Seufzend goss ich mir die dritte Tasse Kaffee ein. Wobei ich mir zum mindestens hundertsten Mal vornahm, nicht zu seufzen.
Mit der Tasse lief ich in die Wohnstube, in der ich gestern Nachmittag irgendwo meinen Datenleser gesehen hatte. Ich fand ihn nach wenigen Minuten unter dem zerknautschen Sofakissen.
Vermaledeite Klabasterkacke!
Vorhin hatte ich den Chip in die Minitasche der Jeans gesteckt. Die, die ursprünglich für Taschenuhren vorgesehen war – obwohl die seit Jahrhunderten keiner mehr benutzte. Jetzt brach ich mir fast die Finger bei dem Vorhaben, den Chip aus dieser wieder herauszufischen.
Es gelang mir.
Irgendwie.
Ohne den Verlust eines Fingers.
Den Chip legte ich ein. Während ich in aller Ruhe meinen Kaffee trank, sah ich die vier Aufträge an. Einen würde ich ablehnen, da ich nie und nimmer bei einem Vampir einsteigen würde. Nicht, weil ich noch Angst haben musste, dass sie mich mit ihrem Biss vergiften konnten. Aber Vampire waren in jeglicher Hinsicht schneller als ich. Für den Fall, dass ich dennoch angemessen reagierte, wollte ich jedoch nicht als Mörderin hingestellt werden.
Nur weil ich einen in Notwehr röstete. Hm, knuspriger Vampir…
Die anderen drei waren gewöhnliche Menschen. Zumindest was den Beschaffungsort betraf. Denn auch Gestaltwandler als Opfer lehnte ich kategorisch ab. Immerhin kannte ich die Rudel inzwischen persönlich und die konnten an einer Hand abzählen, wer ihnen quasi aufs Dach gestiegen war.
Oder in den Keller.
Beziehungsweise den eigentlich gut geschützten Tresorraum.
Da die drei Be un günstigten weder Vampire noch Werwesen waren, sagte ich diesen Aufträgen zu.
Somit war es den mir bis jetzt anonymen Auftraggebern überlassen, mich innerhalb der nächsten zwei Stunden zu kontaktieren. Wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich, seit Humphrey nicht mehr da war, lediglich Aufträge angenommen. Auf eigenen Antrieb beschaffte ich seit diesem Zeitpunkt keine Objekte, die ich meistbietend zum Verkauf anbot. Hieß das, ich war im Begriff mich zu ändern? Gesitteter zu werden? Weniger risikofreundlich? Möglich. Vielleicht war es auch nur eine unbewusste Entscheidung, die meine Faulheit bezüglich der Recherche unterstützte.
Binnen nicht mal fünf Minuten meldete sich mein Pager, den ich mir vorsorglich bereit gelegt hatte. Ohne zu zögern, griff ich zum Telefon, was ich ebenfalls schon vor mir liegen hatte und wählte die erste Nummer. Im Stillen dankte ich mir für die weise Voraussicht den Kaffee abgestellt zu haben. Denn die Stimme, die sich meldete und die offenbar durchaus wusste, dass ich mich am anderen Ende befand, gehörte keinem Geringeren als Bingham Senior, äh ... Steward. Natürlich war es kein Zufall, dass ausgerechnet ich seinen Auftrag annahm. Steward hatte einfach gewartet, bis ich ihn kontaktierte. „Schön, dass du wieder im Geschäft bist, Samantha.“ Auf meine Frage, wieso er mich denn nicht direkt darum gebeten hatte, hörte ich ihn nur leise lachen. Ja, ja, schon klar. Ich rollte mit den Augen. Die letzten Wochen war ich schließlich zu nichts zu gebrauchen gewesen. Das Chaos in meiner Wohnung, was ich erst gestern beseitigt hatte, war Zeuge meiner geistigen Abwesenheit gewesen. „Ich bin gleich bei dir, wenn es dir recht ist.“, bemerkte Steward.
Auf meine Zustimmung hin, legte er auf und tauchte nur ein Augenblinzeln später in meiner – inzwischen Gott sei Dank passablen – Wohnstube auf. Sofort klärte er mich über die erwartete Dienstleistung auf. Es wunderte mich nicht, dass er sich den begehrten Gegenstand nicht selbst besorgte. Vampire waren schnell und fähig, sich an jeden beliebigen Ort zu transportieren. Sobald jedoch irgendeine Form von Magie als Sicherheitsfaktor zu berücksichtigen war, waren auch deren Hände gebunden. Sofern es sich nicht um vampirische Magie handelte. Und das tat es in Stewards Fall nicht.
Drei Stunden später hatte ich mir auch die anderen zwei Aufträge unter den Nagel gerissen. Wenn alles gut lief und die Recherche keine Schwierigkeiten bereitete, würde ich die Aufträge innerhalb einer Woche ausführen können.
Mit etwas Glück wurde es so kurz vor Jahresende ein Kinderspiel.
Mein Tatendrang war geweckt.
Die nächsten Stunden ermittelte ich; machte mir dabei Notizen. Das erste Mal seit Wochen nahm ich eine recht anspruchsvolle, kalorienreiche Mahlzeit zu mir – ohne dass mein Magen der Ansicht war, diese gleich wieder von sich zu geben. Die ganze Zeit über lächelte ich und ... wow, ich bemerkte es sogar!
Endlich fertig und mit der Recherche zufrieden, streckte ich mich ausgiebig. Immer noch ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. Was für ein Glück, dass Menschen nach wie vor die Angewohnheit hatten, Weihnachten im Kreis ihrer Familien zu verbringen und sich auf den Frieden zu besinnen. Etwas durchaus Schönes. Nur, dass ich das natürlich ausnutzen würde. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Oder der Besuch der Christmette, den der gute Mann, der Stewards Eigentum unberechtigterweise an sich hatte nehmen können, besuchen würde. Wer rechnete schon damit, am Heiligabend nicht vom Weihnachtsmann oder dem Christkind, sondern von einem gut informierten und mit den notwendigen Fähigkeiten ausgestatteten Dieb besucht zu werden?
Aah, hoffentlich fand ich eine gute Ausrede für meine Mutter!
Sie ging zwar nicht in die Kirche – wie wir alle nicht – verlangte aber dennoch von uns Kindern, dass wir uns pünktlich 15 Uhr bei ihr zum Kaffee einfanden.
Nun, ich würde mir schon etwas einfallen lassen. Schließlich war ich nicht auf den Kopf gefallen. Und wenn ich diesen verfluchten, herzlosen, herum hurenden Alan vorschieben müsste.
Alan…
Ach du heiliger Strohsack!
Fluchend schob ich die mit den notwendigen Informationen beschriebenen Zettel ineinander und packte sie zusammen mit dem Pager und meinem Datenleser in das untere Schubfach meines Sideboards. Gleichzeitig versuchte ich, meine leicht hyperventilierende Atmung unter Kontrolle zu bekommen.
Heute war der 21.
Wintersonnenwende.
Und somit das Ritual, an dem ich dank dieser dämlichen Rudelintegrierung teilnehmen musste. Das Ritual zur Versiegelung der Seelen. Vor einem Jahr wäre beinah die Apokalypse über die Welt hereingebrochen. Aber mir und Ribberts Rudel war es gelungen, einen frei umherlaufenden Wandler aufzuhalten. Zugegeben, auch Alan und Roman Bingham hatten einen Teil dazu beigetragen. Würde ich also nicht hundertprozentig wissen, dass es unumgänglich war, würde ich den Termin absichtlich vergessen. Aber mein Gewissen machte mir das unmöglich.
Ich wollte nicht, dass die Seelen der Wandler freikamen. Zerhackt und verknittert aber auch!
Ich wollte Alan nicht sehen.
Ich wollte nicht in seiner Nähe sein.
Und vor allem wollte ich nicht so tun, als machte es mir nichts aus, dass er mich mir nichts dir nichts aus seinem Leben ausgeschlossen hatte. Aber ich hatte keine Wahl… scheiß schlechtes Gewissen!
Da es immer noch warm war – die Wetterstation bestätigte mir fluffige 12 Grad und das neun Uhr abends – verdammt, ich würde zu spät kommen! – entschied ich mich gegen die schwere Bikermontur, behielt meine Jeans und das Shirt an, schlüpfte in eine leichte Lederjacke, schnappte meine Schlüssel, überprüfte kurz mein Make-up und legte ein dezentes Parfum auf. Für einen Moment genoss ich das heimelige Licht der Weihnachtsbeleuchtung an den Fenstern. Verfluchter Scheißendreck!
Ich konnte es nicht aufschieben.
Zu trödeln machte es kaum leichter. Ich schnappte mir den Helm, verließ die Wohnung und fuhr mit dem Fahrstuhl in die Tiefgarage. Dort stand nicht nur meine Lady, sondern auch Lauras Auto und warteten auf mich. Ich setzte den Helm auf, schwang mich auf mein heiß geliebtes Motorrad, startete den Motor und ließ ihn einmal laut aufbrüllen. Tief Luft holend legte ich den Gang ein.
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