Box: Globalisierungsgewinner: Japan, Irland und die Schweiz
Der von der Prognos AG erstellte Globalisierungsreport der Bertelsmann-Stiftung misst anhand eines Globalisierungsindexes, dessen Konzeption sich an den KOF Globalisierungsindex anlehnt, den Grad der internationalen Verflechtung von 45 Industrie- und Schwellenländern und berechnet auf dieser Basis die aus der Globalisierung resultierenden direkten Wohlfahrtsgewinne. Dabei verzeichnen alle untersuchten Länder im Zeitraum zwischen 1990 und 2018 Zuwächse beim realen BIP je Einwohner, die sich auf die Globalisierung zurückführen lassen.
Abb. 1.7: Globalisierung im Zeitverlauf. Ausprägungen des Globalisierungsindex für ausgewählte Länder (1990-2018) 49
Absolut betrachtet haben vor allem entwickelte Industrienationen von den Globalisierungszuwächsen profitiert. Japan liegt dabei an der Spitze vor Irland und der Schweiz. Deutschland rangiert auf Platz sieben.
Die Messung des Zusammenhangs zwischen Globalisierung und Nachhaltigkeit (basierend auf ausgewählten Nachhaltigkeitsindikatoren der Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen) zeigt, dass stärker globalisierte Volkswirtschaften wie die Niederlande, Belgien und Irland höhere Werte für soziale Nachhaltigkeit aufweisen als weniger globalisierte Volkswirtschaften. Offensichtlich schaffen die Globalisierungsgewinne zusätzlichen Spielraum für Politikmaßnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit. 50
Doch so gerne Globalisierungsbefürworter behaupten, dass alle (!) von der Globalisierung profitieren, die Realität sieht doch anders aus. Sie bringt sowohl innerhalb eines Landes (für Konsumenten und Produzenten, für die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital 51sowie für MNU und KMU) als auch zwischen Ländern (Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer sowie Ländergruppen bzw. regionale Wirtschaftsräume) und zwischen unterschiedlichen Akteuren der Globalisierung (internationale Organisationen, MNU, NGO usw.) nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer hervor. 52
Box: Wachstum versus Wohlstand
Die Tatsache, dass einzelne Länder Gewinner der Globalisierung sind, erlaubt jedoch keine Aussage über die Verteilungssituation innerhalb dieser Länder. »In Äquatorialguinea liegt das Pro-Kopf-Einkommen bei nahezu 30.000 $ pro Jahr, nicht weit unter dem Niveau Spaniens. (…) Für eine winzige Nation von 700.000 Einwohnern sollte man erwarten, dass das weitverbreiteten Wohlstand bedeutet. Aber die Wirtschaft ist extrem auf Öl konzentriert. (…) Der Ölverkauf macht 98 % der Exporte aus, eine Zahl, die nur ein wenig höher liegt als der Stimmenanteil des Präsidenten, die er sich normalerweise in gefälschten Wahlen sichert.
Sein Sohn erhielt offiziell nur eine bescheidenes Ministergehalt, nennt aber dennoch eine dreißig Millionen Dollar teure Villa in Malibu, Immobilien in Cape Town und auf der Avenue Foch in Paris, eine Flotte von Ferraris und Rolls-Royces, einen Gulfstream-Jet, Gemälde von Renoir und Matisse einen von Michael Jacksons diamantbesetzten Handschuh sein Eigen.
Der Rest Äquatorialguineas muss einen Lebensstandard ertragen, der auf Platz 136 von insgesamt 186 Länder liegt, hinter Guatemala (BIP pro Kopf: 5.000 $) und hat eine Lebenserwartung wie Somalia von 51 Jahren.« 53
Weitere Folgen der zunehmenden Verflechtung der Volkswirtschaften sind: die leichtere Übertragung von wirtschaftlichen und politischen Krisen auf andere Länder durch die zunehmende Interdependenz zwischen den Volkswirtschaften, die Beeinflussung in der Gestaltung nationaler makroökonomischer Politik und der teilweise damit verbundene Verlust an nationalstaatlicher Souveränität, 54die Schwächung der Arbeitnehmervertretungen und die Stärkung der Unternehmensvertretungen, der Machtzunahme der multinationalen Unternehmen einschließlich der Finanzintermediäre sowie die Stärkung von international agierenden Nichtregierungsorganisationen.
Die Globalisierung hat insbesondere auch dazu geführt, dass sich bestimmte Konsequenzen wirtschaftlichen Handelns zunehmend zu universellem Nutzen oder globalen Problemen ausweiten, die nicht nur die Verursacher, sondern – im Extremfall – die gesamte Menschheit betreffen (Global Externalities). Üblicherweise wird diese Problematik unter dem Begriff Global Public Goods behandelt, wobei nicht zwischen positiven und negativen Auswirkungen unterschieden wird.
1.3.2 Global Externalities: Global Public Goods und Global Public Bads
Globale öffentliche Güter sind »Güter«, deren Auswirkungen auf der ganzen Welt spürbar sind und nicht nur innerhalb nationaler Grenzen. 55Nach Kaul »pertain global public goods to things and conditions that transcend national borders and often affect many, if not all countries. Moreover, some of these challenges spread their costs and benefit across several generations – past, current and future. (…) GPGs are things and conditions that are, as economists say, globally public in consumption.« 56Weiter heißt es »global public goods are goods, whose benefit or costs are of nearly universal reach or potentially affecting anyone anywhere. (…) It is important to emphasise that, (…) the term ›good‹ has no value connotation. It is used as a short term for the goods or products as well as services and conditions that exist in the public domain.« 57
Analog zu lokalen oder nationalen rein öffentlichen Gütern sind globale öffentliche Güter durch zwei Eigenschaften, nämlich Nicht-Ausschließbarkeit und Nicht-Rivalität charakterisiert. 58Nicht-Ausschließbarkeit 59bedeutet, dass auch Staaten von Nutzen eines globalen öffentlichen Gutes nicht ausgeschlossen werden können, die zu seiner Bereitstellung nicht beitragen oder das globale öffentliche Gut auch dann »konsumieren« müssen, wenn dies mit negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft verbunden ist. Die Betroffenen können sich dem »Konsum« nicht entziehen. Nicht-Rivalität bedeutet, dass der »Konsum« eines solchen Gutes durch ein Land den »Konsum« aller anderen Länder nicht beeinträchtigt. Zu den Charakteristika der Nicht-Ausschließbarkeit und der Nicht-Rivalität kommt hier noch die Eigenschaft der Universalität hinzu. Universal bedeutet in diesem Fall, dass die Auswirkungen zumindest auch für den größten Teil der Erdpopulation spürbar und auch generationsübergreifend sind. 60
Vor allem wenn man sich die Beispiele für globale öffentliche Güter vor Augen führt, wird schnell deutlich, dass die Auswirkungen auf die Wohlfahrt der Menschheit positiver und negativer Art sein können. Zur Unterscheidung von positiven und negativen globalen Auswirkungen macht es daher Sinn, nur dann von Global Public Goods zu sprechen, wenn es sich um globale positive Effekte (Externalitäten) handelt. Falls die Auswirkungen der Globalisierung negative Effekte mit sich bringen, sollten diese als Global Public Bads (globale öffentliche Übel) benannt werden. 61
Die Kombination fehlende Ausschließbarkeit bei gleichzeitiger Rivalität kennzeichnet sog. Allmendegüter. Aufgrund der mangelnden Ausschließbarkeit nimmt i. d. R. jeder (potenzielle) Nutzer Zugriff auf diese Güter, ohne einen entsprechenden Preis zu bezahlen und zwar so lange, bis sein Grenznutzen gleich null ist. Erfahrungsgemäß kommt es in diesem Fall ohne Regelungen zur Ausbeutung der Ressourcen. Das rationale Verhalten Einzelner möglichst viel von diesem Gut zu nutzen, ruiniert langfristig die Lebensgrundlagen aller (sog. »tragedy of the commons«). 62
Bei einer weiteren Differenzierung nach dem Ursprung der »Güter« zeigt sich dann u. a. welchen Anteil die Globalisierung zur Entstehung und globalen Verbreitung der Auswirkungen der Global Public Goods und Global Public Bads beigetragen hat. Scharnagel 63unterscheidet generell zwischen naturgegebenen und von Menschenhand geschaffenen globalen öffentlichen Gütern. Als natürlich existierende Global Public Goods benennt Scharnagel die Ozonschicht, stabile Klimaverhältnisse sowie die Erdanziehungskraft. Eine intakte Ozonschicht schützt die gesamte Menschheit vor schädlicher Strahlung; niemand kann von diesem Nutzen ausgeschlossen werden und der »Konsum« dieses »Gutes« rivalisiert auch nicht und die positive Auswirkung ist generationsübergreifend gegeben. Naturkatastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche sowie Tsunami sind naturgegebene Global Public Bads.
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