„Ja. Hier bin ich“, piepst sie.
Herr Schulze springt erschrocken zur Seite, stößt aber schon mit Olli zusammen.
„Ach, wen haben wir denn da? Ist das nicht der Herr, der dich schon auf der Klassenfahrt bedrängt hat?“, fragt Olli und greift nach Herrn Schulze.
Der weicht schnell aus und geht ein paar Schritte zur Seite, um Abstand zu gewinnen.
„Das verstehen Sie falsch. Ich wollte ..... nur etwas ..... aus ..... diesem Regal .....“, stottert er.
„Da gibt es nichts falsch zu verstehen. Ich weiß, was ich gesehen habe. Nimm bloß deine Pfoten von meiner zukünftigen Frau, sonst sprechen wir uns vor Gericht wieder. Mein Gott, musst du es nötig haben. Mal sehen, was deine holde Gattin dazu sagt. Dort hinten kommt sie schon. Frau Schulze, huhu, hier her .....“, ruft Olli laut und winkt ihr zu.
Dem Herrn Schulze platzt bald der Kopf. Alles Blut scheint ihm hineingeschossen zu sein. Schnell läuft er seiner Frau entgegen, schiebt diese in die entgegengesetzte Richtung und redet auf sie ein.
„Danke, Olli. Was hätte ich nur gemacht, wenn du nicht gekommen wärst?“, sagt Lydia erleichtert, atmet erst einmal tief durch und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Ich dachte, ich sehe nicht richtig, wie diese Dampframme dich in das Regal drückt. Der kam mir heute gerade recht bei der Wut, die ich schon habe.“
„Hoffentlich bin ich den jetzt endgültig los“, sagt Lydia. „Wie kommst du denn auf zukünftige Frau? Nur gut, dass das Sybille nicht gehört hat. Sie versteht doch in dieser Hinsicht sicher keinen Spaß.“
„Viel schlimmer wäre das jetzt auch nicht mehr. Und der Kerl weiß ja nun, woran er mit uns ist.“
Olli legt noch ein paar Dinge in seinen Korb und beide gehen in Richtung Kasse.
Kurz nach ihnen kommt auch Familie Schulze dort an. Frau Schulze wirft einen wütenden Blick zu Lydia, holt Luft und will etwas sagen.
Lydia und Olli sehen beide gleichzeitig Herrn Schulze vernichtend an, sodass der sich schnell vor seine Frau stellt und wieder heftig auf sie einredet.
„Ich begleite dich jetzt bis zu deiner Wohnung. Nicht, dass du die alte Schulzen auch noch am Hals hast. Die scheint wirklich zu glauben, dass du ihr den Hansi ausspannen willst. Leute gibt´s, auf deren Gesellschaft könnte die restliche Menschheit verzichten“, sagt Olli und schüttelt lachend den Kopf.
Sie bringen alle Einkäufe in sein Auto und fahren zu Lydias Wohnung.
„Willst du noch mit nach oben kommen?“, fragt sie.
„Ein anderes Mal gern. Heute muss ich nach Hause, die Wogen glätten. Sybille hat mit mir wahrscheinlich keine Geduld mehr. Eheleben kann ganz schön anstrengend werden. Dafür ist Jutta geduldig und hat sich entschieden, in der Agentur mitzuarbeiten. Sie hat in den zwei Tage schon mehr positive Wunder vollbracht, als ich in den letzten Monaten“, sagt Olli stolz.
„Wie hat sie das geschafft?“, fragt Lydia.
„Jutta ist eben nicht betriebsblind und hat volles Vertrauen zu Menschen, die es nicht wert sind. Ich hätte nie gedacht, dass man sich in einem Menschen so sehr täuschen kann. Tom ist so egoistisch und verlogen. Ohne mit der Wimper zu zucken, hat er einfach an seiner eigenen Geschäftsidee gebastelt und alles auf Agenturkosten. Das erzählen wir euch ausführlich am Samstag zum Gartenfest. Vielleicht freut es dich, dass ich die Jungs mitbringe. Meine Frau hat nämlich wichtigere Dinge vor.“
„Das sind ja zwei tolle Überraschungen“, sagt Lydia.
„Äh. Wie meinst du das?“, fragt Olli und sieht Lydia nachdenklich an. „Ach so, ja. Da hast du eigentlich Recht. Ich muss jetzt aber wirklich los. Schließ die Tür ab, sowie ich weg bin und verrammle sie am besten mit einem großen Schrank. Nicht, dass das Walross hier aufschlägt und sich rächen will.“
„Den verkrafte ich heute nicht noch einmal“, sagt Lydia. „Wie macht man solchen Männern nur klar, dass man nichts von denen will? Das nächste Mal schreie ich jedenfalls ganz laut um Hilfe, wenn der in meiner Nähe ist. Lieber einmal mehr in der Öffentlichkeit blamiert als zerquetscht. Danke, Olli, dass du mich gerettet hast.“
„Schon gut.“
Als Jutta es sich am Abend vor dem Fernseher gerade gemütlich machen will, klingelt ihr Telefon.
„ Hoffentlich ist das nicht Rüdiger“, denkt sie genervt.
„Jutta Seidel“, sagt sie förmlich.
„Hallo, Jutta. Hier ist Christine. Am Samstag feiern wir bei mir ein Gartenfest. Lydia und Olli haben schon zugesagt. Ihr kommt – keine Widerrede. Ausreden werden nicht akzeptiert. Wir wollen doch endlich Jenny kennenlernen.“
„Ja, gern. Lydia hat es mir schon verraten. Soll ich etwas mitbringen?“, fragt sie.
„Nein“, sagt Christine. „Tilly will sich wieder als Küchenmeisterin versuchen. Ihr seid nur die Versuchskaninchen und müsst genug Opfer bringen. Wie geht es euch?“
„Jetzt endlich gut. Bin ich vielleicht erleichtert. Aber das erzähle ich erst am Samstag.“
„Bevor ich es vergesse. Lydia holt euch 15 Uhr ab.“
„Danke, das ist lieb. Wir freuen uns.“
Jutta erzählt Jenny sofort begeistert von der Einladung.
Jenny sagt genervt: „Meinst du nicht, dass ich zu alt für so ein blödes Gartenfest bin? Sicher langweile ich mich dort zu Tode.“
„Du musst dir unbedingt ansehen, wie idyllisch Christine wohnt“, versucht Jutta ihre Tochter aufzumuntern. „Ich habe sie immer darum beneidet und auch um ihre besondere Mutti. Tilly ist in deinem Alter. Sie ist sehr liebenswürdig. Mit ihr wirst du dich sicher gut verstehen.“
„Ist das die, die ich mir nach Omas Vorstellung zum Vorbild nehmen soll? Da bin ich ja jetzt schon begeistert“, mault sie.
„Nun warte es doch erst mal ab“, sagt Jutta. „Jammern darfst du von mir aus hinterher, wenn es dir nicht gefallen hat.“
Lydia kommt etwas früher, um Jutta und Jenny abzuholen. Sie klingelt zweimal kurz hintereinander, worauf Jutta den Türöffner betätigt und in die Sprechanlage ruft: „Komm bitte nach oben.“
Sie fordert Lydia mit einem Wink auf, einfach durchzugehen.
„Möchtest du dir schon mal alles ansehen? Bis zur Einzugsparty wird es sicher noch etwas dauern.“
Lydia muss feststellen, dass die Wohnung gemütlich eingerichtet ist.
„Hier könnt ihr euch wirklich wohl fühlen“, sagt sie.
Im Wohnzimmer trifft sie auf ein junges Mädchen und sagt freundlich zu ihr: „Du bist sicher Juttas Tochter.“
„Ich bin Jenny“, antwortet diese kurz, ignoriert Lydias ausgestreckte Hand und verschwindet in ihrem Zimmer.
„Endlich lerne ich dich mal kennen“, ruft Lydia ihr nach.
„Sie ist heute wieder schlecht gelaunt“, sagt Jutta entschuldigend. „Das kann ja was werden. Sicher benimmt sie sich nachher voll daneben, und ich schäme mich für sie in Grund und Boden.“
„Warte doch erst mal ab. Tilly macht das schon, und die Pferde werden sie begeistern“, beruhigt Lydia ihre Freundin.
„Dein Wort in Gottes Ohr“, sagt Jutta wenig überzeugt. „Dein Buch habe ich gelesen. So vieles wusste ich gar nicht mehr. Wenn wir uns wieder mal sehen, gibst du mir bitte das nächste.“
„Wird gemacht“, sagt Lydia. „Können wir los?“
„Ich bin fertig“, antwortet Jutta und fragt ihre Tochter: „Jenny, hast du alles?“
„Ja. Muss ich denn wirklich mit?“
„Du weißt wohl noch gar nicht, was dich erwartet?“, fragt Lydia sie verwundert.
Jenny verdreht ihre Augen und antwortet genervt: „Was soll es im Wald, bei einem Treffen alter Schulfreunde, ausgerechnet für mich schon Besonderes geben?“
„Dann lass dich einfach überraschen“, sagt Lydia geheimnisvoll zu ihr.
Sie erntet aber nur einen skeptischen Blick.
Jenny setzt sich im Auto nach hinten und sieht während der Fahrt starr aus dem Fenster. Jutta hofft, dass sie mit diesem unangebrachten Verhalten nicht allen das Fest verdirbt.
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