Bernadette nickte überzeugt. „Wir sind vier, genau wie meine Familie zurzeit. Wir haben den ganzen Tag Zeit, wir gehen morgens eine ordentliche Runde spazieren, wir sind an der See, wir werden hungrig sein.“
Bei Haushaltsfragen war Bernadette souverän. Carolin in ihrem Single-Leben frönte dem spontanen Einkauf im Büdchen, aber das konnte sich eine sechsköpfige Familie nicht leisten. Perfekt vorbereitete Einkaufslisten gab es bei Carolin auch nicht, höchstens, wenn sie mal für Freunde aus dem Kochbuch kochte. Ansonsten schmurgelte sie sich irgendetwas zusammen, was sich gerade mehr oder weniger zufällig in ihrem Kühlschrank befand, kulinarisch nicht sehr befriedigend. Und seltsamerweise trug es auch nicht zum Abnehmen bei. Ein bisschen abnehmen wollte Carolin eigentlich dauernd. Seit sie die vierzig überschritten hatte, nahm sie die Kalorien aus der Luft zu sich, so ihr Generalverdacht. Dieser leichte Bauchansatz, den hatte frau früher einfach nicht gehabt. Und jetzt war er höchsten einmal vorübergehend weg, wenn man eine vierzehntägige Magen-Darm-Grippe überlebt hatte. Ein blödes Alter. Und die vier vor dem Komma ging ja noch, aber wie würde es erst sein, wenn sie in zwei Jahren fünfzig wurde? Carolin schauderte unwillkürlich. Diese Veränderung jagte ihr einen Schrecken ein, einen maßlosen Schrecken geradezu. Sie war ansonsten nicht ängstlich, aber diese Jahreszahl empfand sie als magische Grenze, die sie noch von der Gebrechlichkeit trennte. Carolin schaute mit finsterer Miene vor sich hin und beschloss, die Zeit bis dahin umso ausgelassener zu genießen.
„Glaubst du, wir haben genug zu trinken? In Dänemark ist Alkohol immer noch sehr teuer, vermute ich.“
„Ach deshalb guckst du so ängstlich. Ich dachte schon, es wäre was Ernstes“, lachte Bernadette. Wenn du wüsstest, dachte Carolin.
„Lass´ uns doch die Vorräte noch ein bisschen ergänzen. Macht ja nix, wenn wir was wieder mitbringen, oder?“
Also trödelten sie noch ein wenig vor dem Weinregal herum, pickten den einen oder anderen guten Tropfen heraus und erfreuten sich an ihrer reichen Auswahl.
„Lukullisch kann das nicht schiefgehen“, sagte Bernadette. „Inga und Florence werden mit uns zufrieden sein.“
„Hmmm“, nickte Carolin und war froh, dass ihr Ablenkungsmanöver gelungen war.
„Wir haben allerdings nicht bedacht, dass zu diesem Mammuteinkauf noch zwei Koffer dazu kommen werden“, stöhnte Bernadette, als sie ihre umfangreichen Besorgungen im Kofferraum ihres alten Passats verstaut hatten. „Florence und Inga kriegen Gepäckverbot.“
Carolin lenkte das lange Fahrzeug vorsichtig aus der Parklücke und steuerte die Autobahn Richtung Norden an.
„Schade, dass man beim Autofahren nicht schon Sekt trinken kann. Das ist ein eindeutiger Vorteil des Bahnfahrens.“
„Muss ich mir Sorgen machen? Hast du dich dem Alkoholismus ergeben?“
„Nee, nicht wirklich. Mich hat bloß die Panik vor dem Alter ergriffen. Mit dem Gedanken ans Feiern lenke ich mich ab“, gestand Carolin dann doch.
„Wirst du auch demnächst fünfzig?“ fragte Bernadette mit leicht ansteigender Stimme.
„Jaaa“, gab Carolin entnervt zurück. „Ich würd´s ja gerne vermeiden, aber das hätte dann wirklich ernsthafte Konsequenzen.“
„Aber warum macht es dir denn Angst? Es ändert sich doch gar nichts.“
Alter war etwas, das Bernadette nicht fürchtete, erstaunlicherweise.
„Doch“, sagte Carolin störrisch. „Es ändert sich alles. Mit fünfzig kann man beim besten Willen nicht mehr behaupten, jung zu sein.“
„Wieso denn das nicht? Auf so eine Feststellung gab meine 87jährige Tante mal empört zurück: Jung ist man immer! Das ist doch keine Frage der Zahl.“
„Doch“, beharrte Carolin mit düsterer Miene. „Mit fünfzig kriegt man Zipperlein und die gehen nie wieder weg. Im Gegenteil, sie werden schlimmer und schlimmer, jedes einzelne ein vorzeitiger Nagel zu unserem Sarg.“
„Aha“, sagte Bernadette nüchtern. „Welche Zipperlein hast du denn vor dir zuzulegen? Bisher wirkst du auf mich noch ziemlich elastisch.“
„Das täuscht. Unter der jetzt noch erstaunlich glatten Oberfläche lauern die Abgründe, plötzlich kriegst du Runzeln, Rücken, Rheumatismus…. Gedächtnisschwund, Nervenschäden, Haarausfall…“
Carolin seufzte so tief, dass die Abgründe, von denen sie gerade gesprochen hatte, plötzlich akustisch im Raum standen.
„Davon würdest du dir doch nichts freiwillig aussuchen, oder? Aber du wirst gar nicht gefragt. Das Alter kommt einfach bei dir vorbei, völlig ungebeten und schleicht sich in dein Leben. Es nagt an dir, bis du ganz mürbe bist und mit gebeugtem Rücken am Stock durch die Gegend stocherst. Es frisst sich in deine Existenz, es beißt sich fest in deinen Knochen und deinen Innereien…. Und da bleibt es dann und du entkommst ihm nie mehr.“
Carolins Stimme hatte einen tiefen, rauen Klang angenommen, als würde sie ihren Nichten und Neffen eine Gruselgeschichte erzählen. Sie erzählte ja auch eine, für sich selbst. Und sie erzählte sie ihrer Freundin in der Hoffnung, dass diese ihr die Ängste nehmen könne.
„Ach, das wird alles viel harmloser, als du jetzt denkst“, sagte Bernadette leichthin. „Du wachst eines Morgens auf, bist fünfzig und merkst, dass überhaupt nichts anders ist als sonst.“
„Hast du nie ein Alter gehabt, das dich in Panik versetzt hat? Nicht einmal, als du dreißig wurdest?“
Carolins Stimme hatte eine eindringliche Trompetenlautstärke.
„Nö. Dreißig fand ich gut, endlich wurde man wirklich ernst genommen. Man war angekommen im Reich der Erwachsenen. Man hatte eine Stimme, man verfügte über Erfahrung. Das fand ich super. Und mit fünfzig bist du doch noch nicht klapprig. Überleg mal, wie dieses Alter für unsere Eltern aussieht, die wirklich alt sind. Mit achtzig betrachtet, ist fünfzig ein Witz.“
„Ja, aber mit achtundvierzig betrachtet ist es der reine Horror.“
Carolins Stimme senkte sich zu einem Flüstern.
„Es mag ja sein, dass es tausend rationale Argumente gibt, die einem das Gegenteil einreden wollen. Aber ich finde es furchtbar. Grauenerregend. Unheimlich. Unkontrollierbar. Man wird älter und älter und hat das überhaupt nicht in der Hand.“
Ihre Flüsterstimme endete im tiefsten Bass. Carolin war aus dem Gleichgewicht. Das passierte ihr selten. Und auch Bernadette war das nicht von ihr gewohnt.
„Wenn du´s nicht wärst, würde ich jetzt sagen, findest du nicht, dass du dich ein bisschen anstellst? Da passiert nichts, rein gar nichts. Du bist einfach einen Tag älter, nicht gleich ein ganzes Jahrzehnt. So kenne ich dich überhaupt nicht. Dich bringt doch sonst eigentlich nichts aus dem Gleis. Du wirkst immer auf mich wie eine Valium, total beruhigend.“
„Danke“, sagte Carolin trocken. „Valium, das hört man gern. Wenn ich mit dir zusammen bin, schlafe ich immer sofort ein…“
Bernadette lachte.
„Ich meine nur, dass du so beruhigend auf mich wirkst. In deiner Gegenwart komme ich runter, das kann ich nicht von vielen Menschen sagen. Die meisten regen mich meistens auf, meine Kinder inbegriffen.“
Carolin schwieg erstaunt. Als beruhigend hatte sie sich noch nie empfunden. Es gab Tage, da fühlte sie sich so zerrissen zwischen mehreren Handlungsoptionen, dass sie kaum wusste, was sie wirklich wollte. Dann verbrachte sie gefühlte Stunden damit, die verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen und sich für eine zu entscheiden, die sie meistens im Moment der Realisierung schon wieder als unbefriedigend empfand. In solchen Augenblicken wäre sie so gern aus ihrer Haut geschlüpft, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte, auf andere eine ganz andere Wirkung zu haben. Allerdings hatte sie diese Probleme auch selten in Gesellschaft, sondern in der Regel, wenn sie allein war. Vielleicht hingen sie damit zusammen, dass sie nicht gern allein war. Sie hatte dann schnell das Gefühl, der Himmel könnte ihr auf den Kopf fallen, das Obelix-Syndrom, wie sie es ganz für sich allein nannte.
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