„ Das haben wir als Kinder bei Frau Schumann auch immer gedurft“ , erinnert er sich und sieht Oma Hedwig dankbar an.
„Lasst die Kinder ruhig hier und genießt mal eure Ruhe. Die können alle zusammen auf dem Heuboden schlafen. Wer ist eigentlich das junge Mädchen, das ihr mitgebracht habt?“, fragt sie.
„Das ist Annika“, sagt Christine und lacht über das erstaunte Gesicht ihrer Mutter. „Ich war genauso überrascht, wie du jetzt und bin gespannt, wann Tilly mir endlich erzählt, was passiert ist.“
„Sie ist ja dünn wie ein Besenstiel. Das hatte man unter diesen Riesenpullis gar nicht gesehen. Am besten sie bleibt den Rest der Ferien auch gleich mit hier, damit ich sie etwas aufpäppeln kann.“
Sie sieht zu Bertram und sagt: „Von dem Teig, den du dir ins Gesicht geschmiert hast, kann ich ja noch einen ganzen Kuchen backen.“
Mit einem feuchten Tuch putzt sie ihm die verklebte Schnute ab.
Er strahlt sie an und sagt: „Das war sooo lecker.“
„Kommt, Jungs. Wir gehen zu den Ponys“, sagt Olli und streckt ihnen seine Hände entgegen.
„Was meinst du? Kann ich die Kleinen wirklich mit hier lassen? Wird das Tilly und deiner Mutter nicht zu viel?“, fragt er Christine.
„Wenn sie es uns anbieten, sollten wir nicht ablehnen. Es ist doch schön, dann können wir endlich mal in Ruhe reden“, antwortet sie.
Die Jungs sind natürlich begeistert.
Olli sagt Tilly, dass sie auf jeden Fall anrufen soll, falls die Kleinen es sich anders überlegen.
„Wenn es dich beruhigt. Ja, ich werde anrufen“, sagt sie mit Nachdruck und fragt schelmisch: „Auch wenn es drei Uhr früh ist?“
„Natürlich“, antwortet Olli ernst.
Christine und Olli fahren zum Waldhaus zurück. Sie fühlen sich beide zwar so, als hätten sie etwas Wichtiges vergessen, sind aber darüber erfreut, dass mal kein Kind dazwischenplappert, wenn sie sich unterhalten wollen.
Daniel kommt begeistert angerannt, als er Olli sieht.
„Jetzt spielst du aber mit mir Fußball“, legt er fest, stutzt und fragt dann: „Wo sind die anderen?“
„Die schlafen alle auf dem Heuboden“, sagt Christine.
„Und ich?“
„Du spielst doch lieber Fußball“, sagt Olli.
„Oh nö, dann will ich auch zu Oma. Fußball spielen wir morgen. Ja, Olli?“
„Na gut. Hol deine Sachen. Ich fahre dich hin“, bietet Olli ihm an.
„Bin schon weg und gleich wieder da. Aber morgen spielen wir alle Fußball“, ruft er und ist schnell im Haus verschwunden.
„Und ich mache uns eine Kleinigkeit zu essen“, sagt Christine. „Die Ruhe nachher werde ich genießen.“
Später sitzen sie auf der Terrasse und sehen nachdenklich vor sich hin. Jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt. Nach einer Weile sagt Christine ungeduldig: „Nun erzähl doch endlich, wie es in Frankreich war.“
„Eigentlich weißt du doch schon alles. Elisa musste sich die ganze Zeit um die Kinder kümmern. Sie hat mir erzählt, dass Sybille ständig unterwegs war, auch nachts. Beim Abschied sagte sie, ich soll die Jungs vor dem alten Mann schützen. Das kam mir etwas merkwürdig vor. Aber so mies, wie es Richard ging, muss der Alte ihn ganz schön unter Druck gesetzt haben. Sybille konnte sich das alles natürlich nicht erklären. Paps kann ja tun was er will. Sie hatte es nur eilig, zu ihrem Lover zu kommen. Elisa hat mir ihre Telefonnummer gegeben und gesagt, dass sie mir helfen wird. Wenn ich in Ruhe darüber nachdenke, meinte sie wahrscheinlich bei der Scheidung. Sie war richtig erleichtert, als sie sah, wie sehr die Jungs mich lieben und dass es ihnen wenigstens bei mir gut geht. Als ich dort war, ist alles wie im Film an mir vorbeigelaufen. Die Wut auf Sybille, die Angst um die Kinder und die lange Fahrt haben mich wahrscheinlich betäubt“, erinnert er sich.
„Das ist für mich einfach unbegreiflich, dass man sich als Mutter so verhalten kann. Ich würde nicht tatenlos dabei zusehen, wenn jemand meinen Kindern weh tut“, sagt Christine.
„Du bist ja auch eine besondere Mutter. Frag mal Jutta nach ihrer, da hörst du eine ganz andere Meinung. Und warum Lydia sich weigert, ihre Eltern zu besuchen, weiß auch niemand, oder?“, fragt Olli.
Christine nickt. „Stimmt. Ich kann da nicht mitreden.“
Auf das „oder“ geht sie lieber nicht ein.
„Markus hat mir heute erzählt, dass er schnellstens die Scheidung einreichen wird. Jutta und ihn hat es voll erwischt. Amor hat ganze Arbeit geleistet. Und ich erledige das auch gleich am Montag.“
„Willst du wirklich die Scheidung, auch wenn du die Jungs an Sybille verlierst? Sie wird auf ihrem Vorrecht als Mutter bestehen, und Geld hat Paps genug für gute Anwälte.“
„Erst einmal schocke ich sie im Urlaub mit der Scheidungsklage. Sie amüsiert sich dort, das kann ich nicht zulassen. Schon dafür, was sie Richard mit ihrem Zusehen und Nichtstun angetan hat, hat sie eine Strafe verdient.“
„Du wirst sie sehr verärgern. Aber reinen Tisch solltest du schon machen. Wenn man nur immer vorher wüsste, wie alles richtig ist“, sagt sie nachdenklich und seufzt.
„Na, du hast doch alles so gemacht, wie du es wolltest und bist glücklich geworden“, sagt Olli etwas verwundert.
Christine guckt ihn erstaunt an und fragt: „Wie meinst du das?“
„Du hast zwei tolle Kinder. Hast dich zwar von ihrem Vater getrennt, bist aber trotzdem ziemlich glücklich, oder etwa nicht?“, fragt er, denn Christine sieht eher unglücklich aus.
„Ach, Olli“, sagt sie und seufzt wieder.
„Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass du nicht glücklich bist. Das hätte ich doch gemerkt, oder?“
Verwirrt sieht er Christine an.
„Ich bin zufrieden“, sagt sie nur. „Es war bisher aber nicht leicht.“
Olli ist ratlos. Sollte er so blind gewesen sein und nicht bemerkt haben, wie es Christine wirklich geht?
„Der Vater von Tilly und Daniel interessiert sich scheinbar nicht für seine Kinder, sonst hätte ich den ja mal getroffen“, stellt er fest und überlegt, ob sie vielleicht deswegen bekümmert ist.
„Ach, Olli“, sagt Christine noch einmal.
Sie sieht ihn traurig an.
„Was ist los, Christine? Ich weiß nichts von ihrem Vater. Es wurde auch nie über ihn gesprochen“, fällt ihm ein.
„Warum hast du Sybille geheiratet?“, fragt Christine und sieht Olli fest in die Augen.
Er ist über diese Frage erstaunt und denkt lange nach. Er ist sich nicht sicher, ob er ihr das wirklich sagen soll. Ihm ist jedoch bewusst, dass es keinen Sinn hat, an der Wahrheit vorbeizureden.
„Weil sie das absolute Gegenteil von dir ist“, antwortet er ehrlich.
Dann fügt er leise hinzu: „Sonst wäre ich verrückt geworden.“
Christine sieht Olli mitleidig an. Tränen sammeln sich in ihren Augen.
„Ach, Olli. Es tut mir so leid. Aber ich konnte einfach nichts dagegen tun“, sagt sie unglücklich.
„Wie meinst du das?“
Christine überlegt, ob sie ihm wirklich alles erzählen soll, denn das ist sehr schwer. Sie ärgert sich selbst genug, dass sie ihr bisheriges Leben nicht besser hinbekommen hat. Sie weiß, dass Olli für sie schon immer sehr viel empfand. Ihr hat aber irgendetwas gefehlt. Außerdem hatten die starken Gefühle für den einen Jungen sie voll im Griff und ständig überwältigt.
Olli sieht sie erwartungsvoll an.
Sie holt tief Luft und sagt: „Du weißt doch sicher noch, dass fast alle Mädchen damals für einen bestimmten Jungen geschwärmt haben.“
Seinen Namen will sie nicht nennen, denn sie hat Angst, sonst vor Scham im Boden zu versinken.
Olli überlegt kurz. Sein Gesichtsausdruck wechselt von Unverständnis über Erstaunen zu Traurigkeit. Er bemerkt, dass Christine mit sich kämpft und sich kaum überwinden kann weiterzusprechen. Die Tränen laufen über ihre Wangen. Olli zerreißt es fast das Herz, sie so sehen zu müssen.
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