Jepp; eindeutig!
Das, was mich da aus meinem Spiegelbild anstarrte, konnte nämlich unmöglich ich sein: Meine Haare glichen einer Pudelmütze, meine Augen waren geschwollen und umrandet von wunderschönen, dunklen Ringen. Meine Lippen aufgerissen und spröde.
Reizend.
Ich sollte schleunigst wieder anfangen zu leben, bevor ich als lebende Leiche endete.
Dieses Vorhaben setzte ich in die Tat um. Wenn auch nur, um mir selbst zu beweisen, dass das Leben ohne diesen eitlen Deppen ebenso lebenswert war.
Einige Stunden später war ich eine völlig neue Person und betrachtete mich äußerst zufrieden im Spiegel. Nach einem ausgiebigen Schönheitstag – den ich nur dank ein paar Kontakte meiner Mutter hatte überhaupt so schnell ermöglichen können – fühlte ich mich beinah wieder wie ein Mensch. Zu verdanken hatte ich das einem Schönheitssalon. Der bot einen hervorragenden Service. Ich fühlte mich wunderbar entspannt, entschlackt, gepeelt, gecremt, massiert, gerupft, gezupft und wieder in Form gebracht. Obendrein war mein stark geknicktes Selbstvertrauen aufpoliert worden. Dafür bat man jedoch auch ordentlich zur Kasse. Nun ja, Qualität hatte nun mal ihren Preis.
Ich jedenfalls fühlte mich prächtig. Oberhammeraffengeilsauprächtig!
Und sah auch dementsprechend aus. Besonders, weil ich mir im Anschluss nicht nur einen Friseurbesuch, sondern auch schicke, neue Klamotten gegönnt hatte.
Oh ja!
Diese Lady im Spiegel gefiel mir. Nicht das Häufchen Elend, was mich heute Morgen daraus angestarrt hatte. Jetzt sah ich aus wie eine selbstsichere, sympathische, junge Frau mit einem neuen Lebensziel. Zugegeben, nicht neu, nur… ein wenig generalüberholt. Ausgestattet mit diesem neuen Elan überlegte ich mir, ob ich so kurz vor Weihnachten nun doch endlich beginnen sollte, meine Wohnung etwas weihnachtlicher zu gestalten. Aber angesichts der viel zu warmen Temperaturen entschied ich mich dagegen.
17 Grad Celsius.
Wie sollte denn bei diesen frühlingshaften Temperaturen ein Weihnachtsfeeling aufkommen? Schnee – und somit weiße Weihnachten – fielen dieses Jahr wohl aus. Ich seufzte und ohrfeigte mich dafür im Stillen. Schließlich hatte ich mir vorgenommen, nur noch positiv ans Leben heranzugehen. Seufzen gehörte nicht dazu.
Es sei denn, ich konnte dazu sehr elegant und genervt die Augen rollen.
Was im Moment nicht zutraf.
Alan hatte mir – mal wieder – das schönste Fest des Jahres versaut. Doch das sollte mich nicht mehr kümmern. Ein drittes Mal würde ihm das nämlich nicht gelingen. Ab sofort hatte ich nichts mehr mit ihm zu tun. Ich war frei. Ach was, es würde ihm noch nicht mal ein zweites Mal gelingen. Nur weil wir getrennt waren, hieß das nicht, dass mein Weihnachten ausfiel. Oder von Trübsal übersät blieb.
Summend hüpfte ich durch meine Wohnung. Entschied mich schließlich, wenigstens ein paar Weihnachtslieder anzuhören, die ich sofort lautstark mitträllerte. Nebenbei begann ich die Geschenke für meine Familie zu beschriften, denn eingepackt waren sie schon. Gott sei Dank hatte ich die bereits vor dem Desaster mit Alan besorgt. Sein Geschenk hingegen landete ohne weitere Überlegung in der Mülltonne. Die Uhr war graviert; vom Umtausch somit ausgeschlossen. Es sähe sicher dämlich aus, wenn ich sie einem meiner Brüder schenkte. Oder Chris. Oder meinem Vater. Notiz an mich selbst: Beim nächsten Mann auf Gravuren bei Geschenken verzichten. Sicher ist sicher!
Nachdem ich damit fertig war, loggte ich mich ins Internet ein und überprüfte meine Aufträge, die – wow – ziemlich zahlreich vorhanden waren. Allerdings dürfte bei einem Großteil von ihnen der Handlungszeitraum bereits abgelaufen sein. Also las ich sie gar nicht erst und löschte sie sofort. Übrig blieben vier Aufträge. Die lud ich mir auf meinen Datenchip herunter. Später konnte ich sie auf dem Dl lesen. Niemand würde das nachweisen können. Die Originale löschte ich spurensicher; ohne die Möglichkeit einer Wiederherstellung. Schlussendlich entschied ich mich dann sogar doch noch dafür, wenigstens ein bisschen Deko aufzustellen.
Nicht viel.
Nur das Nötigste.
Ein paar Pyramiden – ich hatte ja nur neun. Einen Nussknacker – na ja ... fünf. Ein paar Räuchermänner – etwa 15 oder 30. Ein bisschen Fensterschmuck – Beleuchtung… und ein wenig Klebzeug… und Schneespray. Weihnachtsdeckchen. Ein paar kleine Nippsachen: Engel, Kerzen und Schneekugeln – mit und ohne Musik – und natürlich den Baum. Ohne den war es nicht perfekt. Inklusive Kugeln, Lämpchen und für das glitzernde Bling-Bling ein wenig Lametta. Na bitte, schon viel besser. Das war das richtige, echte Adventfeeling.
Sofern ich die Außentemperaturen außer Acht ließ.
Heute Morgen hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich mich am Abend von Chris überzeugen ließe, nach knapp drei Wochen wieder einmal die Wohnung zu verlassen. Um etwas zu unternehmen. Vor allem, daran Spaß zu haben.
Doch so war es.
Ich amüsierte mich köstlich!
Wir gingen essen, anschließend ins Kino und sogar tanzen. Fast hätte ich vergessen können, dass ich an Liebeskummer litt. Bis auf die vielen scheußlichen Plakate, von denen Alan mich lasziv angrinste und sich damit stetig die Gewissheit in mein Bewusstsein quetschte, dass ich nicht mehr die Frau an seiner Seite war. Vergiss ihn, Sam. Er hat dich doch gar nicht verdient.
Aber wie das nun mal in Herzensangelegenheiten ist: Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht akzeptieren will. Dennoch, mein Spaß war echt. Sogar mein Lachen. Jedoch nur, bis Chris mich wieder daheim – in der mir immer noch fremden Wohnung – absetzte. Mit einem Kloß in der Kehle, abgeschminkt und mich in meinen Schlafanzug schlängelnd, kam ich mir wieder genauso elend vor wie am Morgen. Doch ich bemühte mich stark zu sein. Jedenfalls eine Weile.
Als ich ins Bett ging, konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten. Wie so oft weinte ich mich in den Schlaf.
Wenigstens sah mir mein Elend am nächsten Morgen nicht in Form einer verheulten, farblosen Vogelscheuche aus dem Spiegelbild entgegen. Meine von der Bettdecke verschluckten Schluchzer offenbarten lediglich mein gebrochenes Herz auf eindrucksvolle Weise. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis es vollständig geheilt war. Oder zumindest halbwegs repariert.
Ich hatte mich in den Schlaf geheult; na und?
Dafür sah mein Spiegelbild nur nach einer Frau aus, die lediglich ein bisschen zu lang gefeiert hatte.
Neuer Tag, neues Glück, hm?
Ohne lang zu überlegen, stieg ich in die Dusche, genoss das herrlich warme Wasser, wusch mich gründlich, spülte mich ab, stieg aus der Dusche, rubbelte mich trocken, schlüpfte in die bereit gelegten Klamotten, föhnte meine Haare und legte mir sogar ein wenig Make-up auf. Zugegeben, der Pullover war ein wenig kindisch. Welche Frau im zarten Alter von drei Jahrzehnten trug schon einen roten, wuscheligen Pullover, auf dem ein glupschäugiger Elch einem Schneemann die Nase wegfutterte? Tja, ich tat es.
Ich fand ihn süß.
Der Pulli war warm und flauschig und fühlte sich für die Jahreszeit richtig an. Kurz bevor ich mich jedoch an den Frühstückstisch setzte, entschied ich mich um. Nicht, weil mir plötzlich klar wurde, wie albern ich aussah. Es war schlichtweg zu warm.
Verdammt, wusste der Wettergott nicht, dass im Dezember keine zwanzig Grad zu herrschen hatten?
Schnaubend zog ich das kurzärmelige, rote Shirt an – wenigstens die Farbe erinnerte an die Adventszeit – und machte mich anschließend über mein Frühstück her. Sehr nahrhaft war es nicht. Das lag nicht nur an den Cornflakes, die ein wenig zu intensiv nach Pappe schmeckten. Es war auch mein momentanes Unvermögen genügend Nährstoffe zu mir zu nehmen. Mein Magen reagierte zurzeit ein bisschen aggressiv auf feste Nahrung. Sollte bei gebrochenem Herzen durchaus vorkommen; hatte ich mir sagen lassen.
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