Olli ist sprachlos.
„Na, wenn das so einfach ist, werden wir noch eine Runde trainieren“, sagt Olli und ist froh, diesem ernsten Gespräch zu entkommen. Er will den kleinen Jungen mit voreiligen Versprechungen nicht unglücklich machen. Dass Daniel keine abschließende Antwort auf seine Frage erhalten hat, scheint ihn nicht weiter zu stören, denn er ist schon unterwegs, um seinen Ball zu holen.
Am nächsten Tag wartet Christine ungeduldig auf Lydia. Sie kann es kaum erwarten, mit ihrer Freundin über die Veränderungen in ihrem Leben zu reden.
Auch Tilly sitzt wie auf Kohlen, denn sie will den Text für das Märchenspiel gleich mit zum Reiterhof nehmen.
Als Lydia ankommt, sehen ihr zwei Augenpaare erwartungsvoll entgegen.
„Hallo, ihr zwei hübschen Mädels“, ruft Lydia schon von weitem.
Tilly springt auf und geht ihr schnell entgegen. „Endlich bist du da.“
Lydia nimmt eine Papierrolle aus ihrer Tasche. „Hier, wenn du Änderungen oder Ergänzungen hast, kannst du mich jederzeit informieren.“
Tilly drückt Lydia herzlich und sagt: „Danke. Du bist unser Ehrengast, aber das weißt du ja bereits. Ich fahre jetzt zum Stall. Die warten schon alle auf den Text.“
„Grüß Oma von mir“, ruft Christine ihr hinterher.
„Die wird sich über die Neuigkeit freuen“, antwortet Tilly. Sie zwinkert ihrer Mutter noch zu und tritt kräftig in die Pedalen.
Jetzt erst kann Christine Lydia begrüßen. „Schön, dass du da bist. Du hast mir sehr gefehlt.“
„Ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt Lydia. „Ich finde mit meinem Buch einfach nicht das passende Ende. Das macht mich noch ganz verrückt. Die Stellen, an denen mich Hansi attackiert, werfen mich immerzu aus der Bahn. Erzähle mir erst einmal, was dich bedrückt.“
Christine berichtet ihrer Freundin, was diese in den letzten Wochen alles verpasst hat.
Lydia ist erstaunt. Erst wütend auf Sybille, dann erfreut über Jutta und zum Schluss des Berichtes traurig mit Christine.
„Und am Donnerstag war Olli noch lange hier. Ich musste ihm einfach alles erzählen. Leicht ist es mir nicht gefallen“, sagt Christine.
„Weiß er jetzt, wer Tillys Vater ist?“, fragt Lydia.
„Ja. Den Namen musste ich nicht aussprechen. Konnte ich auch nicht, weil ich mich heute noch schäme, dass ich auf den Mistkerl reingefallen bin. Das ist mir heute noch so peinlich. Am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen. Aber das geht ja leider nicht. Olli hat auch gefragt, ob ich weiß, warum du von deinen Eltern nichts wissen willst.“
„Wie kommt er denn darauf?“, fragt Lydia erstaunt.
„Das kam so spontan im Gespräch. Auch Juttas Mutter war ein Thema“, sagt Christine, damit Lydia nicht denkt, sie hätten nur über sie gesprochen.
„Mir wäre es lieber, wenn du ihm alles erzählst“, sagt Lydia. „Es ist vielleicht besser, wenn er alles weiß. Dann muss ich nicht jedes Mal erschrecken, wenn das Thema auf Max oder meine Eltern kommt. Sonst fange ich auch noch an zu heulen und kann nicht wieder aufhören. Wer sollte mich dann trösten?“
„Okay. Wenn du damit einverstanden bist. Danach können die alten Geschichten hoffentlich ruhen“, sagt Christine. „Weißt du schon, dass am Samstag Juttas Einzugsparty steigt? Ich habe dich einfach mit angemeldet. Dann lernen wir endlich Markus kennen.“
„Und ich sehe mich nur frisch verliebten Paaren gegenüber? Das wird bestimmt eine aufregende Party für mich“, sagt Lydia wehmütig.
„So schlimm wird es schon nicht werden. Du setzt dich einfach zwischen uns. Ich würde am liebsten nur heulen, aber auch vor Glück. Das ist ein ständiges Wechselbad. Olli und ich, wir haben im Unterbewusstsein viel zu viel Angst, dass etwas dazwischen kommt, als dass wir uns jetzt schon mit Haut und Haaren aufeinander einlassen können, denn über uns beiden schwebt drohend Sybille. Ende September will sie erst zurückkommen und dann die Jungs abholen. Mir graut heute schon davor, weil ich nicht weiß, wie ich Olli trösten soll, wenn es so weit ist.“
„Gibt es da einen Trost?“, fragt Lydia und antwortet gleich selbst. „Ich glaube nicht. Ihr könnt nur kämpfen und euch den Kindern gegenüber so wenig wie möglich anmerken lassen. Ich kann aber nur gute Ratschläge geben. Ausbaden müsst ihr das ganz alleine.“
„Ach, Lydia. Warum muss immer alles so kompliziert sein?“
„Vielleicht, weil das Leben sonst langweilig wäre und ich nicht wüsste, was ich schreiben soll“, grinst sie.
„Bist du eigentlich glücklich?“, fragt Christine.
Lydia sieht sie erstaunt an und denkt nach.
„Ich weiß nicht. Wenn ich ein Buch fertig habe, bin ich sehr zufrieden mit mir, und wenn ich hier sein kann, dann fühle ich mich besser als allein zu Hause. Ansonsten, na ja, ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“
„Willst du auch mit hier einziehen? Sybille hat doch gesagt, wir sollen eine Kommune gründen“, schlägt Christine vor und beide brechen in ein herzhaftes Gelächter aus.
Nach einer Weile sieht Christine Lydia ernst an.
„Darf ich dich etwas sehr Persönliches fragen?“
„Ja“, sagt Lydia vorsichtig. Sie wird hellhörig und befürchtet etwas Unangenehmes. „Du kannst mich alles fragen. Ob ich dir jedoch auf alles eine Antwort gebe, überlege ich mir noch.“
„Tut es dir eigentlich weh, wenn du mit Tilly zusammen bist? Ich habe mich das schon so oft gefragt.“
Lydia sieht nachdenklich vor sich hin. Sie schluckt. Es fällt ihr schwer, die richtigen Worte zu finden.
„Ganz am Anfang, als sie geboren wurde, da hat es mir oft einen Stich versetzt, wenn ich sie bloß angesehen habe. Aber auch, weil du mir so leid getan hast. Als du mich dann gefragt hast, ob ich ihre Patentante werden will, dachte ich mir, dass das vielleicht eine ganz gute Idee ist. Du weißt doch – geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber in der Zwischenzeit liebe ich sie. Ich kann mir nur nicht vorstellen, wie so ein liebes Mädchen von so einem A....., du weißt schon, abstammen kann. Bist du dir wirklich sicher, dass sie von dem ist? Sie würde besser zu Olli passen. Sieh mich nicht so an, du wolltest eine ehrliche Antwort.“
„Ist schon gut. Ich bin sehr froh, dass ich jetzt weiß, wie du darüber denkst. Wenn es auch weh tut, aber ich glaube, es wurde langsam Zeit, dass wir uns alle mal aussprechen.“
„Wir sehen uns also am Samstag bei Jutta?“, fragt Lydia, um das unangenehme Thema zu beenden.
„Ja, aber ohne Kinder.“
„Schade“, sagt Lydia. „Ich hätte Ollis Jungs gern mal wiedergesehen.“
„Dann komm doch abends mal her. Die Kleinen sind so süß. Daniel freut sich, dass sie mit ihm Fußball spielen. Obwohl Bertram der Ball bis zu den Knien reicht und er mehr darüber stolpert. Daniel ist sehr geduldig mit ihm. Bei uns ist jetzt ganz schön Stimmung.“
„Okay. Ich komme morgen und bringe Wein mit.“
„Das wird alle freuen“, sagt Christine.
Christine hat sich vorgenommen, Olli bald zu erzählen, warum Lydia mit ihren Eltern kaum noch Kontakt hat. Sie wollte nur ihr Einverständnis abwarten.
Sie ist der Meinung, dass er alles wissen sollte, damit in Zukunft erst gar keine Missverständnisse aufkommen können.
Als er aus der Agentur kommt, spricht sie ihn gleich darauf an. „Lydia hat mich gebeten, dir etwas zu erzählen.“
„Da bin ich aber gespannt, was noch so alles ans Tageslicht kommt. Aber lass mich doch erst einmal reinkommen.“
Er gibt ihr einen Kuss und schwingt sich auf die Hollywoodschaukel.
„Ich würde es gern hinter mich bringen“, sagt sie aufgeregt und setzt sich zu ihm. „Du wolltest doch wissen, warum Lydia nicht gut auf ihre Eltern zu sprechen ist?“
„Du weißt das wohl?“, fragt er erstaunt.
„Ja. Das habe ich aber auch erst später erfahren. Als ich damals so glücklich vom Zelten nach Hause kam, habe ich Lydia natürlich gleich alles brühwarm erzählt. Ich bin übergeschäumt vor Glück und habe mich gewundert, weil sie anfing zu heulen. Es hat lange gedauert, bevor sie mir dafür eine Erklärung geben konnte. Ich staunte nicht schlecht, als sie mich vor Max warnte. Erst dachte ich, sie wäre bloß eifersüchtig. Dass das nicht so war, habe ich gewusst, nachdem sie mir die ganze Geschichte erzählt hat.
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