ein ethnisches Element in sich trugen und damit die Angst vor Befreiungsbewegungen heraufbeschworen, die auch auf die eigene afroamerikanische Bevölkerung übergreifen konnten. Das wurde bei der haitianischen Revolution deutlich. Unterhielt Präsident John Adams zumindest noch Handelskontakte mit den haitianischen Revolutionären, so lehnte sein Nachfolger Jefferson, selbst Sklavenhalter, diese unmissverständlich ab. Jefferson fürchtete einen negativen Einfluss auf die Vereinigten Staaten. Haiti war seines Erachtens unwürdig, ein unabhängiger Staat zu werden. Die Eruption der Gewalt dort und das Ergebnis einer unabhängigen schwarzen Republik gaben Anlass zur Sorge um die zukünftigen Entwicklungen in Lateinamerika, eine Sorge die die kreolischen Eliten dort durchaus teilten.
westliche Hemisphäre
Jefferson war jedoch auch ein Vertreter der Vorstellung von einer eigenen räumlichen Sphäre, die die Neue Welt umfasste. Die Idee einer solchen westlichen Hemisphäre schimmerte schon bei Washingtons Abschiedsrede von 1796 durch, wenn er betonte, dass man sich aus den europäischen Verwicklungen besser heraushalte. Jefferson sollte diesen Gedanken weiter ausformulieren und einen amerikanischen Raum der Freiheit proklamieren, der sich von den „Leidenschaften und Kriegen“ Europas positiv abhob.
Als dann ab 1809 / 10 die zunächst erfolgreiche Bildung von Regierungsjuntas den Beginn der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen anzeigte, musste man auch in Washington früher oder später dazu Stellung beziehen. Allerdings zogen weder die Junta-Bildungen noch die ersten meist noch vorsichtig formulierten Unabhängigkeitserklärungen eine klare Aussage der US-amerikanischen Außenpolitik nach sich. Dazu war die internationale Lage aus Sicht der Vereinigten Staaten zu problematisch, bestanden doch seit Längerem Spannungen mit England wegen der Blockadepolitik gegen Frankreich. Außerdem wollte Washington nicht die Sympathien der Spanier – und damit letztlich auch der Franzosen, die die iberische Halbinsel zu diesem Zeitpunkt bereits besetzt hielten – riskieren, denn man hoffte auf deren Nachgeben in den Verhandlungen um den Besitz Floridas.
Daher waren die Vereinigten Staaten zunächst nur zur moralischen Unterstützung für den Süden bereit. So gründete der US-Kongress 1811 das Committee on the Spanish American Colonies . Präsident James Madison erlaubte den Waffenhandel und entsandte private Handelsvertreter nach Lateinamerika. Im Mittelpunkt der US-Außenpolitik stand jedoch die Nutzung der internationalen Verwicklungen für den eigenen Vorteil. So begünstigte die napoleonische Besetzung Spaniens den US-amerikanischen Zugriff auf Westflorida, wo sich eine sehr heterogene Bevölkerung aus Banditen, Deserteuren, entlaufenen Sklaven und Einwanderern unter der nominellen Herrschaft Spaniens herausgebildet hatte. Diese rebellierte 1810 und erklärte sich für unabhängig. Wenige Wochen später annektierten die Vereinigten Staaten das Territorium. Damit war ein Modell geschaffen, das nordamerikanische Desperados weiter westlich Jahrzehnte später nachahmen konnten.
Zwar protestierten die Engländer im Namen des freien Spaniens, das sich gegen Napoleon erhoben hatte, gegen die Annexion, doch wiesen die USA den Protest zurück. Im US-Kongress einigte man sich auf die so genannte No Transfer-Doktrin , die im Januar 1811 als Gesetz verabschiedet wurde. Danach sollte es in Zukunft für die USA ein Anlass zur ernsten Sorge sein, falls ein benachbartes Kolonialgebiet in Amerika von einer europäischen Macht an eine andere weitergegeben werden sollte. Ein Beispiel dafür war die Abtretung des Louisiana-Territoriums von Spanien an Frankreich. Diese Doktrin hatte in außenpolitischer Hinsicht zunächst keinerlei Konsequenzen, ja sie wurde sogar noch bis 1818 geheim gehalten. Dennoch legte man damit ein sehr wichtiges Prinzip fest, das die interamerikanischen Beziehungen in der Folgezeit prägen sollte.
Mit Blick auf die Entwicklungen in Lateinamerika blieb man dagegen zurückhaltend. Durch den Krieg von 1812 – 1814 gegen England hatten die Vereinigten Staaten keinen Spielraum. Dieser Krieg führte trotz einiger militärischer Misserfolge zu nationalistischer Begeisterung und vertiefte die Vorstellung einer besonderen Mission der westlichen Hemisphäre. Außerdem kamen schon in diesem Zusammenhang expansionistische Forderungen innerhalb der USA auf, die sich vor allem auf Florida und Texas richteten. Dass es sich dabei um Gebiete, handelte, die noch zum spanischen Kolonialreich gehörten, tat im Überschwang der Begeisterung nichts zur Sache.
Für derart raumgreifende Pläne war die Zeit allerdings noch nicht reif. Als Spanien nach der Niederlage Napoleons und der Rückkehr Ferdinands VII. auf den Thron 1814 wieder mit Waffengewalt in die Geschehnisse in Lateinamerika eingriff und große Gebiete zurückeroberte, verhielten sich die USA weiter neutral. Präsident Madisons Neutralitätserklärung war mit einer Warnung an US-amerikanische Bürger verbunden, sich nicht in die Auseinandersetzungen einzumischen. Erneut standen dabei eigene territoriale Ziele im Hintergrund, denn man wollte Spanien zum Verkauf von Ostflorida – das Gebiet des heutigen Bundesstaats Florida – überreden. Dafür waren gute Beziehungen zur spanischen Krone Voraussetzung. Diesem Ziel wurden andere Aspekte wie die Solidarität mit den um ihre Existenz kämpfenden Republiken des Südens untergeordnet.
Verdrängung Spaniens
1819 ging das Kalkül tatsächlich auf. Im nach den Unterhändlern Adams-Onís-Vertrag bezeichneten Übereinkommen von 1819 ging Florida endgültig in den Besitz der USA über. Dieser Vertrag brachte auch eine Grenzziehung im Westen, wonach die USA auf Texas und gleichzeitig Spanien auf Nordwestamerika – das so genannte Oregon-Territorium – verzichteten. Damit war die seit dem Louisiana-Kauf offene Frage des Grenzverlaufs im Westen fürs Erste geklärt. Außerdem war für die Vereinigten Staaten der Weg frei bis zur Pazifikküste. Der Vertrag wurde zu einer entscheidenden Grundlage für die US-amerikanische Westexpansion. Die USA schufen sich damit eine hervorragende Ausgangsbasis für die Verdrängung des spanischen Reichs und seiner Nachfolgestaaten aus dem nordamerikanischen Raum.
Derweil setzten sich die Unabhängigkeitsbewegungen in Lateinamerika auch ohne US-amerikanische Unterstützung durch. Unter der Führung Simón Bolívars (1783 – 1830) im nördlichen Andenraum und José de San Martíns (1778 – 1850) im La Plata-Gebiet vertrieben die Heere der Aufständischen in langjährigen blutigen Kämpfen bis 1826 die Spanier, während sich Neu-Spanien 1821 durch eine eher unblutige konservative Revolution vom Mutterland löste. Ähnliches galt für Brasilien, das seit 1822 ein unabhängiges Kaiserreich bildete.
Noch vor Ende der Kriegshandlungen bemühten sich die bereits befreiten Regionen in Südamerika um diplomatische Anerkennung. Doch der vermeintlich natürliche Bundesgenosse, die Vereinigten Staaten, verhielt sich in dieser Frage sehr zurückhaltend. Erst als mit der Ratifizierung des Adams-Onís-Vertrags in Spanien 1821 das eigentliche Ziel erreicht war, zeigte sich Washington auch unter dem Eindruck der militärischen Erfolge der Lateinamerikaner verhandlungsbereit. Dabei ging es ihnen weniger um hehre republikanische Werte, sondern letztlich um die Schaffung einer guten Ausgangsposition für den Wettbewerb mit Großbritannien um den zukünftigen Einfluss in der Region. 1822 brachen die USA dann mit der Anerkennung Groß-Kolumbiens tatsächlich das Eis. Noch im selben Jahr folgte die Anerkennung Mexikos, Chiles, der Vereinten Provinzen des Río de la Plata und Brasiliens. Außerdem schickte man nun die ersten offiziellen Gesandten nach Lateinamerika.
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