„Olli ist auch schon da“, werden sie von Christine empfangen.
Die Jungs sind gerade dabei, sich von Daniel zeigen zu lassen, wie man auf einen Baum klettert.
„Ich will aber zu erst dleddern“, sagt Bertram ungeduldig.
„Halte dich ganz doll fest“, ermahnt ihn Daniel.
„Wird demacht“, antwortet Bertram und greift nach einem herunterhängenden Ast.
Richard zappelt vor lauter Aufregung. Er kann gar nicht erwarten, dass er endlich dran ist.
„Hallo, Jungs“, ruft Lydia.
Heute hat sie keinen Erfolg, lautstark empfangen zu werden. Die Kinder genießen ihre Freiheit und sind in ihre Kletterei ganz vertieft.
Tilly kommt aus dem Haus und mit ihr eine Duftwolke.
„Was hast du wieder gezaubert?“, fragt Lydia.
„Wird nicht verraten. Das gibt es erst am Abend“, antwortet sie und fällt ihrer Patentante um den Hals. „Schön, dass ihr endlich da seid.“
Jutta stellt allen ihre Tochter vor, die jedem nur lustlos die Hand gibt. Sie setzt sich mit einem versteinerten Gesichtsausdruck auf einen Stuhl, verschränkt die Arme und tritt mit ihrem Fuß mehrmals wütend an das Tischbein.
„Hallo, Jenny“, sagt Tilly freundlich zu ihr. „Mit dir habe ich endlich Verstärkung und muss die kleinen Jungs nicht mehr allein bändigen.“
„Ich glaube nicht, dass ich dir dabei eine große Hilfe bin. Ich habe keine Erfahrungen bei der Betreuung von Kindern und überhaupt keine Lust dazu“, antwortet Jenny mürrisch.
„Das lernst du ganz schnell“, sagt Jutta zu ihr. „Du musst nur aufpassen, dass kein Kind verloren geht. Das wäre sonst ein Albtraum für jede Mutter.“
„Setzt euch bitte“, fordert Christine alle auf. „Der Kaffee ist fertig. Außerdem haben die Kinder noch etwas vor und sollen nicht zu spät kommen.“
„Dürfen wir auf einer Decke picknicken?“, fragt Daniel.
„Na klar. Schnappt euch etwas zu essen und dann ab in den Schatten mit euch.“
„Ich will aber bitte nur einen dleinen Duchen“, sagt Bertram.
„Hier, mein Kleiner. Ist das Stück klein genug?“, fragt ihn Christine und ermahnt ihn: „Halte deinen Teller gerade, sonst fällt alles in den Dreck.“
Bertram himmelt Christine dankbar an und läuft dann schnell zu Daniel und Richard, um das Picknick nicht zu verpassen. Da er mit beiden Händen seinen Teller festhält, kann er sich nur umständlich auf die Decke plumpsen lassen. Er verliert das Gleichgewicht, und sein Kuchen landet im hohen Bogen im Gras. Er hebt ihn auf, zieht einen Grashalm ab, pustet die Erdkrümel weg, schüttelt noch ein bisschen und beißt herzhaft hinein. Als er bemerkt, dass Christine ihn beobachtet, strahlt er sie an und kaut genüsslich. Christine schmunzelt vor sich hin und ist froh, dass Sybille das nicht gesehen hat.
Tilly ignoriert einfach Jennys schlechte Laune und erzählt ihr, dass sie später auf den Reiterhof ihres Großonkels fahren will. Sie plaudert einfach drauflos und erzählt die unglaublichsten Dinge vom Reiterhof. Schon nach kurzer Zeit verändert sich Jennys Gesichtsausdruck.
„Möchtest du mitkommen?“, fragt Tilly.
„Richtige Pferde?“, fragt Jenny skeptisch.
„Natürlich“, nickt Tilly.
„Immerhin besser, als den ganzen Nachmittag hier zu vergammeln“, sagt Jenny.
„Ich kann euch mit dem Auto hinfahren“, bietet Olli an.
„Das musst du nicht. Es ist alles schon organisiert“, sagt Christine. „Jenny kann mein Fahrrad nehmen, und die zwei Kleinen nimmt Tilly im Anhänger mit. So haben wir das auch gemacht, als Daniel noch nicht allein fahren konnte. Deinen Jungs tut es sicher gut, einmal Landluft zu schnuppern. Du kannst aber auch gern selbst mitfahren und aufpassen, wenn du keine Ruhe hast. Nicht, dass du Ärger mit Sybille bekommst.“
„Ich glaube, die hat zurzeit andere Probleme. Sie plant gerade mit ihren Eltern unseren gemeinsamen Urlaub in Südfrankreich und hatte deshalb überhaupt nichts dagegen, dass ich die Jungs mitnehme“, sagt er sorgenvoll und rauft sich die Haare.
„Wir machen jetzt die Kinder abfahrbereit. Sowie hier etwas Ruhe ist, kannst du uns alles ausführlich erzählen“, sagt Christine.
Olli befestigt den Anhänger am Fahrrad und setzt die Jungs hinein. Die strahlen beide um die Wette und sind ganz aufgeregt. Solch ein Abenteuer durften sie bisher noch nicht erleben.
„Du musst dir keine Sorgen machen. Wir passen gut auf sie auf“, beruhigt ihn Tilly.
„Das weiß ich doch“, antwortet er. „Viel Spaß, Jungs. Und hört auf die großen Mädchen.“
„Machen wir“, antwortet Richard gleich für seinen Bruder mit. Bertram quietscht vor Vergnügen und klatscht in seine kleinen Hände. Er kann die Abfahrt kaum erwarten.
„Ruft an, wenn ihr Hilfe braucht“, sagt Jutta und sieht ihre Tochter ernst an.
„Mach dir nicht immer so viele Sorgen“, sagt Jenny. „Ich glaube es nicht – richtige Pferde. Ob ich auch reiten darf?“ „Na klar. Onkel Heinrich ist froh, wenn wir die bewegen. Die fressen sonst den ganzen Tag nur und werden fett und träge“, sagt Tilly. „Los jetzt! Oma wartet bestimmt schon.“
Noch kurze Zeit sind die leiser werdenden Stimmen der Kinder zu hören. Dann zwitschern nur noch die Vögel.
Jutta und Lydia räumen das Geschirr ab. Christine bringt Getränke und Knabbergebäck und verteilt alles auf dem Tisch. Olli sitzt auf der Hollywoodschaukel und guckt traurig vor sich hin. Jutta setzt sich zu ihm.
„Du wirst sehen, Tom wird bestimmt bald vernünftig. Er hat doch die Agentur mit aufgebaut“, versucht sie ihn aufzumuntern. „Ihm bleibt gar nichts anderes übrig. Er wird sich selbst ausrechnen können, dass sein Konzept nicht aufgeht und er seinen Lebensunterhalt davon nicht bestreiten kann. Und die Probleme mit Sybille bekommst du auch wieder in den Griff.“
„Zurzeit kreisen meine Gedanken alle durcheinander. Nach dem Gespräch mit meinem Anwalt bin ich zwar etwas beruhigter, denn das Büro könnte ich auch allein führen. Ob ich jedoch die Sache mit Sybille wieder hinbekommen möchte, da bin ich mir nicht sicher. Sie ist so unzufrieden. Schon seit langem haben wir kein vernünftiges Gespräch mehr führen können. Manchmal wünsche ich mir, dass sie einfach bei ihren Eltern bleibt, damit zu Hause endlich Ruhe ist. Aber das geht ja schon wegen der Kinder nicht. Sie sind doch noch so klein, und verlieren möchte ich sie auf keinen Fall.“
„Ist es schon so schlimm mit deiner Ehe? Ihr seid doch ein Traumpaar“, stellt Christine verwundert fest.
Olli sieht sie erstaunt an.
„Seit wann denn das? Eher ein Albtraumpaar. Aus dem Traum bin ich schon lange aufgewacht. Ihr wisst ja noch gar nicht, was sie mir zum Geburtstag geschenkt hat.“
Neugierig wird er von den drei Frauen angesehen.
„Das glaubt ihr mir sowieso nicht“, winkt Olli ab und erhöht die Spannung.
„Was denn? Nun lass dich nicht betteln. Sonst platzen wir“, sagt Lydia.
„Wollen wir wetten, dass ihr gleich um die Wette schreit?“
Lydia und Christine sehen sich ratlos an. Olli grinst.
„Sie hat mir nämlich eine Patenschaft für ein Tier im Zoo geschenkt. Sogar für ein ganzes Jahr.“
„Das ist doch eine vernünftige Idee, weil du ja schon fast alles hast“, stellt die praktische Jutta fest.
„Durftest du dir wenigstens eins aussuchen?“, fragt Christine.
„Natürlich nicht. Sybille hat ein Tier gewählt, das zu ihrer derzeitigen Stimmung passt. Eine riesengroße Vogelspinne“, sagt er.
Lydia und Jutta verziehen angewidert ihre Gesichter. „Nein“, sagen beide fast gleichzeitig.
„Na ja, vielleicht hätte es noch schlimmer kommen können“, sagt Christine.
„Aber nur mit einer Hyäne oder einem Stinktier“, antwortet Olli und runzelt die Stirn. „Mit Sybille allein würde ich ja sicher auskommen, aber mit diesem herrschsüchtigen Schwiegervater im Genick haben wir beide keine Chance. Wir hätten gleich nach der Hochzeit weit wegziehen sollen.“
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