1 ...6 7 8 10 11 12 ...15 Einen Beitrag zur wachsenden Ungleichheit im Zuge der Globalisierung leistete auch die Deregulierung der Finanzmärkte. Die dadurch ausgelöste zunehmende Konzentration im Bankgewerbe förderte einen Trend zu riskanteren Geschäften, bspw. mit Finanzderivaten, was zu höheren Einnahmen und Profiten führte. »Die Mega-Profite an der Wall Street machten (aber) nicht nur die Finanzinstitute und Betreiber von Hedgefonds reich, die sich auf riskante Geschäfte im Namen wohlhabender Kunden spezialisierten, die hohen Vergütungspakete und Bonuszahlungen der Spitzenmanager verstärkten auch allgemein die Ungleichheit.« 78
Die nachfolgende Abbildung 1.9 aus dem World Inequality Report dokumentiert für ausgewählte Länder welchen Anteil die Top 10 % der Einkommensbezieher am Nationaleinkommen ihres jeweiligen Landes haben. Der Anteil stieg in allen Ländern, wenn auch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.
Abb. 1.9: Einkommensanteil der Top 10 % in ausgewählten Ländern (1980-2016) 79
Abbildung 1.10 macht zudem deutlich, dass sich die Einkommensungleichheit in den meisten OECD-Ländern seit den 1980er Jahren deutlich zugenommen hat.
Abb. 1.10: Zunehmende Ungleichheit im Einkommen in OECD-Länder 1980-2013 80
Unter nahezu allen Ökonomen besteht mittlerweile Konsens darüber, dass eine zu große Einkommens- und Vermögensungleichheit sich negativ auf das Wachstum auswirkt. In den Jahrzehnten zuvor hoben Ökonomen oft die positiven Effekte der Ungleichheit hervor. Demnach strengen sich Ärmere in einer Gesellschaft stärker an, wenn sie sich an Besserverdienern orientieren.
Die OECD geht davon aus, dass die zunehmende Ungleichheit den Industrieländern seit Anfang der 1990er Jahre durchschnittlich fünf Prozentpunkte Wachstum kostete. Umgekehrt gilt, dass weniger Ungleichheit im Einkommen und Vermögen Wachstum fördert, da dadurch Finanzkrisen weniger wahrscheinlich werden, die politische Stabilität weniger gefährdet ist und das Arbeitspotenzial nicht durch soziale Verwerfungen (psychische Krankheiten, Kriminalität, mangelnde Bildung) geschwächt wird. Vor allem die fehlenden Mittel ärmerer Schichten für Bildung reduzieren langfristig das Humankapital und das Wachstum. 81
»But there‘s growing concern over what happens when the gap between rich and poor grows too wide and when economic growth delivers benefits only to the well off. Evidence increasingly suggests that high inequality slows economic growth and reduces social mobility. Many also fear that widening divisions threaten the stability of our societies and could hold back the development of consensus on meeting common challenges.« 82
Der serbisch-amerikanische Ökonom Branko Milanovic hat die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung weltweit untersucht und dabei zwischen der Ungleichheit innerhalb der Länder und zwischen den Ländern unterschieden. Die nachfolgende Abbildung zeigt, dass nicht alle im selben Maße von der Globalisierung profitieren.
Abb. 1.11: Anstieg des realen Pro-Kopf-Einkommens in Relation zum globalen Einkommensniveau 1988-2008 83
Auf der horizontalen Achse finden sich die ärmsten Menschen der Welt, ganz rechts die Reichsten (die globalen »ein Prozent«). Die vertikale Achse gibt Aufschluss über das kumulative Wachstum des Realeinkommens zwischen 1988 und 2008. Am stärksten stiegen die Realeinkommen der Personen um das 50. Perzentil der globalen Verteilung (beim Median, bei Punkt A wozu in erster Linie die Mittelschicht in den asiatischen Ländern zählt 84) und die der reichsten Personen (des reichsten 1 Prozents bei Punkt C). Am geringsten waren die Einkommenszuwächse der Personen rund um das 80. Perzentil (Punkt B); diese Personen gehören überwiegend der unteren Mittelschicht der reichen Länder an. 85In Asien hat sich mithin dank relativ großer Einkommensgewinne eine neue Mittelschicht gebildet, wenn auch noch deutlich niedrigerem Einkommens- und Vermögensniveau als in den Industrieländern. Die Mittelschichten der »alten« Industrieländer haben relativ wenig profitiert. Die einkommensmäßig untere Hälfte der Bevölkerung von Westeuropa und Nordamerika hatte kein oder nur geringe Einkommensgewinne und hat damit relativ gesehen verloren. Entstanden ist eine globale Plutokratie, eine Gruppe besonders politisch einflussreicher Superreicher. »Die soziale Ungleichheit in vielen westlichen Industrieländern ist dadurch gestiegen, von Kompensation keine Spur.« 86
Die Autoren des World Inequality Reports präsentierten nachfolgende Abbildung 1.12, in der die Entwicklung der globalen Ungleichheit daran gemessen wird, welche Perzentile in welcher Höhe einen kumulativen Zuwachs am Einkommen zwischen den Jahren 1980 und 2016 realisierten. Im Unterschied zu Milanovic stützen sich ihre Daten nicht auf Haushaltbefragungen, sondern auf Steuerdaten. Dadurch ergeben sich deutlich höhere Einkommenszuwächse der oberen 1 Prozent, während der Zugewinn der globalen Mittelschicht geringer ausfällt. Der Rücken wird also flacher und der Rüssel reckt sich steiler in die Höhe. 87
Abb. 1.12: Die Elefantenkurve der globalen Ungleichheit und Wachstum 1980-2016 88
Milanovic dokumentiert zudem überzeugend, dass mit der Verringerung des Bevölkerungsanteils der Mittelschicht in ausgewählten westlichen Demokratien sowie dem steigenden Einkommensanteil der reichsten fünf Prozent seit Anfang der 1980er Jahre der Stimmenanteil verschiedener rechtspopulistischer europäischer Parteien bei Parlamentswahlen deutlich zugenommen hat. 89»Globalisation figures prominently in discussions of populism. Especially in its post-1990s variant – which might be better called ›hyperglobalization‹ – international economic integration seems to have produced domestic disintegration in many countries, deepening the divide between the winners and losers of exposure to global competition. (…) The high points of globalization in previous eras have also been marked by a populist backlash.« 90
Nach Acemoglu u. a. sind vor allem gesellschaftliche Gruppen, die sich ökonomisch abgehängt fühlen und das Vertrauen in die Institutionen verlieren, bevorzugt Zielgruppen von Bewegungen, die das politische System destabilisieren wollen. Einkommensungleichheit, Arbeitslosigkeit, geringe Produktivität sowie Vertrauensverlust in die Institutionen gehörten zu den Faktoren, die aus der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre auch eine Zeit der politischen Instabilität machten. 91
Die Einkommenspolarisierung – es gibt mehr Personen an beiden Enden der Einkommensverteilung und weniger in der Nähe des Medianwerts – bedingt durch die Schrumpfung der Mittelschicht und die Verringerung ihres relativen Einkommens – führt nach Milanovic zudem zu einer Krise des Wohlfahrtsstaats. Staatliche Sozialversicherungssysteme kommen unter Druck, weil die Reichen sich immer weniger solidarisch mit den Ärmeren zeigen und vielmehr ihre eigenen privaten Sicherungssysteme errichten. Das Ergebnis ist eine soziale Segregation (adverse selection) und es fällt einer sehr ungleichen oder polarisierten Gesellschaft immer schwerer, einen großen Sozialstaat zu erhalten. 92
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