Eine der Aufgaben, die sich dem Historiker stellen, besteht genauer gesagt darin, diese Millionen von individuellen Verletzungen zusammenzurechnen. Ab wann wird diese Addition einzelner traumatischer Schocks zum großen kollektiven Trauma einer ganzen Gesellschaft, zu einer „sozialen Krankheit“ 15, um den Ausdruck von George L. Mosse zu übernehmen? Eine „soziale Krankheit“, die die Zauberlehrlinge der Politik sich weiterentwickeln lassen, um besser behaupten zu können, sie zu behandeln. Der Nationalsozialismus konnte von den Deutschen, die sich ihm anschlossen, als ein Mittel betrachtet werden, das Trauma des Krieges und der Niederlage zu bekämpfen – im selben Moment, als sie dieses Mittel ersannen und ohne Unterlass immer wieder neu erfanden 16. Dieses Trauma war daher vielleicht mehr noch als eine medizinisch feststellbare Realität eine kulturell und politisch vermittelte Konstruktion – zum Beispiel durch die Kriegsliteratur, aber auch durch Mythen, politische Reden, künstlerische und kulturelle Produktionen sowie durch Interpretationen. Selbst wenn sich diese Darstellungen als falsch und ohne Bezug zum wirklich im Krieg Erlebten erwiesen, so stellt sich die Frage, warum auf diese mittelbaren kulturellen Konstruktionen des Krieges zurückgegriffen wurde.
Die Frage kann nicht dadurch gelöst werden, dass man die Idee eines direkten Einflusses des Krieges auf die Nachkriegsgesellschaften und ihre politische Entwicklung verneint 17, und gleichzeitig die Einflüsse der kulturellen Produktion eingesteht, die ein mythisches Bild des Krieges bieten. Der Bezugsrahmen in diesem Fall, so instrumentalisiert und deformiert er auch sein mag, bleibt der vorangegangene Krieg mit seinen Auswirkungen. Die sozialen Akteure, die sich seiner bemächtigen, beabsichtigen daraus Gewinn zu ziehen, selbst wenn sie ihr politisches Kalkül eingestehen müssen. Sie erwarten implizit, dass diese Mobilisierung ein Echo in der vom Krieg geplagten Öffentlichkeit findet, während diese ihn zu vergessen sucht. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums war der Pazifismus durch seine radikale Demobilisierung der kollektiv geteilten Vorstellungen während des Krieges letztlich auch ein Mittel, eine neue Bedeutung zu erschaffen, die der Kriegswirklichkeit übergestülpt werden konnte. Er erlaubte, diese neu zu interpretieren und sich von dem Sinn, den man dem Krieg zwischen 1914 und 1918 gegeben hatte, ebenso zu distanzieren wie von jenem, den ihm die politischen Gegner nach 1918 gegeben hatten.
Ohne in die Falle des teleologischen Ausdrucks „Zwischenkriegszeit“ zu tappen, ohne sich vom „Dämon des Ursprungs“ 18heimsuchen zu lassen oder sich in monokausalen Erklärungen zu ergehen, geht es darum, eine Darstellung der deutsch-französischen Geschichte nach 1918 zu wagen und auf diese Art und Weise vielleicht neue Interpretationsmöglichkeiten zu eröffnen.
Die Angemessenheit historischer Zugänge für das Problem und den gewählten Blickpunkt
Für die Fragen, die wir aus unserem Blickpunkt an den Kriegsausgang stellen, funktionieren die üblicherweise von Historikern benutzten Analyserahmen, die Untersuchung des Sozialen, Ökonomischen, Politischen und Kulturellen nicht – auch wenn sie für Einzelstudien über die eine oder andere Frage oder für Vergleichsdarstellungen durchaus aussagekräftig sind 19. Es geht auch nicht darum, lediglich die „Beziehungen“ zwischen den zwei Ländern zu untersuchen, seien es nun diplomatische Beziehungen oder, in einer neueren Perspektive, die Kontakte und Transfers zwischen den verschiedensten transnationalen Akteuren auf unterschiedlichen Ebenen.
Ebenso wenig soll die zentrale Frage nach dem Vermächtnis des Ersten Weltkriegs beantwortet werden, indem man sich damit zufriedengibt, zwei Antworten nebeneinanderzustellen – so treffend diese Differenzierung auch sein mag: auf der einen Seite eine Siegermacht, auf der anderen Seite ein besiegtes Land. Dieser Vergleich würde es verhindern, die gemeinsame Dynamik und die „Verflechtungen“ zu erfassen, die beide Gesellschaften gleichermaßen betrafen.
Um auch diese Frage beantworten zu können, haben wir uns entschieden, „in Fällen zu denken“ 20, auch wenn die Auswahl bisweilen willkürlich erscheinen mag. Wir werden dabei von Inhalten ausgehen, die es erlauben, ganz nahe an die Fragen des Kriegsausgangs und des Traumas mit seinen Auswirkungen in der untersuchten Epoche heranzugehen – notfalls anhand von sehr genau beschriebenen Beispielen.
Dennoch ist diese Herangehensweise nicht willkürlicher als die klassische nationale oder binationale Analyse – wie die deutsch-französische Perspektive – oder die Untersuchung einer Epoche 21, die in unserem Fall eine Relevanz für die deutsche Geschichte besitzt – jene von Weimar, 1918–1932/33 –, aber auf den ersten Blick weitaus weniger wichtig für Frankreich ist.
Für Marc Bloch und die Annales -Historiker findet sich alles in der gestellten Frage. Im Mittelpunkt des vorliegenden Werkes steht ein Problem: die Verletzungen zweier Gesellschaften – die eine siegreich, die andere besiegt – und ihre Auswirkungen als Vermächtnis des Krieges und seiner unmittelbaren Folgen. Dieses Problem mittels einiger spezifischer Themen anzugehen, sollte den Tunnelblick verhindern, durch den uns andere miteinander verbundene und voneinander abhängige Geschichten, andere „geteilte Geschichten“ entgangen wären.
Tatsächlich blickt Deutschland nicht nur gen Westen und auf Frankreich. Die Beziehung Frankreichs zu seinem alten besiegten Gegner wiederum ist keineswegs eine exklusive gegenüber anderen, genauso wichtigen Zusammenhängen.
Die Auswahl einiger Inhalte erlaubt es außerdem, die Ergebnisse neuerer Forschungen und Herangehensweisen zu würdigen und zu präsentieren, welche die Untersuchungen zur deutsch-französischen Zeitgeschichte in den letzten Jahren nachhaltig beeinflusst haben. Hartmut Kaelble hat darauf hingewiesen, dass die vergleichende Geschichte, die Geschichte von kulturellen Transfers, die transnationale Geschichte, die historischen Verflechtungen oft von den Praktizierenden der deutsch-französischen Geschichte initiiert, getragen und ausprobiert – und sogar kritisiert – wurden. 22
Es überrascht also nicht, dass sich hier Kapitel zur vergleichenden Geschichte ebenso finden wie andere, die kulturelle Transfers in den Mittelpunkt stellen oder versuchen, historische Verflechtungen aufzuzeigen. Ein Ziel dieser verwandten, aber doch verschiedenen Methoden ist es dabei, neue Fragen aufzuwerfen.
Eine vergleichende Kulturgeschichte des Kriegsausgangs in zeitlicher Tiefe
Gleichzeitig mit einer Erneuerung der Methoden, die den nationalen Bezugsrahmen für Untersuchungen hinter sich lassen, erleben wir seit rund 15 Jahren neben neuen Studien zum Nationalsozialismus und zum Zweiten Weltkrieg 23auch eine grundlegende Erneuerung hinsichtlich der Geschichte des Ersten Weltkriegs auf beiden Seiten des Rheins, aber auch in Großbritannien, Belgien 24, Irland und den Vereinigten Staaten.
Im Zentrum dieser neuen Arbeiten steht die Frage nach der „Kriegserfahrung als Gewalterfahrung“ 25und nach deren Auswirkungen auf kurze, mittlere und lange Sicht. Es geht vor allem darum, zu verstehen, wie „derjenige, der den Krieg erlebt hat, einen ungestillten Hass hervorbringen konnte, der sich in den Taten und Gesten der ‚Freikorps‘ und der SA-Trupps ausdrückte, sich vielleicht auch in den Aktionen der Croix-de-Feu zeigte, und gleichzeitig pazifistische Überzeugungen und Bewegungen schaffte“ 26. Diese Frage drückt im Prinzip die Möglichkeit und die Formen dessen aus, was John Horne die „kulturelle Demobilisierung“ nannte. Sie wird auch von George L. Mosse gestellt, wenn er von der „Brutalisierung“ der europäischen Gesellschaften durch den Ersten Weltkrieg spricht 27.
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