„Du kommst gerade pünktlich zum Kaffee“, empfängt ihn Tilly lächelnd.
„Nein, ich bringe nur die nächsten Aufträge. Christine, schärf schon mal die Schere und öle die Nähmaschine. Wenn das so weitergeht, musst du eine Fabrik eröffnen“, sagt er und gibt ihr die Ausdrucke.
„Möchtest du wenigstens ein Stück Kuchen?“, fragt Tilly.
„Nein, danke. Sybille hat angerufen“, sagt er und sieht die beiden Frauen mit ernster Miene an. „Richard geht es nicht gut. Ich soll sofort kommen. Er klang am Telefon, als wäre er der Verzweiflung nahe. Wer weiß, was Karl-Otto wieder alles von ihm verlangt hat? Der Junge ist doch erst vier.“
Olli schluckt die aufsteigenden Tränen runter. „Es könnte jetzt alles so gut beginnen mit der Agentur und meinem neuen Leben. Immer kommt etwas dazwischen.“
„Du kannst die Jungs gern herbringen. Tilly nimmt sie mit zum Reiterhof und Daniel hat endlich jemanden zum Spielen“, muntert Christine ihn auf.
„Ich weiß, dass ihr mir helft. Deshalb bin ich auch ganz zuversichtlich. Frau Wiehmer besorgt in der Zwischenzeit ein Kindermädchen, und alles Weitere wird sich finden. Aber jetzt muss ich los.“
„Stopp!“, sagt Christine. „Erst isst du noch etwas und für unterwegs nimmst du Verpflegung mit. Richard nützt es nichts, wenn du umfällst“, sagt sie und steht auf.
„Lass, Mama. Ich mach das schon“, bietet sich Tilly an und geht in die Küche.
„Sie ist ein gutes Kind“, sagt Olli und sieht ihr liebevoll nach. „Wenn sie mal zur Adoption frei ist, gib mir Bescheid. Es ist so lieb von euch, dass ihr mich einfach mitversorgt.“
Schnell isst er ein Stück Kuchen und trinkt Kaffee. Als Tilly ihm einen großen Beutel mit Proviant übergibt, bedankt er sich und macht sich auf den Weg.
Frau Wiehmer hat Markus angerufen und ihn informiert, dass Oliver voraussichtlich bis Freitag nicht im Büro sein wird. Er hat ihr versprochen, am nächsten Tag zu kommen, um die wichtigsten Aufträge zu bearbeiten. Er freut sich, dass Olli die Agentur weiterführen kann und somit sein Arbeitsplatz auch erhalten bleibt. Außerdem ist der Gedanke für ihn sehr angenehm, Jutta im Büro um sich zu haben. Er freut sich so sehr auf den gemeinsamen Abend.
Pünktlich neunzehn Uhr klingelt er an Juttas Tür.
Sie telefoniert gerade und sagt leise zu ihm: „Komm rein.“
„Ja, Jenny. Dann musst du das der Oma so sagen. Was soll ich denn von hier aus machen? Versuche es doch wenigstens ein paar Tage. Du kannst nicht morgen schon wieder nach Hause kommen. Auf gar keinen Fall!“
Jutta sieht Markus an und verdreht ungeduldig die Augen. Er lächelt sie an. Sie merkt, dass sie unter seinem Blick schon wieder anfängt zu glühen, worauf er sie schelmisch angrinst.
Sie dreht sich weg, weil sie Angst hat, sonst die Fassung zu verlieren und konzentriert sich auf das Gespräch mit ihrer Tochter.
„Mir musst du das nicht erzählen. Sag das deinem Papa mal deutlich. Bitte, mach doch nicht so ein Theater. Freu dich auf deine Reitferien nächste Woche und halte durch. Tschüss.“
Kopfschüttelnd legt sie den Hörer auf.
„Entschuldige bitte“, sagt sie zu Markus. „Das war ein sehr unzufriedener Teenager. Am liebsten will sie morgen schon wieder nach Hause kommen.“
„Das fehlt uns gerade noch“, sagt Markus gespielt entsetzt.
„Pass nur auf, dass dein Sohn nicht gleich vor der Tür steht“, gibt sie ihm lachend Kontra.
„Das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Er ist nur ungern mit seiner Mutter mitgefahren. Er kann nicht verstehen, warum sie so böse auf seinen Opa und mich ist und ihm sogar den Umgang mit uns verbietet.“
„Warum müssen Menschen es sich gegenseitig so schwer machen?“, fragt Jutta nachdenklich. „Wenn ich an die Kommentare meiner Mutter denke .....“
Rechtzeitig erinnert sie sich, dass Markus sicher nicht gekommen ist, um mit ihr über ihre Mutter zu sprechen. Sie sieht ihn an, strahlt und sagt: „Wir machen einfach nicht auf, wenn es klingelt.“
Sie stellt sogar ihr Telefon stumm.
Markus sieht sich um. Auf dem Tisch stehen zwei Gläser und eine Flasche Wein. Er nimmt die Flasche, öffnet sie und gießt ein.
Ein Glas gibt er Jutta und sagt: „Hallo. Ich bin Markus, zum Glück wieder ungebunden und finde dich einfach umwerfend.“
„Ich bin Jutta vom Planeten Dumme Pute und auch wieder zu haben. Auf den Beginn einer wunderschönen Zeit“, sagt sie überglücklich und lässt ihr Glas an seinem klingen.
Nach stundenlanger Fahrt kommt Olli total erschöpft in Südfrankreich an. Er hat nur eine kurze Pause gemacht und ist gefahren, als würde er verfolgt werden.
„Für Karl-Otto und seine Lieben wieder nur das Beste“, murmelt er vor sich hin, als er auf dem Vorplatz der riesigen Strandvilla anhält.
Sybille hat ihn scheinbar erwartet, denn sie öffnet die Tür und begrüßt ihn kurz.
„Hallo, Oliver.“
Sie macht auf ihn einen nervösen Eindruck. Ohne Gruß stürmt er an ihr vorbei.
„Wo ist Richard?“, fragt er barsch.
„Oben“, sagt sie und geht die Treppe hoch. Olli folgt ihr. Richard liegt in einem riesigen Bett und schläft. Sein Gesicht ist sehr blass und schweißbedeckt. Olli würde seinen Sohn am liebsten an sich reißen, will ihn aber nicht wecken. Er kann sich kaum beherrschen und zügelt, auf den Kleinen Rücksicht nehmend, seine Wut.
„Was ist passiert?“, flüstert er.
„Woher soll ich das wissen?“, antwortet Sybille und weicht seinen Blicken aus. „Er sagt doch nichts, außer, dass er unbedingt zu dir will.“
Olli funkelt sie wütend an: „Warum hast du nicht eher angerufen? Ich wäre sofort gekommen.“
„Wir dachten, dass er sich erst eingewöhnen muss. Aber es wurde immer schlimmer.“
Sybille glänzen Tränen in den Augen. Sie steht hilflos neben dem Bett. Olli setzt sich zu seinem Sohn.
„Wo sind deine Eltern?“, fragt er.
„Die machen mit Roberts Eltern eine Bootstour und kommen erst in ein paar Tagen zurück. Paps wurde es zu viel mit Richards Theater. Du glaubst ja gar nicht, was hier los war.“
„Ihr werdet doch mit so einem kleinen Jungen fertig werden. Lass uns alleine.“
„Ich bin unten“, sagt sie und schließt leise die Tür.
Olli sieht voller Mitleid auf seinen Sohn, der in diesem Bett verschwindend klein wirkt. Wenn er nur versucht, sich vorzustellen, was Richard die letzten Wochen hier durchmachen musste, steigt grenzenlose Wut in ihm auf.
„ Karl-Otto der Barbar. Wenn ich den in die Finger bekomme, wird er sein blaues Wunder erleben“ , denkt er.
Richard wälzt sich unruhig hin und her und stöhnt. Olli streichelt ihn liebevoll. Mitleid spiegelt sich auf seinem Gesicht. Er steht auf und geht zum Fenster. Am Pool sieht er Bertram mit einem jungen Mädchen spielen. Sie tobt mit ihm herum. Er quiekt vor Vergnügen und bespritzt sie mit Wasser. Beruhigt stellt Olli fest, dass es ihm wenigstens gut zu gehen scheint.
Sybille sitzt in einem Liegestuhl und starrt vor sich hin.
Ein Sportwagen kommt ziemlich rasant angefahren. Der Fahrer hupt mehrmals und winkt Sybille zu. Schnell steht sie auf und läuft ihm entgegen. Er springt aus dem Wagen und breitet seine Arme aus. Für einen Moment sieht es wirklich so aus, als würde Sybille ihn umarmen. Sie scheint sich jedoch zu besinnen und sieht zum Kinderzimmerfenster hoch, als hätte sie Angst, beobachtet zu werden.
Sie redet ziemlich energisch auf ihn ein. Er schüttelt den Kopf und antwortet heftig.
Olli geht wieder zum Bett. Diese Szene will er sich nicht auch noch antun. Er hat genug gesehen.
Richard wälzt sich hin und her.
„Papa“, sagt er im Schlaf.
„Ich bin doch da.“
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