„Jetzt nicht“, sagt sie, wird aber doch neugierig.
Sie weiß, dass ihre Freunde sie nur im Notfall anfunken. Das neue Buch ist fast fertig. Sie überarbeitet das vorletzte Kapitel zum vielleicht zehnten Mal, aber immerhin.
Sie sieht auf das Display und liest: „SOS. Christine.“
Und schon macht sie sich Sorgen und aktiviert den Rückruf.
„Was ist los?“, fragt sie.
Sie bekommt jedoch keine Antwort.
„Christine?“
„Entschuldige bitte. Ich will dich nicht stören“, sagt Christine leise.
„Du störst nicht. Na ja, nicht sehr. Ich bin fast fertig. Nächste Woche bin ich wieder persönlich für dich da. Versprochen. Was ist passiert?“, fragt Lydia, als sie sich an die SMS erinnert.
„Olli ist wieder da.“
„Wo war er denn?“, fragt Lydia, denn sie hat nach dem Gartenfest bei Christine intensiv gearbeitet, und dabei vergeht ihr im wahrsten Sinne des Wortes jedes Mal Hören und Sehen.
„Er musste doch die Jungs bei Sybille abholen. Und jetzt ist er wieder zurück. Wir haben letzte Nacht lange geredet“, Christine macht eine Pause, „über früher und so.“
„Das war doch längst überfällig. Christine, Olli hat dich doch schon immer vergöttert. Er versteht das. Jetzt wird er sich ärgern, dass er Sybille am Hals hat.“
„Nicht mehr lange. Er will die Scheidung. Das hat aber nichts mit mir zu tun“, sagt sie schnell. „Ich muss dir so viel erzählen.“
Lydia ist erstaunt, dass sie so viel verpasst hat.
„Montag komme ich zu dir, wirklich. Du kannst auch jederzeit anrufen. Wie gesagt, ich habe es fast geschafft. Richte Tilly bitte aus, dass ich das Theaterstück für die Weihnachtsfeier fertig habe“, sagt Lydia.
„Sie wird sich freuen. Entschuldige noch mal den Anruf, aber ich bin total durcheinander.“
„Ist schon gut. Du wirst sehen, es kommt alles in Ordnung“, muntert Lydia sie auf.
„Danke“, sagt Christine und legt auf.
Etwas erleichtert ist sie schon, aber das Durcheinander in ihrem Kopf lässt sie kaum einen klaren Gedanken fassen. Ihre Mutter will sie nicht mit ihren Sorgen belasten. Die hat viel zu tun und nimmt ihr noch die Kinder ab. Wenn sie an Olli denkt, was fast ununterbrochen der Fall ist, erfasst sie eine große Traurigkeit, die sich mit einem seltsamen Gefühl abwechselt. Sie sieht Olli vor sich, wie er ihr die neuen Aufträge auf den Tisch gelegt hat, unermüdlich mit Daniel Fußball spielt oder wie liebenswürdig er zu Tilly ist. Sie muss lächeln. Dann sieht sie wieder die arrogante Sybille und den verzweifelten Richard vor sich und muss weinen. Olli stehen schwere Zeiten bevor. Sie darf sich gar nicht vorstellen, wie schlecht es ihm gehen wird, wenn er die Jungs verlieren sollte. Das Klingeln des Telefons reißt sie aus ihren Gedanken.
„Christine, ich würde jetzt in die Agentur fahren“, sagt Olli. „Nur, damit du Bescheid weißt, dass ich dort bin ..... falls du mich brauchst. Ich konnte nicht schlafen. Es ist vielleicht besser, wenn ich mich in die Arbeit stürze. Ich möchte den anderen nicht mehr als nötig aufhalsen.“
„Christine?“, fragt er, weil sie nicht antwortet.
„Ja, ja. Das ist schon in Ordnung. Ich komme zurecht. Die Kinder müssen wir erst gegen Abend abholen. Die sind ja in guten Händen.“
„Wie geht es dir?“, fragt er.
Seine Nerven sind bis aufs Äußerste angespannt.
„Sicher auch nicht besser als dir. Olli, es tut mir alles so leid .....“
Sie kann die Tränen kaum zurückhalten und sagt nur noch: „Komm einfach her, wenn du Zeit hast.“
„Prima“, antwortet er und legt auf.
„ Nur gut, dass ich heute alleine bin und die Kinder mich so nicht sehen müssen“ , denkt Christine.
Am späten Nachmittag kommt Olli, um sie abzuholen. Schweigend setzt sie sich zu ihm ins Auto. Auch während der Fahrt sagt keiner ein Wort.
Als sie auf dem Reiterhof ankommen, sehen sie, dass Jutta gerade abfahren will. Sie winkt ihnen glücklich zu. Christine geht zu ihrem Auto.
„Hallo, Christine“, sagt Jutta durch das offene Fenster und redet drauflos: „Jenny ist heute schon zurückgekommen. Es gab kein Halten mehr. Das hat mir zwar Ärger mit Rüdiger eingebracht, aber egal. Von ihm lasse ich mir mein Leben nicht mehr verderben. Sie kam nach Hause gestürmt, hat frische Sachen eingepackt und wollte nur noch hier her.“
„Wo ist sie?“, fragt Christine etwas abwesend und schaut sich um.
„Schon im Quartier“, antwortet Jutta. „Vor nächstem Sonntag soll ich sie auf keinen Fall abholen, hat sie mir deutlich zu verstehen gegeben.“
„Das kann euch doch recht sein“, sagt Christine.
„Ja“, strahlt Jutta und bemerkt erst jetzt Christines fürchterliches Aussehen. „Was ist denn mit dir passiert?“
„Ach, nichts weiter. Wir wollen die Kinder abholen. Meine Mutti hat sich auch um Ollis Jungs gekümmert. Richard war ziemlich krank“, antwortet sie nur.
„Das hat mir Markus erzählt. Ansonsten habe ich nicht viel mitbekommen“, sagt Jutta und blickt Christine entschuldigend an. „Wir müssen uns bald treffen, damit ich wieder auf dem Laufenden bin. Meine Einzugsparty ist auch schon längst überfällig.“
„Lydia wird bald mit ihrem neuen Buch fertig und hat Zeit für uns“, sagt Christine.
„Dann könnten wir am kommenden Samstag bei mir feiern“, schlägt Jutta vor.
„Aber ohne Kinder“, sagt Christine. „Jenny und Tilly sind dann noch hier, und für die Kleinen ist das nichts.“
„Gut. Sagst du bitte Lydia Bescheid?“
„Ja“, sagt Christine. „Ich bin gespannt auf Markus.“
„Er wartet schon auf mich. Ich fahre dann mal. Tschüss.“
Christine geht in die Reiterklause.
„Hallo, Mutti.“
Oma Hedwig sieht ihre Tochter prüfend an, nimmt sie in die Arme und fragt besorgt: „Was ist passiert? Kann ich dir irgendwie helfen?“
„Olli war die halbe Nacht da. Wir haben über alles geredet.“
„Das wurde aber auch Zeit. Der arme Junge wusste noch nie, woran er mit dir ist.“
Christine lächelt, denn sie weiß, dass ihre Mutter oft versucht hat, ihr Olli schmackhaft zu machen.
„Wie bist du mit den Kindern klargekommen?“, fragt sie.
„Welche Kinder meinst du?“, fragt ihre Mutter schmunzelnd. „Hier sind keine Kinder.“
Christine sieht ihre Mutter dankbar an. „Du hast es schon immer geschafft, mich in kürzester Zeit aufzumuntern.“
„Dazu sind Mütter da. Eure Kinder sind in irgendwelchen Ställen. Olli ist schon zu ihnen gegangen. Er sieht ja fast noch furchtbarer aus als du.“
„Ich weiß“, sagt Christine traurig und will nach draußen gehen.
„Christine“, ruft ihre Mutter ihr nach.
„Ja?“
„Mach es dir nicht wieder schwerer, als es schon ist. Olli ist ein sehr anständiger Junge.“
„Das weiß ich doch.“
Ihr laufen wieder Tränen über das Gesicht. Deshalb geht sie sehr langsam. Schon von weitem hört sie die Kinder laut lachen. Sie bleibt in der offenen Tür des Ziegenstalles stehen und sieht dem Trubel zu. Olli tobt mit den Kindern im Stroh herum.
„Duck mal, Papa“, sagt Bertram. „Die Siege hat Dnochen auf dem Dopf.“
„Das sind Hörner“, erklärt Olli ihm.
„Ich dachte Dnochen“, sagt Bertram.
Tilly kommt vom Reitplatz. Sie geht zu ihrer Mutter und fragt besorgt: „Was ist los?“
„Es ist soweit alles in Ordnung“, antwortet Christine.
„Ich dachte, ihr habt euch gestern einen schönen Abend gemacht“, sagt Tilly enttäuscht.
„So einfach ist das nicht. Zumindest hatten wir einen langen Abend“, antwortet Christine.
Tilly sieht ihre Mutter irritiert an.
„Mach dir keine Sorgen, meine Große. Es wird bald alles gut. Das hoffe ich jedenfalls. Ach, bevor ich es vergesse, deine Patentante hat das Theaterstück für euch fertig und bringt es dir am Montag mit.“
Читать дальше