„Kommt mal hierher“, rief Bernadette von oben.
Sie stand im Badezimmer, das im Gegensatz zu den in Dänemark sonst üblichen Maßstäben riesig war. In der Mitte stand vor einer großen, halbrunden Dachgaube eine freistehende Badewanne auf goldenen Löwenfüßen. Die anderen nickten, gebührend beeindruckt.
„Ich wette, durch das Fenster hier sehen wir morgen früh das Meer“, sagte Carolin zufrieden. Sie hatte das Haus gefunden und fühlte sich als stolze Entdeckerin. Florence nickte anerkennend.
„Das hast du wunderbar gemacht, meine Liebe. Du hast einfach ein Händchen für sowas.“
Carolin lächelte von einem Ohr zum andern.
„Lasst uns die Schlafzimmer aufteilen“, schlug Inga vor. Sie nahmen nacheinander das Angebot in Augenschein, ein geräumiges Schlafzimmer mit breitem Doppelbett auf der einen Giebelseite und zwei Zimmer mit französischen Betten auf der anderen.
„Florence und ich könnten das Doppelbett nehmen“, bot Bernadette an. „Wir sind es ja gewohnt, unser Bett zu teilen, da kriegen wir das hier wohl auch hin. Oder?“
Florence nickte.
„Ich bin schlaftechnisch unempfindlich. Jo schnarcht wie ein Sägewerk und ich schlafe tief.“
„Jo schnarcht?“ wiederholte Inga. „Wie erfrischend. Endlich mal eine negative Eigenschaft. Das wäre ja sonst nicht auszuhalten.“
„Jaime schnarcht auch“, meldete sich Bernadette.
„Na, dann bin ich ja beruhigt. Ihr werdet euch also vollkommen heimisch miteinander fühlen und Carolin und ich brauchen kein schlechtes Gewissen zu haben, dass wir uns die Einzelzimmer unter den Nagel reißen.“
„Ach, wer weiß… Vielleicht modifizieren wir auch die Verabredung mit dem Morgenkaffee, und den bringt ihr uns beiden umschichtig.“
Florence lächelte verschmitzt und nahm zur Abwechslung mal Inga auf die Schippe. Die sagte aber nur nüchtern:
„Einverstanden. Ich bin morgens eh´ früh wach. Das ist doch ein gerechter Ausgleich.“
Daraufhin gingen sie zum Auto zurück, jede schulterte ihr Gepäck und sie zogen einträchtig in ihre temporäre Behausung ein.
Am nächsten Morgen war Inga tatsächlich als erste wach und setzte wie versprochen einen Kaffee für die anderen auf. Florence und Bernadette saßen schon aufrecht im Bett und lasen, als sie ihnen die wohlduftenden Becher brachte, während Carolin noch tief in die Kissen gewühlt schlummerte. Man sah nur ein paar Zipfel ihrer blonden Haare. Inga stellte ihr den Kaffee auf den Nachttisch und ging wieder nach unten. Sie setzte sich in den Wintergarten, auf den sie sich am Abend vorher schon gefreut hatte und nahm ein Notizbuch in die Hand. Auf Reisen pflegte sie Tagebuch zu schreiben, vor allem, um es später ihrer Schwester vorlesen und sie auf diese Weise mit ihren Erlebnissen zu amüsieren. Sie liebte diese Stunde vor Tau und Tag, wenn sie die Welt für sich alleine hatte. Dann saß sie gerne auf Plätzen in südlichen Flecken dieser Erde und sah den Lieferanten zu oder beobachtete die Aufräumaktionen der örtlichen Müllabfuhr.
Inga reiste gern und häufig, wie es sich für eine Geographielehrerin gehörte. Sie hatte weite Reisen hinter sich, die sie an die entlegensten Ecken der Erde gebracht hatten. Sie war in den chilenischen Anden auf Maultieren geritten und in Nepal gewandert, hatte die Küste von Sri Lanka erkundet und Death Valley durchstreift. Sie war in Angkor Wat und Machu Picchu durch die Ruinen gestromert, und Pompeji kannte sie auswendig, das war ihr Leib-und-Magen Ziel. Dahin fuhr sie mit jedem Geschichtskurs in der Abschlussstufe. Ihr größtes Abenteuer war eine Schiffsreise in die Antarktis vor ein paar Jahren, die sie mit ihrem Sohn Mattis zusammen unternommen hatte, als der seinen Doktor fertig hatte.
Sie war also das Reisen gewöhnt. Nicht, dass es Routine gewesen wäre, dann hätte es ja auch keinen Spaß mehr gemacht, aber sie kannte sich aus auf den Flughäfen dieser Welt, auch auf den ganz kleinen. Sie beherrschte drei Sprachen so gut wie fließend und noch ein paar weitere bruchstückhaft, sie konnte sich in der Fremde durchschlagen. Sie hatte alle möglichen Transportmittel ausprobiert und geriet nicht in Panik, wenn sie mit dem Jeep mitten in der Wüste unter kreisenden Geiern eine Autopanne hatte. Aber all diese Erlebnisse und Erfahrungen nützen ihr gerade gar nichts. Denn jetzt hatte sie eine Reise vor sich, die ihr wirklich im Magen lag. Zusammen mit ihrer kleinen Schwester plante sie eine Reise zu ihrem Vater. Das allein wäre noch nichts Ungewöhnliches gewesen. Das Besondere an dieser Reise war allerdings, dass sie ihren Vater seit fünfundvierzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Als sie fünf Jahre alt war, hatte er die Familie verlassen – ihre Mutter, ihre kleine Schwester Astrid und sie selbst, und sie hatte nie wieder etwas von ihm gehört.
Sie schluckte einen leichten Kloß im Hals herunter und fragte sich, ob es wirklich richtig gewesen war, die Vergangenheit aufzuwühlen, anstatt sie einfach ruhen zu lassen. Es war ein bisschen spät, darüber nachzudenken, denn die Reise war geplant, die Flüge gebucht und alle Beteiligten wussten Bescheid. Man konnte sowieso nicht mehr so tun, als wäre nichts gewesen. Inga seufzte und beschloss, das Ganze nicht mehr zu dramatisieren, als unbedingt notwendig. Es hatte sie ja keiner zu dieser Fahrt gezwungen. Bei wem sollte sie sich also beschweren als bei sich selbst? Sie zuckte die Achseln, wie Florence das gerne tat, wenn sie etwas nicht beeinflussen konnte und stand auf. Dabei merkte sie, wie steif sie geworden war. Irgendwie war man einfach nicht mehr die Jüngste. Sie streckte sich und beschloss, vor dem Frühstück einen kleinen Strandspaziergang zu machen. Das würde ihren Gelenken guttun und ihrer Stimmung auch. Sie ging durch die Terrassentür, dachte, dass es sich auf jeden Fall lohnen müsste, mal im Sommer herzukommen und in warmen Julinächten im lauschigen Garten zu sitzen. Falls es warme Sommernächte in Dänemark gab. Dann verließ sie das Grundstück auf einem Trampelpfad durch die Heckenrosen, der ein Gartentürchen freilegte, das sich ohne zu quietschen öffnen ließ.
Derweilen hatte Bernadette den Kaffee im Bett sehr genossen. Nicht, dass sie sowas zu Hause nicht erlebte, Jaime brachte ihr an den Wochenenden auch manchmal einen Morgenkaffee ans Bett und ihre Tochter Elisa hatte das eine Zeitlang ebenfalls sehr begeistert gemacht, als sie nämlich gerade gelernt hatte, Kaffee zu kochen und an den Sonntagmorgen gerne den Tisch deckte, bevor der Rest der Familie aufstand. Aber hier war Bernadette losgelöst aus ihrem alltäglichen Leben. Sie musste sich heute nicht für siebenunddreißig verschiedene Pflichten verantwortlich fühlen, angefangen vom Einkauf für die nicht mehr ganz so große Familie über den nachmittäglichen Besuch bei ihrer alten Mutter, dem abendlichen Abnehmen der Wäsche und deren säuberlichem Zusammenlegen. Und weil dies ein so ungewohntes Gefühl von Freiheit war, das sie plötzlich überwältigte, tat Bernadette etwas in ihren Augen völlig Dekadentes und ließ sich ein morgendliches Bad in die löwenfüßige Wanne ein. Sie fand ein bisschen Badeöl, augenscheinlich von den Gästen, die vor ihnen da gewesen waren und ließ sich mit einem wohligen Seufzer in die Fluten gleiten.
Im großen Schlafzimmer legte Florence ihr Buch zur Seite, eine Biografie der Fotografin Berenice Abbott, und blickte unschlüssig aus dem Fenster. Das Wetter war herbstlich grau, aber es regnete nicht. Die anderen waren offensichtlich schon unterwegs, schliefen noch, gaben sich Badefreuden hin, da konnte sie ebenso gut eine Runde joggen gehen. Wann hatte man schon mal den Strand direkt vor der Tür liegen?
„Bin in einer halben Stunde wieder da“, rief sie Bernadette durch die sorgsam verschlossene Badezimmertür zu. Um Carolin brauchte sie sich nicht zu kümmern, da konnte man froh sein, wenn sie wach war, nachdem Florence zurück wäre. Sie sprang die Treppe herunter, machte vor der Haustür ein paar Kniebeugen, um warm zu werden und lief los.
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