„ Stellt euch mal vor, Anna wird Modedesignerin. Wie habe ich das bloß hingekriegt?“ hatte sie ihre Freundinnen per Rundmail gefragt, als Anna vor Jahren diesen Plan fasste. Jetzt machte sie ein Praktikum bei einer US-amerikanischen Designerin und verbrachte zwei Monate im big apple . Inga hätte sie gerne auch dort besucht, aber „…im November nach New York??? Wenn da die Schneestürme toben und der Strom ausfällt? Keine zehn Pferde. Da fahre ich lieber mit euch nach Dänemark in ein Häuschen mit Sauna. So kriegt man wenigstens ein bisschen Wärme. Wir sollten unser Herbsturlaubskonzept doch nochmal überdenken. Madeira oder die Kanaren fände ich auch nicht schlecht.“
Inga war sonnenhungrig und mochte den norddeutschen Winter nicht.
„Wenn ich demnächst in Rente bin“, das versprach sie ihren Freundinnen in letzter Zeit bei jeder Gelegenheit, „dann verbringe ich die Zeit von November bis März in Mexico. Oder auf den Philippinen. Jedenfalls im Warmen.“ Dabei stieg ihre Stimme an und wurde eindringlich laut. Fehlte nur noch, dass sie bekräftigend „Da könnt ihr einen drauf….trinken!“ gesagt hätte und triumphierend gegrinst.
„Kinners…“
Inga hob ihr Glas: „Auf uns, das Leben und…“
„Die Männer!“
Bernadette sprang in die Lücke.
„Die Männer?“
Inga hob erstaunt eine Braue. „Wieso denn die Männer?“
„Na ja, wenn Jaime nicht so ein toller Mann wäre und eine Woche lang den Haushalt schmeißen würde, dann könnte ich jetzt nicht mit euch zusammen nach Dänemark“, verteidigte sich Bernadette.
„Bei zwei Kindern von fünfzehn und siebzehn, die wohl langsam auf sich selbst aufpassen können“, spottete Inga. Als sie Bernadettes Blick auffing mit einer Mischung aus Protest, Frage und Sehnsucht in einem halben Lächeln, besann sie sich und meinte gnädig:
„Na gut, auf die Männer. Du und Florence, ihr habt ja auch zwei außergewöhnlich nette Vertreter der Gattung abgekriegt. Da liegen wir statistisch über dem Durchschnitt. Ihr beide habt abgesahnt und Carolin und ich gucken in die Röhre.“
„Auf die Röhre“, sagte Carolin trocken.
Die vier Freundinnen ließen ihre unterschiedlichen Gläser aneinander klingen und genossen den ersten Schluck des leckeren Tröpfchens.
„Ich habe allerdings vor, das in nächster Zeit zu ändern“, sagte Carolin unvermittelt.
„Was? Was zu ändern?“ fragte Florence.
„Ich will wieder einen Mann an meiner Seite. Ich back mir einen, dachte ich.“
Carolin grinste.
„Ja, wo soll man sie sonst hernehmen“, nickte Inga. „Zumindest, wenn sie den eigenen Ansprüchen gerecht werden sollen.“
„Wahrlich, wahrlich“, nickt Carolin. „Du hast doch einen Lover nach dem anderen. Wieso ist da nie einer dabei, mit dem es was Dauerhafteres werden könnte?“
Inga seufzte.
„Der letzte ist schon wieder sechs Wochen her. Oder sieben? Spricht auch nicht gerade für ihn, wenn ich mich gar nicht daran erinnern kann…“
Inga kicherte aus der Erinnerung heraus, aber es klang eher resigniert und nicht wirklich fröhlich. Sie schnaubte durch die Nase und wandte sich an Bernadette und Florence.
„Na, ihr zwei mit den Traummännern. Wie habt ihr das eigentlich hingekriegt? Wie läuft´s denn so? Es kann doch nicht immer nur schön sein.“
„Also, bevor wir da tiefer einsteigen, muss ich uns nachschenken.“
Florence schritt zum Kühlschrank und schwenkte elegant die Flasche über die Kelche. Worin besteht eigentlich Eleganz, überlegte Carolin, während sie ihr dabei zusah. Wenn man Florence anschaut, braucht man überhaupt keine Erklärung mehr, sie ist ja sozusagen die Offenbarung des Begriffs, aber was definiert ihn? Geschmeidigkeit, dieses Fließende in ihren Bewegungen, dieses tänzerisch Leichte… Carolin driftete gedanklich weg, bis Inga sie anstieß.
„Hey, worüber sinnierst du? Da kommen wir gleich auch noch drauf, aber erstmal sind die zwei dran.“
Inga wies mit auffordernder Geste auf die Genannten.
„Wir können uns auch langsam setzen. Dieses Thema wird uns vermutlich etwas länger beschäftigen. Ich sorge mal eben für eine kleine Stärkung.“
Sie ging zum Schrank, holte Schüsselchen heraus, verteilte Chips, Erdnüsse und Salzstangen und kam damit zum Tisch zurück. Florence zündete ein paar Kerzen an, die in diversen Leuchtern herumstanden. Bernadette griff diese Anregung auf und entzündete die Windlichter auf der Fensterbank. Eins davon war eine französische Rosenduftkerze, die den Raum sofort aromatisch erfüllte. Jede Freundin platzierte sich auf einen der unterschiedlichen Stühle und Inga und Carolin sahen erwartungsvoll zu den beiden anderen hinüber.
„Was guckt ihr so?“ fragte Florence. „Vielleicht sind wir einfach nicht so wählerisch.“
„Das glaube ich bei dir keine Sekunde“, gab Inga zurück. „Was war es? Was ist es? Was hält dich und Jo zusammen?“
„Die Gewohnheit“, lachte Florence. „Ich lege mir immer Sachen zu, die ein Leben lang halten. Dazu muss die Qualität natürlich erstklassig sein.“
„Aha. Da haben wir´s. Qualität statt Quantität, so wie bei mir.“
Inga schaute düster in ihr leeres Glas, ging zum Kühlschrank und holte die Flasche. Sie schaute in die Runde, schenkte Carolin, Bernadette und sich selbst nach und stellte die geleerte Flasche auf die Anrichte.
„Moment, das müssen wir mal ein bisschen vertiefen“, mischte sich Carolin ein. „Wann wusstest du, dass es Jo ist? Und wieso hält sich das seitdem? Hat es denn nie gekriselt bei euch? Nie die leiseste kleine Affäre oder sowas?“
Florence lächelte breit, beugte ihren eleganten, was sonst, Hals ein wenig vor und ließ sich genüsslich den letzten Schluck aus ihrem Glas im Gaumen munden.
„Ihr wollt also, dass ich mein gesamtes Liebesleben hier vor euch ausbreite, ja?“
Alle drei nickten eifrig und einig. Sie schauten sich in der Runde an und lachten albern.
„Dabei gibt´s gar nicht viel zu berichten.“ Florence hob bedauernd die Hände. „Ich sah ihn und wusste, der ist es. Das war´s.“
Wieder ein breites Grinsen, ein Schulterzucken und Florence schwieg.
„Moment, Moment“, sagte Carolin. „Und er? Wie erlebte er dich denn? War es bei ihm genauso? Wie kamt ihr zusammen? Das hat sie uns noch nie wirklich erzählt, stimmt´s?“
Sie sah Zustimmung heischend in die Runde.
„Nö“, sagten Bernadette und Inga wie aus einem Mund und lachten.
Florence atmete tief durch. Sie versetzte sich gedanklich zurück in die Zeit, als sie Jo kennenlernte, das war jetzt unglaubliche fünfundzwanzig Jahre her. Die anderen drei schwiegen erwartungsvoll und hingen mit großen Augen leicht vorgebeugt an ihren Lippen. Nach einer kleinen Weile wurde ihr bewusst, was für ein komisches Bild sie abgeben mussten und sie kicherte wieder. „Jetzt aber mal Butter bei de Fische“, hätte Inga fast dazwischen trompetet, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. Der Moment hatte einen gewissen Zauber, dem auch sie sich nicht entziehen konnte. Florence schaute ihre drei alten Freundinnen nacheinander in Ruhe an und begann zu erzählen.
„Er hatte sich zuerst verliebt. Wohl schon Monate, bevor ich ihn überhaupt wahrnahm. Der Arme. Ich war damals völlig fasziniert von meinem Studium und ging darin so auf, dass ich in den ersten Monaten gar nichts mitkriegte um mich herum. Ich hatte ja meine Fotolehre hinter mir, die mir technisch und künstlerisch gut gefallen hatte, aber ich war auf der Suche nach einem Thema. Einem Inhalt. Und als ich an der Uni anfing, war ich so begeistert, dass ich immer ganz weg war, geistig. Ihr kennt mich ja, wenn ich so konzentriert und gefangen bin von irgendetwas, dann merke ich gar nichts, was auch immer um mich herum passiert.“
Die anderen nickten. Florence konnte dermaßen abwesend sein, dass man manchmal eingreifen musste, damit sie nicht gänzlich den Anschluss verpasste. Einmal hatte es einen Feueralarm gegeben, als sie im ASTA-Raum eine Aktion der Frauengruppe vorbereiteten. Florence hatte weder die Sirene noch die Durchsage gehört und kriegte auch nicht mit, dass eine Kommilitonin nach der anderen den Raum verließ. Erst, als Bernadette ihr die Hand auf die Schulter legte und berichtete, was passiert war, erwachte sie aus ihren Gedanken.
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