„Negativ“, lautete Elias SMS.
Sofort wählte er Elias Nummer und ging ins Wohnzimmer, um Lara nicht zu wecken.
„Ich hab dir doch Ramóns Laptop geliefert. Du hast gesagt, du kriegst das hin!“
„John, der Standort von Ramóns Hauptversteck war wider Erwarten nicht drauf. Zumindest habe ich durch den Laptop Zugriff auf seinen Hauptrechner bekommen und mit meinem selbst kreierten Napalm-Virus alle Daten gelöscht.“
„Was ist mit der schwarzen Liste? Und Laras Portemonnaie mit ihren Papieren?“
Ramón hatte nicht nur ein Kopfgeld auf die Wächter ausgesetzt, sondern sogar auf ihre Frauen Jagd gemacht.
„Walter hat Ramóns Kleidung und seinen Wagen durchsucht. Dabei fand er die Liste mit uns und unseren Frauen, auf die Ramón ein Kopfgeld ausgesetzt hat. Walter verbrannte das Ding noch an Ort und Stelle. Aber Laras Brieftasche mit all ihren Papieren, die Ramón ihr abgenommen hatte, konnte er nirgendwo finden.“
John fuhr sich frustriert durch seine Locken.
„Also haben wir keine Möglichkeit, den Rest der Bande zu erledigen. Und durch Laras Ausweis und Führerschein kennen die geflüchteten Verbrecher ihr Gesicht, ihren Namen und wissen, wo sie wohnt.“
„Tut mir leid, John.“
Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, lag Lara zusammengerollt auf der Seite und wirkte mit einem Mal noch viel verletzlicher.
Beinahe wäre sie ertrunken, beinahe in die Hände eines Folterers geraten.
Gott sei Dank war Lara hier bei ihm sicher.
Dennoch kam er nicht gegen das Bedürfnis an, sie darüber hinaus in die Sicherheit seiner Arme zu schließen.
Normalerweise schlief er nackt. Heute zog er sich eine schwarze Pyjamahose an und legte sich hinter Lara ins Löffelchen. Behutsam schob er einen Arm unter ihren Kopf und umschlang mit dem anderen ihren Bauch.
Hier und jetzt war sie sicher, und ihre warme, weiche Haut zu spüren, empfand er als pures Glück.
„John?“, murmelte Lara im Halbschlaf.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken. Schlaf einfach weiter.“
Lara schmiegte sich enger an ihn, legte ihre Hand auf seinen Arm und murmelte: „Morgen bringst du mich wieder nach Hause, ja?“
Nein.
John küsste zärtlich ihren Hals und flüsterte einlullend: „Schlaf dich erst mal aus, Lara.“
„Mhm.“
Mit ihrem beruhigenden Herzschlag in den Ohren fiel auch er kurz darauf völlig erschöpft in den Schlaf.
Mitten im Kampfgetümmel sah Hassan Ramón sterben.
Sofort keimte in ihm die Hoffnung auf, endlich mit seiner Mutter fliehen zu können. Der Blutfürst hielt sie nun schon seit Jahren als Geisel. Ein Druckmittel, um ihn zum absoluten Gehorsam als Leibwächter zu zwingen. Selbst der Versuch zu fliehen hätte ausgereicht, damit Ramón ihn beim langsamen und qualvollen Tod seiner Mutter Semira zusehen ließ. Und sie floh nicht, weil ihm sonst das Gleiche blühte. Schon beim kleinsten Aufmucken wurde nicht nur er, sondern auch seine Mutter grausam bestraft.
Er muckte nicht mehr auf, schon lange nicht mehr.
Seine Mutter Semira war einst eine Schönheit gewesen, sein orientalisches Aussehen und seine langen, rabenschwarzen Locken hatte er von ihr geerbt. Doch in den letzten Monaten wurde sie mehr und mehr zur leeren Hülle. Sogar sie, die ehemalige Sklavin aus Byzanz, verlor immer mehr ihren unbeugsamen Lebenswillen.
Ramón hatte in seinem Unterschlupf nur zwei Mann als Wache zurückgelassen. Es würde keinen idealeren Zeitpunkt geben, um seine Mutter zu befreien! Leider kämpften gerade zwei Wächter gleichzeitig gegen ihn und er hatte bereits ein paar üble Verletzungen, die ihn schwächten.
Mit der Kraft der Verzweiflung bäumte er sich auf, versetzte den Wächtern zwei kräftige Hiebe und flüchtete. Ein Schuss in die linke Schulter, knapp oberhalb seines Herzens, riss ihn von den Füßen. Er rappelte sich auf und rannte selbst nach zwei weiteren Treffern immer noch. Allerdings trugen ihn seine Beine nicht mehr lange. Schließlich ging er zu Boden, die Kleidung durchnässt von seinem eigenen Blut.
Mehr tot als lebendig, spürte er, wie eine grobe Hand ihn packte, über den rauen Asphalt schleifte und in einen Kofferraum warf. Als er wieder zu sich kam, lag er in einer der Zellen des ehemaligen Militärbunkers, den Ramón in sein Hauptquartier verwandelt hatte. Die dicke Stahlmanschette um seinen Hals, die man mit einer Kette an der Wand verankert hatte, und die titanverstärkten Handschellen machten ihm auf brutale Weise klar, dass die erhoffte Befreiung seiner Mutter unmöglich geworden war.
Während ihn die höllischen Schmerzen – von seinem ohne frisches Blut nicht heilen wollenden Körper – benommen machten, hörte er Boris vor der Zellentür telefonieren.
„Du weckst mich mitten am Tag, Boris? Wenn du dafür keinen triftigen Grund hast, werde ich meinem Bruder sagen, er soll dir ein Sonnenbad gönnen!“
Diese Stimme am anderen Ende des Telefons gehörte Raúl, dem mächtigen Blutfürsten eines anderen Gebiets.
„Verzeiht die Störung, aber es geht um Euren Bruder.“
„Hat er etwa schon wieder mein Geld in den Sand gesetzt? Dann werde ich ihm nämlich höchstpersönlich ein wenig Sonnenbräune verpassen. Und warum informiert mich Oskar nicht? Er sollte aufpassen, was mein Bruder mit meinem Geld anstellt! Hat dieser faule, sadistische Bastard bei euch etwa zu viel zu tun?“
„Bitte, Fürst, gestattet mir zu erklären.“
„Hör auf zu schleimen und rede!“
„Eurem Bruder gelang es, den Standort der Wächter in Erfahrung zu bringen. Er wollte ihr Hauptquartier stürmen und hatte fast alle Männer dabei.“
„Lass mich raten, die Sache ist in die Hose gegangen?“
„Ja, und Euer Bruder ist im Kampf gefallen.“
„Verdammt!“
Am anderen Ende erscholl ein Brüllen, das Krachen von splitterndem Holz war zu hören und dumpfe Aufschläge von schwerem Stein. Nach einer Weile donnerte Raúls Stimme wieder durch den Hörer: „Wie schlimm ist es? Und was ist mit meinen Investitionen?“
„Ich und zwei andere Männer haben überlebt. Unser Hauptquartier und das neue externe Drogenlabor mit dem Lager der Basiskomponenten, das Ihr finanziert habt, sind unentdeckt geblieben.“
„Wenigstens etwas.“
Raúl ließ sich die Details erzählen, wobei Boris einige Tatsachen zu seinen Gunsten veränderte. Dass der sich selbst auf Kosten anderer ins bessere Licht rückte, war nichts Neues für Hassan. Aber außer Boris und ihm gab es ja keine Zeugen des Kampfes mehr, denn die anderen beiden Männer waren als Wache zurückgeblieben.
„Du willst mir also erzählen, dass mein Bruder in eine Falle gelaufen ist und sein Leibwächter ihn feige im Stich gelassen hat? Dass dieser Ritter der weißen Lilie Oskar getötet und meinem Bruder das Herz herausgerissen hat? Und wo warst du die ganze Zeit?“
Gute Frage! Doch Boris hatte sich dafür natürlich eine feine Geschichte ausgedacht, die nichts mit der Wahrheit zu tun hatte.
„Verdammter Lügner!“, brüllte Hassan.
Dieser hinterhältige Hund hatte ihn also nur gerettet, um ihn Raúl als Sündenbock vorzuführen. Feige, wie Boris war, hatte der sich nämlich recht schnell unauffällig aus dem Kampf mit den Wächtern zurückgezogen und vermutlich in sicherer Entfernung den Ausgang abgewartet.
„Es wird Zeit, dass ich selbst nach dem Rechten sehe und mir diesen Ritter und seine Schlampe vornehme! Erwarte mich bei Sonnenuntergang, Boris!“, hörte Hassan den zornigen Blutfürsten noch schreien, bevor der auflegte.
Raúl würde maßlose Rache für den Tod seines Bruders nehmen und er, Hassan, würde der Erste sein, der sie zu spüren bekam. Wahrscheinlich spekulierte Boris darauf, dass Raúl ihm die Führung von Ramóns Gebiet übertragen würde, weil er die Lieferanten und Abnehmer des Drogengeschäftes kannte. Für einen Blutfürsten ergab sich sehr selten die Gelegenheit, ein so großes Gebiet ohne verlustreichen Kampf zu übernehmen. Raúl brauchte aber jemanden, der sich mit der Abwicklung des Geschäftes vor Ort auskannte, um weiter Gewinn zu machen, und das war nicht er, Hassan, sondern Boris. Er war nur das Bauernopfer in diesem Spiel. Boris hingegen bot sich die Möglichkeit, die mächtigste Figur unterhalb eines Blutfürsten zu werden. Um selbst Fürst zu werden, bräuchte dieser feige Lügner nämlich eine kleine Armee, die er nicht besaß – noch nicht.
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