Tilly strahlt über das ganze Gesicht und Christine ist froh, ihre Tochter abgelenkt zu haben.
„Christine, da bist du ja“, ruft Olli unter den Kindern hervor.
„Wollen wir nach Hause fahren?“, fragt sie.
„Oh nö“, rufen Richard und Bertram im Chor. Sie haben sich Daniels Aussprache schon angewöhnt.
„Ja“, ruft Daniel begeistert. „Wir müssen doch noch Fußball spielen.“
„Dann ab zum Auto“, sagt Olli.
Die drei Jungs flitzen davon. Olli zupft sich das Stroh von den Sachen. Christine geht zu ihm und zieht mehrere Halme aus seinem Haar. Er sieht sie dankbar an und versucht in ihren Augen zu lesen, was in ihr vor geht. Er hat ein starkes Verlangen, sie in die Arme zu nehmen.
Sie sieht ihn nur kurz an, weicht seinem Blick aus und geht den Kindern hinterher.
„Ich bleibe noch bis morgen früh hier und helfe Oma. Mit zwanzig Ferienkindern hat sie wieder viel zu tun. Oder braucht ihr mich?“, fragt Tilly.
„Nein, bleib nur hier“, antwortet Olli.
Als sie zum Auto gehen, vor dem die Jungs schon ungeduldig warten, sprechen sie wieder kein Wort. Sie sind viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Christine könnte ununterbrochen weinen. Sie versucht, so gut es geht, ihre Gefühle zu unterdrücken, denn sie möchte weder die Kinder noch Olli damit konfrontieren.
Nach dem Fußballspiel und Abendessen sind die Jungs alle drei todmüde. Olli will nach Hause fahren, denn er kann Christines Nähe kaum ertragen. Er hat das Gefühl, sein ganzer Körper verkrampft sich. Es tut ihm weh, sie so traurig zu sehen. Die ganze Liebe, die er schon immer für sie empfunden hat, ist wie eine große Welle über ihm zusammengeschlagen. Wenn er Christine ansieht, möchte er sie fest umarmen und nie wieder loslassen. Er weiß, dass das nicht möglich ist, und ist froh, dass er überhaupt bei ihr sein kann.
Christine will ihn nicht gehenlassen, weil sie weiß, dass sie sich dann einsam fühlen würde. Sie schlägt vor, dass die Jungs zusammen in Daniels Zimmer schlafen können. Richard und Bertram sind begeistert und Daniel ist glücklich, nicht mehr allein zu sein. Christine gibt jedem einen Kuss und wünscht eine gute Nacht. Schon bald ist Ruhe im Kinderzimmer.
Olli sitzt auf der Hollywoodschaukel. Christine setzt sich zu ihm, lächelt ihn hilflos an und kommt sich wie ein kleines Mädchen vor. Sie ist mit der Situation überfordert und unfähig, etwas zu tun oder zu sagen.
„Ich habe letzte Nacht überhaupt nicht geschlafen“, sagt Olli.
„Ich auch nicht“, schluchzt Christine.
Die Tränen laufen wieder unaufhaltsam über ihre Wangen. Olli gibt ihr ein Taschentuch und zieht sie einfach in seine Arme. Er sagt leise: „Ich will nichts falsch machen.“ Christine kann sich nicht beruhigen.
„Ich habe von Anfang an alles falsch gemacht. Du bist so lieb“, sagt sie.
Olli stehen nun auch Tränen in den Augen. Es tut ihm sehr weh, hilflos mit ansehen zu müssen, dass sie so verzweifelt ist. Er hält sie fest, denn mehr kann er erst einmal nicht tun.
„Möchtest du lieber allein sein?“, fragt er.
Sie schüttelt energisch den Kopf. „Nein. Auf gar keinen Fall. Ich bin froh, dass du da bist. Ich weiß auch nicht, warum ich nicht aufhören kann zu heulen. Das ist sonst nicht meine Art. Als ich dir gestern alles erzählt habe, da wurde mir das Desaster der letzten Jahre wieder bewusst. Ich ärgere mich so sehr über mich selbst. Wenn ich mich jedoch damals für dich entschieden hätte, dann hätte ich uns beide irgendwie belogen. Ich wollte dir keine falschen Hoffnungen machen. Meine größte Angst war, dass ich dich als Freund verlieren könnte, wenn ich dir nicht nachgebe. Du hast mir schon immer viel bedeutet. Aber ..... du weißt schon. Ich konnte wirklich nichts dagegen tun.“
Olli genießt ihre Nähe. Er streicht ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hat das Gefühl, ihr somit wenigstens etwas Trost zu geben. Er fühlt sich ziemlich hilflos.
„Am meisten ärgere ich mich, dass ich in dieser Zeit nicht bei dir war und dir helfen konnte“, sagt er traurig. „Wenn ich an dich gedacht habe, war ich zuversichtlich, dass es dir gut geht. Ich konnte doch nicht ahnen ..... Solange ich mich erinnern kann, habe ich dich geliebt, Christine. Ich werde immer nur dich lieben – egal wie du für mich empfindest. Ich kann nämlich auch nichts dafür und kann noch länger warten. Aber bitte, höre endlich auf zu weinen. Ich ertrage es nicht mehr, dass du so traurig bist.“
Er sieht sie liebevoll an.
„Bleibst du heute Nacht bei mir?“, fragt sie ihn, denn sie weiß, dass der nächste Schritt von ihr ausgehen muss.
„Ich mache alles, was du willst“, sagt er und ergänzt, „Hauptsache du bist glücklich.“
Sie sehen sich lange in die Augen.
Christine durchströmt ein überwältigendes Gefühl. Sie beugt sich zu ihm und küsst ihn zaghaft.
Als Tilly am nächsten Morgen nach Hause kommt, freut sie sich sehr, dass Ollis Auto noch auf dem Parkplatz steht. Sie geht in die Küche und überrascht ihre Mutter, die gerade für alle das Frühstück macht, mit frischen Brötchen.
„Guten Morgen, Mama. Die habe ich für euch gebacken.“
Christine dreht sich um und fühlt, dass sie einem prüfenden Blick ihrer Tochter standhalten muss.
„Guten Morgen, mein Schatz.“
Tilly bemerkt, dass ihre Mutter noch immer traurig wirkt, aber in ihren Augen ist ein klitzekleines Funkeln aufgetaucht. Erleichtert umarmt sie ihre Mutter.
„Schön, dass die Kleinen und Olli noch da sind“, sagt sie.
„Findest du?“
„Ja. Ich freue mich sehr und Daniel sicher auch.“
„Guten Morgen“, sagt Olli als er in die Küche kommt.
Im Schlepptau hat er drei muntere Jungs.
„Wir haben alle einen Bärenhunger“, sagt er fröhlich.
Tilly sieht ihn erleichtert und zufrieden an. Olli erwidert ihren Blick und ist froh, ein stummes Einverständnis bei ihr zu erkennen. Er fühlt sich unendlich glücklich.
„Dann wollen wir mal frühstücken“, sagt Christine und hebt die zwei Kleinen auf ihre Stühle.
„Was machen wir heute?“, fragt Bertram und sieht erwartungsvoll in die Runde.
„Fußball spielen“, antwortet Daniel. „Das war versprochen.“
Christine schmunzelt und sieht Olli an. In ihrem Blick spiegelt sich eine tiefe Zuneigung.
Sie verbringen zwei wunderschöne Tage miteinander. Für die Kinder scheint die neue Situation unkompliziert zu sein. An diesem ersten gemeinsamen Wochenende fühlen sich alle so, als wären sie eine große Familie. Nur Olli und Christine ahnen, dass dieses Glück schon bald auf einem schweren Prüfstand stehen wird.
Als Daniel mit Olli allein auf der Terrasse sitzt, zupft er ihn am Ärmel und sieht ihn mit großen Augen fragend an.
„Du Ollihi?“
„Was gibt es?“
„Bist du jetzt auch mein Papa?“, fragt Daniel ernst.
Olli ist total überrascht und überlegt, was er ihm antworten soll. Er weiß ja selbst noch nicht, ob er mit Christine wirklich eine gemeinsame Zukunft hat.
„Ein Papa wird man nicht so einfach. Das ist eine große Verantwortung“, antwortet er ausweichend. „Das will gut überlegt sein.“
„Warum?“, fragt Daniel und sieht Olli gespannt an.
Weil Olli nicht sofort weiterspricht, sagt Daniel: „Das ist nämlich ungerecht, der Jason hat schon viel länger einen Papa als ich.“
Christine lauscht am offenen Küchenfenster der Unterhaltung. Sie ist neugierig und voller Anspannung und muss über Daniels Begründung lächeln. Sie wird jedoch wieder traurig, weil ihr Sohn seinen Vater zu vermissen scheint.
Olli sucht krampfhaft nach weiteren Argumenten und sagt: „Ich müsste mich dann um dich kümmern, deine Hausaufgaben kontrollieren, mit dir zum Arzt gehen, wenn du krank bist.“
„Aber das machen doch schon Tilly und Mama alles. Du hast mit mir keine Arbeit“, stellt Daniel nüchtern fest. „Du musst nur mit mir Fußball spielen.“
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