„Ja, an dir sieht man ja sowieso kein Grämmchen, aber ich habe eine richtige Plautze gekriegt. Ich will doch nicht zur Tonne mutieren. Ich fühl mich schon oft genug wie eine Matrone aus einem Roman aus dem neunzehnten Jahrhundert, da muss ich ja nicht noch wie eine aussehen.“
„Völlig übertriebene Wahrnehmung. Dieser Schlankheitswahn verdirbt uns komplett die Lebensfreude. Ich finde überhaupt nicht, dass du zugenommen hast und ich würde es dir sonst wirklich sagen.“
Inga sah Bernadette treuherzig an und fing dann an zu lachen.
„Im Ernst, es ist doch völlig egal, wieviel du wiegst. Wieg´ dich einfach nicht mehr. Ich hab´ gar keine Waage.“
„Ja, aber ich merke doch auch so, dass der Bauch schwabbelt und die Hose kneift“, sagte Bernadette missmutig. „Ne Waage brauche ich da auch nicht für, das sagt mir der morgendliche Blick in den Spiegel. Und wenn ich mich so fett fühle, dann fühle ich mich nicht mehr begehrenswert. Und das ist einfach unschön.“
Bernadette sah so schlecht gelaunt auf ihre drei Törtchen, dass es Inga schon leidtat, so direkt gewesen zu sein.
„Hör mal, wenn der Kuchen eine komplette Mahlzeit ersetzt, dann macht das überhaupt nichts, habe ich mal irgendwo gelesen. Also, genieß jetzt deine Törtchen, die sehen doch entzückend aus.“
„Ja, solche Kreationen habe ich neulich in einer Designzeitschrift gesehen“, steuerte Florence eine wesentliche Information bei. „Die haben in New York einen Patisserie-Preis gekriegt.“
Florence stellte ihren Teller – mit nur einem Törtchen – an ihren Platz und ließ sich nieder.
„Ich kann das gut verstehen“, sprang sie Bernadette zur Seite. „Ich kann´s auch nicht haben, mich dick zu fühlen, ganz egal wie andere mich sehen. Wenn ich mich selbst dick fühle, muss ich was dagegen tun.“
„Und das, wo du ohne weiteres modeln gehen könntest bei deiner Größe. Von dem grazilen Rest will ich erst gar nicht reden, man muss diese Unverschämtheiten ja nicht noch bestärken“, lästerte Inga. „Ich könnte Anna mal ein Foto von dir schicken, dann engagiert sie dich als Model für die Frau um die fünfzig.“
Sie streckte Florence die Zunge heraus, um sie zu reizen. Florence hatte immer so eine unglaubliche Contenance, das forderte Inga regelmäßig dazu heraus, sie ein bisschen zu provozieren.
„Bin ich doch auch.“
Florence zuckte mit den Achseln.
„Habe ich aber noch nie drüber nachgedacht. Fünfzig. Das bin ich einfach irgendwann geworden vor zwei Jahren. Ging aber völlig an mir vorbei. Die große Krise hatte ich mit dreißig und das war ja völlig albern.“
Florence lächelte mit ironisch heruntergezogenen Mundwinkeln.
„Ja, mit dem Alter habe ich auch kein Problem. Nur mit den Pfunden. Danke, dass du mich wenigstens verstehst, Florence.“
Carolin schaute zu den beiden herüber und schüttelte den Kopf.
„Ihr habt Probleme. Das mit der Figur könnt ihr doch selbst beeinflussen, das ist doch überhaupt nicht schwierig. Aber das mit dem Alter ereignet sich einfach. Da kannst du machen, was du willst, es geht nicht mehr weg. Das schockiert mich total.“
Sie griff den Faden ihrer Unterhaltung mit Bernadette auf dem Weg nach Hamburg wieder auf. Vielleicht half es ja doch, darüber zu reden. Das hatte sie als durchaus erleichternd empfunden, nachdem sie zuerst versucht hatte, es zu verdrängen.
„Alter. Bäuche. Was haben wir eigentlich inzwischen für Themen drauf?“
Inga schüttelte den Kopf genau wie gerade Carolin.
„Ich kann´s gar nicht glauben. Haben wir uns nichts Wichtigeres mehr zu sagen, als über unsere Jahresringe zu jammern und unseren Bauchspeck zu bedauern?“
„Das ist auch wichtig. Das ist Psychohygiene und es tut mir gut, das loszuwerden. Zu Hause will es keiner hören.“
Bernadette stach mit ihrer formschön designten dänischen Kuchengabel in das letzte Törtchen vor sich, pfirsichfarbener Schaum auf einer vanillegelben Zwischendecke aus Biskuit, darunter eine pflaumenblaue glasierte Sahneschicht, die ein paar üppige Blaubeeren enthielt, angerichtet auf einer dunklen Schokoladenplatte, obenauf zur Krönung eine hauchdünne, ebenholzfarbene Schokoraspel.
„Konditor muss auch ein schöner Beruf sein.“
Dieser Stoßseufzer kam so sehnsuchtsvoll aus tiefstem Herzen, dass alle lachten. Carolin blickte in die Runde und dachte an Ingas Formulierung von vorhin. Alter und Bäuche, waren das jetzt ihre Hauptthemen? Selbst wenn sie sich ironisch davon distanzierten? Na, in ihrem Leben gab es momentan zumindest auch noch das Thema ‚Wie finde ich endlich einen Mann, der zu mir passt?‘. Aber das würde sie erst später wieder aufs Tapet bringen.
Sie brachen auf und fuhren in die dänische Dämmerung hinein. Es war schon fast dunkel, als sie das Fleckchen erreichten, in dem ihre Ferienhaussiedlung stand. Den Schlüssel sollten sie beim Supermarkt um die Ecke abholen. Der Besitzer würde dann am nächsten Morgen kommen, um ihnen zu erklären wie die Sauna funktionierte. Sie sperrten die weiße, hölzerne Tür auf und ergriffen Besitz von ihrem Domizil für eine Woche. Von einem Windfang und einer Diele mit ein paar knallroten Garderobenhaken und einem Jugendstiltischchen an der Wand kam man direkt in ein weitläufiges Wohnzimmer. Eine riesige anthrazitgraue Sitzgruppe stand um den Ofen herum.
„Das nennt man Wohnlandschaft“, sagte Carolin beeindruckt. „Wisst ihr, dass ich kaum irgendetwas so gerne tue wie eine liebevoll eingerichtete Ferienwohnung zu erkunden? Es ist, als hätte man ein zweites Zuhause.“
„Schreibst du neuerdings auch für Möbelmagazine? Oder für Ferienhauskataloge?“
Carolin blickte zu Inga hinüber, die mit der Zunge zwischen den Zähnen zu ihr herüberblickte.
„Dieses Haus haben wir nur ausgesucht, damit du eine Nachhilfestunde in südskandinavischer Geographie kriegst“, gab sie zurück.
„Touché.“
Inga grinste und nahm den Raum genauer unter die Lupe. In der Ecke gegenüber dem riesigen Sofa stand ein weißer Tisch mit sechs Stühlen drum herum, Jugendstil wie der im Flur. Große Sprossenfenster mit niedrigen Fensterbänken öffneten den Blick in den Garten, der herbstlich kahl war und eine Rasenfläche zeigte, die von hohen Heckenrosen eingerahmt war. Vereinzelte Blüten tupften ein paar Farbflecke in das etwas triste, herbstliche Bild. Neben dem Esstisch war ein breiter Durchgang, dahinter befand sich ein geräumiger Wintergarten. Carolin ging neugierig hin und lugte um die Ecke. Ein rotes Sofa stand an der Wand links neben der Tür, diesmal ein biedermeierliches, bezogen mit einem floralen Webmuster. Davor ein rechteckiger weißer Tisch. Rot und weiß schien das Farbkonzept in diesem Teil des Hauses zu sein. Zwei ausladende Korbsessel standen davor, zwei weitere in den beiden Ecken. Eine gläserne Flügeltür führte in den Garten, der inzwischen im Dunkeln lag. Windlichter mit dicken Kerzen standen auf dem Tisch und den antiken Beistelltischen. Breite Fenster gingen auch hier an den Seiten bis zum Boden. Carolin seufzte und freute sich darauf, hier nachmittags ihren Kaffee zu trinken.
Florence nahm währenddessen die Küche ins Visier. Sie war ebenso großzügig angelegt wie die Sofaecke. Weiß und glänzend mit Arbeitsplatten aus rotem Kunststein. Die technische Ausstattung ließ nichts zu wünschen übrig: Spülmaschine, Waschmaschine, Mikrowelle, ein einzelnstehender knallroter Kühlschrank wie aus einem amerikanischen Spielfilm. Florence kannte die Marke, sie hatten zu Hause den gleichen. Sie öffnete die Schränke, um das Geschirr zu inspizieren. Weiße, schlichte Essteller mit großem Durchmesser. Ein Teeservice von Royal Copenhagen, wie sie erstaunt registrierte. Vermutlich nutzen die Eigentümer das Haus häufiger, die Antiquitäten hier und da deuteten darauf hin, dass sie einen persönlichen Bezug dazu hatten. Links neben der Küchenzeile stand ein alter Geschirrschrank, der abgeschlossen war. Darin befand sich dann vermutlich das Familiensilber, schlussfolgerte Florence. Na, das würde ich auch nicht x-beliebigen Feriengästen anvertrauen. Vorausgesetzt, sie hatte Recht mit ihrer Vermutung. Zwei kleine quadratische Fenster gaben Licht für die Köchinnen. In den Fenstern, auch im Wohnbereich, standen kleine Lämpchen, die bei ihrer Ankunft erleuchtet gewesen waren. Das verlieh dem Haus schon von außen ein anheimelndes Aussehen und verlieh einem das Gefühl, willkommen zu sein.
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