„Keine Angst“, sagt Markus, der ihre Unruhe auf den Vorfall mit Tom schiebt. „Er bleibt nicht lange und kommt auch nicht so schnell wieder. Das können Sie mir glauben.“
Jutta holt tief Luft und ist froh, dass Markus sie noch nicht durchschaut hat.
„ Lange halte ich es neben ihm nicht aus. Los, Jutta! Konzentriere dich auf den Bildschirm“ , denkt sie und sagt: „Dann zeigen Sie mir doch einfach, was Sie den ganzen Tag tun. Von der Werbebranche habe ich noch keine Ahnung.“
Markus erklärt ihr die einzelnen Schritte vom Auftrag über die Ausführung bis zum Druck. Gespannt hört Jutta zu und bemerkt nach einer Weile, dass sie wirklich ruhiger geworden ist. Also nimmt sie sich vor, nicht nur ständig an ihm vorbeizusehen, sondern konzentriert zu arbeiten. Dann wird die Zusammenarbeit schon klappen – hofft sie.
„Haben Sie noch Fragen?“, hört sie Markus neben sich.
Spontan dreht sie sich zu ihm um, sieht ihm natürlich direkt in die Augen („Das war ein Fehler“ , schreit es in ihr.) und ..... wummm, beginnt ihr Herz zu hämmern.
„Nein“, sagt sie schnell. „Das ist alles ziemlich interessant. Die Arbeit als Steuerberaterin dagegen ist sehr trocken. Falls Olli mich einstellen sollte, kann ich mir schon vorstellen, mich einzuarbeiten. Ein bisschen Abwechslung tut gut.“
„Das will ich meinen“, sagt Markus.
Im Vorraum hören sie eine heftige Diskussion, dann wird die Eingangstür laut zugeschlagen.
Olli kommt zu ihnen und lässt sich auf einen Stuhl fallen. „Tom ist weg“, sagt er. „Er hat Dateien in seinem Computer gelöscht. Wie soll ich das bloß seinen Kunden erklären? Da kommen Vertragsstrafen auf mich zu.“
Jutta sieht Olli mitfühlend an und sagt mit Nachdruck: „Olli, ich muss unbedingt mit dir reden. Du wirst staunen, was ich gefunden habe. Können wir in Toms Büro gehen?“
An der Tür dreht sie sich noch einmal zu Markus um und sagt: „Danke. Es war aufschlussreich.“
„Und mir war es eine große Freude“, ruft er ihr nach.
Mit weichen Knien geht Jutta hinter Olli her und setzt sich zu ihm an den Computer.
„Du, Jutta. Bevor wir miteinander reden, muss ich erst einmal dringend den Computer checken. Vielleicht ist noch etwas zu retten.“
„Ich helfe dir. Vier Augen sehen mehr als zwei“, antwortet sie und hofft, dass Olli vielleicht selbst die verräterischen Dateien von Tom findet.
Sie möchte ungern als Petze dastehen.
Olli rauft sich die Haare. „Ich möchte zu gern wissen, was Tom Geheimes zu erledigen hatte. Hier sind noch seine Aufträge, also ist nicht alles gelöscht. Sieh doch mal, die letzte Bearbeitung liegt Wochen zurück. Ich drucke erst mal alles aus und rufe dann bei den Kunden an. Jetzt müssen Grit und Markus unbedingt mit ran. Lass mich ruhig allein. Wenn ich fertig bin, kannst du weitermachen. So schnell kommt Tom ganz bestimmt nicht zurück.“
„Ich würde mich lieber erst einmal in die Buchhaltung einarbeiten und diese auf den aktuellen Stand bringen. Frau Wiehmer hat alle Unterlagen, sagtest du?! Die lasse ich mir geben. Wenn ich genaue Zahlen habe, informiere ich dich, wie es um die Agentur steht.“
„Danke, Jutta. Dich schickt der Himmel.“
Olli hämmert hilflos auf der Tastatur rum. Jutta steht in der offenen Tür und sieht ihn an.
„Olli, ich habe gestern eine Straftat begangen“, sagt sie.
Er schaut erschrocken hoch und sagt dann ungläubig: „Du doch nicht.“
„Doch, habe ich.“ Sie sieht ihn schuldbewusst an.
„Hast du eine Bank überfallen, und ich soll dir ein Alibi liefern?“, fragt er.
Jutta schüttelt den Kopf und sagt: „Nein.“
„Das hätte mich auch gewundert. Raus mit der Sprache. Vielleicht kann ich dir helfen.“
„Hier hast du meinen Speicherstick. Darauf sind alle Dateien, die Tom gelöscht hat. Ich wusste gestern nicht so recht, wie ich mich verhalten soll. Also habe ich erst einmal alles gesichert. Es weiß niemand etwas davon.“
Olli klappt der Kiefer nach unten. Er starrt Jutta an.
„Das glaube ich jetzt nicht“, flüstert er nach einer Weile und seine Miene hellt sich auf. „Das ist die Rettung. Danke, danke, danke. Du bist super.“
„Ich finde, dass es eine Schweinerei ist, was Tom hinter deinem Rücken und auf deine Kosten getan hat. So kann ja die Agentur nur den Bach runtergehen. Hoffentlich kann dein Anwalt mit den von mir gesicherten Daten etwas anfangen“, sagt Jutta. „Ich lass euch jetzt allein – den Computer und dich.“
Sie verlässt Toms Büro, um sich der Buchhaltung zu widmen.
In der Agentur sind Ollis entsetzte Ausrufe zu hören: „Das gibt’s doch nicht ..... Das glaube ich jetzt nicht ..... Das kann gar nicht sein ..... Markus, komm bitte mal her und sieh dir das an.“
Jutta lächelt Frau Wiehmer an und ist erleichtert, die Beichte bei Olli abgelegt zu haben.
Am späten Nachmittag ist Lydia im Supermarkt. Sie geht langsam durch die Reihen. Ihr Korb füllt sich mit den nötigsten Dingen. Sie sucht nach einem Geschenk für Jutta zum Einzug. Eine größere Grünpflanze gefällt ihr ganz gut. Sie erinnert sich an Juttas Worte, als diese bei ihrem ersten Besuch die Dachterrasse bewundert hatte und äußerte, viele Blumen zu benötigen. Lydia stellt den Topf in ihren Einkaufswagen und überlegt, was sie noch alles braucht. Langsam geht sie weiter. Ein überdimensionales buntes Plakat macht sie auf die Angebote eines Diät-Suppenherstellers aufmerksam. Sie nimmt eine Dose in die Hand und liest ganz konzentriert die Angaben zum Inhalt.
Auf einmal bemerkt sie eine Berührung an ihrem Arm und vernimmt dicht an ihrem Ohr eine bekannte Stimme.
„Das hast du doch nicht nötig, bei deinen Maßen.“
Lydia fährt der Schreck durch alle Glieder. Sie dreht sich um und hat das dicke Mondgesicht des Herrn Schulze direkt vor Augen.
„ Der hat mir gerade noch gefehlt“ , denkt sie und tut so, als hätte sie ihn nicht erkannt.
Er schiebt sich jedoch genau vor sie. „Hallöchen. Nicht so eilig, schöne Frau. Na, wenn das kein besonderer Zufall ist. Heute scheint unser Glückstag zu sein.“
Lydia sagt: „Guten Tag, Herr Schulze.“
„Hatten wir uns nicht auf Hans geeinigt?“, fragt er und bewegt sich unaufhaltsam auf sie zu. „Wann hast du endlich Zeit, damit wir es uns mal so richtig gemütlich machen können?“, säuselt er.
„Lassen Sie mich doch einfach in Ruhe“, sagt Lydia abweisend.
Sie will den Massen des Herrn Schulze ausweichen, stößt aber an ein Regal. Ein weiterer Rückzug ist unmöglich, da müsste sie sich schon zwischen die Dosensuppen fädeln.
Er rückt ihr regelrecht auf den Leib und reißt seine Augen weit auf. Sie entdeckt ein lüsternes Funkeln darin, sodass ihr der Schweiß ausbricht.
„Herr Schulze, ich habe es eilig. Mein Freund wartet“, stammelt sie, denn etwas Dümmeres fällt ihr nicht ein.
„Ja, ja“, lacht er. „Darauf falle ich nicht rein. Nun hab dich nicht so. Wann treffen wir uns?“
„ Nur über meine Leiche“ , denkt Lydia und ringt um Atem.
Sein Gesicht ist nun sehr nah an ihrem. Er fährt sich mit seiner feuchten Zunge über die Lippen, als hätte er einen besonders appetitlichen Happen vor sich. Sein schlechter Atem weht ihr entgegen. Lydia kämpft gegen den aufsteigenden Ekel und gerät immer mehr in Panik.
Sie fordert ihn auf: „Herr Schulze, lassen sie mich vorbei!“
Sie versucht, den stämmigen Kerl mit beiden Händen zur Seite zu schieben. Da sie kaum noch Bewegungsfreiheit hat, ist es ihr nicht möglich, seine Massen auch nur einen Millimeter zu bewegen. Er steht wie ein Fels in der Brandung vor ihr und ergötzt sich an ihrer Hilflosigkeit.
„Lydia. Schatz, da bist du ja“, hört sie eine rettende Stimme.
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