Sie schwiegen beide eine Weile, jede in ihre Gedanken versunken. Das Münsterland glitt langsam an ihnen vorbei, an diesem trüben Novembertag auch nicht idyllischer, als das Ruhrgebiet vorher. Caroline überlegte, wo sie sich eine Kaffeepause gönnen könnten, vielleicht an dieser Raststätte, die quer über die Autobahn gebaut war.
Bernadette ging in Gedanken zurück zu ihrer Familie und ihrer Besorgnis, ob sie tatsächlich für die Zeit ihrer Abwesenheit alle gut versorgt sein würden. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht schnell ihr Handy hervor zu kramen und anzurufen. So eine Gluckenmutter wollte sie überhaupt nicht sein, aber sie erwischte sich immer häufiger bei solchen Anwandlungen. Je mehr Kinder aus dem Haus gingen, umso mehr fragte sie sich, ob sie genügend für sie da gewesen war und ihnen wirklich alles mit auf den Weg gegeben hatte, was sie brauchten, um sich glücklich und erfolgreich durchs Leben zu schlagen. Plötzlich schmetterte Carolin neben ihr fröhlich:
„Wir wollten mal auf Großfahrt gehen bis an das End´ der Welt, das fanden wir romantisch schön mit Kochgeschirr und Zelt…“
Bernadette schaute zu ihrer alten Freundin herüber, deren blond gewellte Haare ihr über die Wange fielen, die frisch und rosig aussah von der Seite und eine ansteckend gute Laune verströmte. Sie beschloss, mit ihren Grübeleien aufzuhören und die Reise in den Norden zu genießen. Die Kinder hatten schließlich auch noch einen Vater und der hätte sich sowieso nur vielsagend an die Stirn getippt, wenn er sie bei ihrem Sinnieren ertappt hätte. Sie wühlte im Handschuhfach herum, bis sie eine dieser uralten Mundorgeln gefunden hatte, die ihre Mutter ihr einmal geschenkt hatte, als die Kinder klein waren, „…für die langen Autofahrten“, und da traten ihr vor Rührung bei diesem Rückblick die Tränen in die Augen. Dieser Abschied von ihrer Kindheit, der mit dem drohenden Abschied von ihrer Mutter einherging, machte sie weich wie Butter und bewegte sie so, dass ihr dauernd zum Heulen war. Nach einem stärkenden Kaffee und einem überteuerten, aber immerhin leckeren Streuselkuchen im Café der Raststätte übernahm sie das Steuer und lenkte das Auto eineinhalb Stunden später in eine enge Parklücke vor Ingas Altbauwohnung in Eimsbüttel. Carolin sprang aus dem Auto, reckte sich und lief zur Tür. Inga hatte sie schon von oben erspäht und öffnete, bevor sie klingeln konnte.
„ Muchachas ----“
Inga breitete die Arme aus. Hinter ihr kam Florence mit ihrem eleganten Giraffengang die Treppe herunter und drückte ihre Freundinnen an sich. Sie sahen sich so selten alle vier. Das musste mit einem angemessenen Begrüßungsritual gewürdigt werden.
„Kommt, meine Lieben, der Sekt steht kalt.“
Inga scheuchte alle ins Haus und die Treppe hoch.
„Warum packt man für eine Nacht nicht einen extra Beutel“, stöhnte Carolin und mühte sich mit ihrem Koffer die lange Altbautreppe hoch. „Zu blöd, zu unorganisiert, zu stoffelig…“
Ingas Wohnung lag im zweiten Stock - „…ein Glück, dass du nicht unterm Dach wohnst“, bemerkte Carolin anerkennend - und stand einladend offen. Die Wohnungstür gegenüber ebenfalls und eine lila gefärbte, vollbusige Mittsechzigerin staubte das Türschild ab.
„Guten Abend, Frau Trauerfein“, rief Inga in voller Lautstärke. „Mehr Besuch kriege ich heute nicht.“
Sie grinste Bernadette und Carolin zu, schob sie in den Flur und schloss die Tür.
„Die Alte ist die neugierigste Schrappnelle, die ich kenne. Ich wette, dass sie nachher noch klingelt, weil sie einen Kuchen backen will und vergessen hat, Eier zu kaufen. Das sagt sie dann natürlich nur so.“
„Vielleicht ist sie einfach nur einsam“, schlug Bernadette milde vor.
„Die ist so neugierig, dass es schon unter Nötigung fällt, wenn du mich fragst“, konstatierte Inga sarkastisch. „Sie will immer wissen, ob ein Mann bei mir zu Besuch ist. Wenn allerdings tatsächlich mal einer da ist, mache ich ihr nicht auf.“
Inga grinste wieder und ging ihren Freundinnen voraus in die Küche.
„Lasst euer Gepäck erstmal im Flur stehen, da stört es keinen. Nachher machen wir im Wohnzimmer die Betten, aber jetzt brauchen wir es da noch nicht.“
Sie steuerte zielstrebig den Kühlschrank an und nahm eine dunkelgrüne Flasche aus dem Eisfach. Das Etikett schwenkte sie einmal unter Bernadettes Nase herum.
„Blanquette de Limoux“, rief diese in einem Ton, der einem Kreischen so ähnlich war, wie es Bernadette bei ihrer zurückhaltenden Natur überhaupt möglich war.
„Hmm“, nickte Inga triumphierend. „Blanquette. Habe ich in einem neuen Weinladen hier um die Ecke entdeckt und bin sofort Stammkundin geworden.“
„Blanquette haben wir immer bei unseren Urlauben in Südfrankreich getrunken, als die Kinder noch klein waren. Wir sind ein paar Jahre zusammen in eine alte Mühle gefahren, das war unglaublich schön.“
Bernadette lächelte nach ihrer Erläuterung selig vor sich hin und verlor sich in Erinnerungen an heiße Sommer und Südwestfrankreich, sie und Jaime und nach und nach immer mehr Kinder und Inga mit zweien, anfangs mit ihrem damaligen Lover und später ohne. Sie schüttelte den Kopf, als sie auf den naheliegenden Gedanken kam, wie lange das doch her war, wie die Zeit verflogen war und dass ihre ältesten Kinder das heimatliche Nest inzwischen verlassen hatten.
„Das ist inzwischen fünfundzwanzig Jahre her…unglaublich“, musste sie dann doch mit den anderen teilen.
„Ja, früher wollte man immer zwanzig werden, jetzt ist das ein Zeitraum, der quasi die jüngsten Erinnerungen umfasst“, sagte Inga mit gespielt brüchiger Stimme. Sie pulte am Korken herum und zog die Folie vom Flaschenhals.
„Florence, kannste mal die Gläser…“
Florence kniete schon vor dem antiken Küchenschrank und suchte darin herum. Mit missbilligendem Blick stellte sie das Sammelsurium, das sie schließlich gefunden hatte, auf den runden Tisch.
„Inga Herzchen, wenn ich von diesem Notstand gewusst hätte, dann hätte ich dir eine Kiste Sektgläser als Gastgeschenk mitgebracht.“
Inga durchbohrte ihre anspruchsvolle Freundin mit einem verächtlichen Blick.
„An jedem Glas hängt eine spezielle Erinnerung. Ich habe keine stilvolle Küche, sondern eine lebensvolle.“
„Soso“, sagte Florence nüchtern. Sie kannte die spezielle Ästhetik ihrer Freundin ja schon lange genug, um sie mit Humor zu nehmen. Inga als Berufsschullehrerin fehlte es nicht an den Mitteln, feines Geschirr zu kaufen, aber schlicht am Sinn dafür. Sie besaß zusammen gesammelte Kaffeebecher, Suppenschüsseln, Wassergläser, von Weingläsern ganz zu schweigen. Auch ihre Kücheneinrichtung war zusammengestückelt, der alte Schrank an der Wand wurde ergänzt von einem ebenso alten Modell gegenüber, beides schöne Weichholzstücke aus dem vorvorigen Jahrhundert. Selbst die Stühle rund um ihren runden Küchentisch waren alle verschieden und vermutlich vom Sperrmüll und einheitliches Besteck besaß sie schon mal gar nicht. Ingas Wohnung war ausgestattet mit Kissen, Stoffen, Wandbehängen und Artefakten, die sie von ihren vielen Reisen rund um den Globus mitgebracht hatte, als begeisterte Geografin, bevor die Kinder kamen und nachdem sie erwachsen geworden waren. Oder zumindest alt genug, um auszuziehen. Sie hatte dann die Kinder in ihren Projekten besucht, denn beide hatten einen Freiwilligendienst gemacht, Mattis war in Nicaragua gewesen und Anna in Brasilien.
„Hätte nicht ein Kind nach Asien oder Afrika gehen können? Das wäre doch wohl nicht zu viel verlangt gewesen?“ polterte Inga mit ihrem typischen Sarkasmus. „Man bringt ihnen aufopferungsvoll andere Weltgegenden nahe und dann suchen sie sich Länder aus, die ich alle schon aus meiner eigenen Jugend kannte.“
Inga lachte mit ihrer rauen Stimme ein erinnerungsträchtiges Lachen. Sie hatte ein enges Verhältnis zu ihren Kindern, von denen eins in Hamburg lebte und eins in New York.
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