Gott sei Dank war es ihr möglich, auch weiterhin die Sonne zu genießen, denn trotz gegenteiliger Mythen würde sie durch Johns Biss niemals zum Vampir werden. Und sein Blut, das er ihr vor ein paar Tagen in ihrem ohnmächtigen Zustand eingeflößt hatte, um ihr Leben zu retten, sorgte nur dafür, dass sich vorübergehend jede Zelle ihres Körpers regenerieren beziehungsweise neu wachsen konnte. Durch sein Blut würden ihr eine neue Niere ebenso wachsen wie ein Fingernagel. Nur eine Verletzung des Herzens war meist tödlich, genau wie bei Vampiren.
Nach dem Duschen hatte Lara sich wieder im Griff.
„Runter mit der rosaroten Brille. Sieh der Realität ins Auge“, murmelte sie während des Abtrocknens, „Jetzt werde ich erst mal diese Ara kennenlernen und dann ist John bestimmt wach und kann mich zur Mühle fahren.“
„Immerhin hab ich ihm seine Haut gerettet! Das ist er mir schuldig“, protestierte sie ohne Zeugen, als ihr leise Zweifel aufstiegen. „Er muss mich nach Hause lassen.“
Nach Hause – sie schluckte.
Nach allem, was sie zusammen erlebt hatten, kannte John noch nicht mal ihr Zuhause, ihr normales Leben. Aber vielleicht interessierte ihn das ja überhaupt nicht. Immerhin hatte er hier sein eigenes Leben, seine Freunde – und die Erinnerung an seine tote Frau.
Eine halbe Stunde später stand sie auf dem schier endlos langen Flur, der rechts und links um Ecken ins Nirgendwo abzweigte, und fühlte sich wie ein Idiot. Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie gar nicht wusste, wo diese Arabella überhaupt wohnte.
Ein kleines Mädchen mit erdbeerblonden Zöpfen und einem Plüschpuma im Arm hüpfte in diesem Moment um die Ecke und stoppte direkt vor ihr. Mit einem strahlenden Lächeln schaute die Kleine zu ihr hoch.
„Du bist bestimmt die Buchschreiberin.“
Das Mädchen wartete ihre Antwort gar nicht ab.
„Ich bin Alice und das hier ist Wildhearts kleine Schwester. Gehst du auch zu Ara frühstücken?“
Kaum hatte Lara Ja gesagt, griff Alice nach ihrer Hand und zog sie hüpfend hinter sich her.
„Du hast dich verlaufen, oder? Das ist mir am Anfang auch passiert. Das wird schon noch.“
Da Lara eh keine Chance hatte zu Wort zu kommen, ließ sie sich einfach mitziehen.
„Mama ist schon längst da, aber ich wollte noch mit Papa kuscheln.“
Endlich holte das Mädchen mal Luft zwischen ihren Sätzen.
„Wer ist denn dein Papa?“
„Der allerbeste Kämpfer, den es hier gibt, und der allerallergrusligste! Er hat nämlich eine Schlange im Gesicht.“
Mit gespielt finsterer Miene versuchte Alice, mit ihrer kleinen Kinderhand eine Furcht einflößende Schlange zu imitieren. Lara musste kichern.
„Können Buchschreiberinnen nicht ein bisschen schneller laufen? Ich bin nämlich ganz doll hungrig!“
„Doch, das können sie, vor allem wenn sie selbst fast vor Hunger sterben.“
Lächelnd fegte Lara mit dem kleinen Wirbelwind über die Flure.
Doch als sie darüber nachdachte, dass sie tatsächlich in einem Vampirnest zum Frühstück eingeladen war, kam ihr plötzlich alles so unwirklich vor.
Ihre Schritte wurden langsamer und Alice riss sich los, um ein paar Meter weiter, ohne anzuklopfen, durch eine Tür zu stürmen.
Arabella musste äußerlich eine ganz normale Frau sein, wenn auch mit ewiger Jugend, denn Vampire waren ausschließlich männlich. Aber sie fragte sich, ob auch Männer am Tisch sitzen würden – und Blut aus Kaffeetassen tranken – gruselige Vorstellung.
Und lebten hier alle ständig im Dunkeln?
Dann war da noch dieser seltsame Traum von einer Krankenschwester mit lila Haaren und einer Maschinenpistole, die ihr zur Toilette half und zu trinken einflößte …
Als sie beinahe die offene Tür erreicht hatte, war sie schon wieder so weit umzukehren. Doch da trat die seltsame Krankenschwester, diesmal allerdings ohne Maschinenpistole, auf den Flur heraus.
„Hi, Lara!“
Wow, also doch kein Traum! Beinahe wäre ihr der Mund offen stehen geblieben. Noch ehe sie Hallo sagen konnte, nahm die schlanke Frau mit dem Körper eines Victoria’s-Secret-Models, sie überschwänglich in den Arm, als wäre sie ihre beste Freundin.
„Herzlich willkommen!“
„Du bist also Arabella?“
John hatte recht, denn mit ihrer Art und den beiden lila-schwarzen Zöpfen, musste auch sie flüchtig an Pippi Langstrumpf denken.
„Nenn mich einfach Ara und komm endlich rein. Du musst ja halb am Verhungern sein, so wie dein Magen knurrt.“
Ara führte sie zu einer großen gemütlichen Wohnküche. Gott sei Dank mit Fenstern, durch die die Sonne schien! Ihre Beklemmung wegen der fensterlosen Flure von vorhin löste sich auf. Trotzdem blieb sie angesichts der Szene erst mal wie angewurzelt im Türrahmen stehen.
„Latte, Cappuccino oder stinknormaler Kaffee?“
„Ähm – Kaffee.“
An diesem großen, schön gedeckten Tisch würden sie gleich zu fünft frühstücken. Alva und eine Frau, deren Gesichtszüge und schwarze, gelockte Haare eine südländische Herkunft verrieten, saßen bereits und unterhielten sich gut gelaunt.
So etwas hatte sie sich an ihrem stets leeren Küchentisch auch immer gewünscht!
Auf der hübschen Tischdecke mit Miniblümchen präsentierte sich eine Silberplatte mit edelstem Käse und feinster Wurst. Wie sich nachher herausstellte, hatte jede etwas zum Frühstück beigesteuert: Von Alva, die skandinavische Wurzeln hatte, kamen der Räucherlachs und die Krabben, von Rose der spanische Serrano-Schinken. Ara, die sich aus Gewohnheit oft noch wie ein Model ernährte, hatte die Vielfalt mit selbst zubereitetem Obstsalat und frisch gepresstem Orangensaft ergänzt.
Das absolute Highlight war allerdings die Tischmitte. Dort thronte ein großer, neongrüner Plüschfrosch mit der Aufschrift „Küss mich“, der sich als Aras Eierwärmer entpuppte. Um ihn herum schwammen in Wasserschälchen Kerzen in Seerosenform.
Das Bild, das sich ihr bot, war herzerwärmend und schmeckte doch wie bittere Medizin.
Sie erkannte, wie sehr ihr so etwas all die Jahre gefehlt hatte in ihrer wunderschönen, aber einsamen Mühle, inmitten von Feldern.
„Komm schon, setz dich endlich. Oder soll ich deinem knurrenden Magen eine Sonde verpassen?“, scherzte die Ärztin.
Arabella stellte ihr den Kaffee hin, setzte sich und meinte zu ihr: „Mann, siehst du geschockt aus. Hast du was anderes erwartet? Heute ist hier Mädelsrunde. Das Ciabatta und die kleinen Brötchen hat mein Schatz Vinz übrigens aus dem Mehl von deiner Mühle gebacken.“
Wortlos setzte sich Lara an den Tisch, der alles bot, was das Herz begehrte. Aber das Beste war, dass die anderen sie wie selbstverständlich in ihren Kreis aufnahmen. Es war so angenehm, wie in eine warme Badewanne zu steigen, wie gute Freunde zu treffen und nicht, wie „die Neue“ zu sein und am Rand zu stehen.
Sie lachten und scherzten auch mit ihr, als wären sie alte Freundinnen und säßen in einem Pariser Straßencafé, nicht in einem Vampir-Hauptquartier.
Nichts und niemand an diesem Tisch war 08/15 und das gefiel ihr umso mehr. Wie sich herausstellte, war ihre Gastgeberin in den 80er Jahren ein Topmodel gewesen.
Rose, zur Hälfte Spanierin, war eine im Nahkampf versierte Personenschützerin und hatte früher eine eigene Bodyguardagentur.
Alva hatte sie ja bereits kennengelernt. Sie war die Ärztin, die sich nach ihrem Sprung von der Brücke, durch den sie ohne John gestorben wäre, um sie gekümmert hatte. Ihr charakterstarkes Gesicht mit den typisch nordischen Wangenknochen und einem beinahe kantigen Kinn, wirkte durch die stufig geschnittenen, braunen Haare, die es umspielten, etwas weicher. Ganz nebenbei erfuhr sie, dass Alva seit dem 14. Jahrhundert und durch alle Zeitalter hindurch Heilerin und Ärztin gewesen war.
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