„Und wie ist er dann zu der Ehre deiner Aufmerksamkeit gekommen?“ erkundigte sich Carolin.
„Er sagte etwas Intelligentes im Seminar. Ganz einfach. Also, er sagte es ganz einfach. Vollkommen uneitel. Wir hatten eine dieser Diskussionen, in der alle meinten sich profilieren zu müssen, besonders die männlichen Studierenden. Den meisten merkte man damals schon an, in was für Jobs sie hinterher ihre endlosen Beiträge abzulassen gedachten. Und dann sagte Jo am Schluss etwas, was die ganze Debatte vorher über den Haufen warf. Und er sagte es präzise und pointiert. Aber diese kurze Bemerkung hatte mehr Wissen im Hintergrund, als alle anderen schwafeligen Kommentare vorher. Und da sah ich ihn zum ersten Mal wirklich an.“
„Und er?“ Bernadette fragte es geradezu atemlos.
„Er sah mich an“, antwortete Florence schlicht. „Wir sahen uns an und nahmen uns gegenseitig wahr, sozusagen. Und lächelten uns irgendwann an wie zwei Komplizen der Gelehrsamkeit in einem Heer von tumben Trotteln.“
„Arrogant wart ihr also gar nicht“, stichelte Inga.
„Doch, unendlich“, gab Florence offen zu. „Wir fühlten uns wie die Eingeweihten eines geheimen Ordens und der Prof war mit von der Partie. Er hatte alles mitgeschnitten, er war später unser Trauzeuge.“
„Und was machte es aus? Ich meine, diese plötzliche Anziehung?“ begehrte Carolin zu wissen.
„Das lässt sich schwer beschreiben. Es war überwältigend, im wahrsten Sinne des Wortes. Körperlich überwältigend. Wir wurden so zueinander hingezogen, dass unsere Finger ständig die Berührung miteinander suchten, völlig unkontrolliert, wir wollten uns dauernd anfassen. Es war so stark, dass wir uns irgendwann richtig zusammenreißen mussten. Die anderen im Seminar wollten ja nicht dauernd ein Pärchen neben sich haben, das sich gegenseitig tätschelte und mit den Blicken auffraß.“
„Und wie lange hielt das an?“
Inga sah Florence durchdringend an.
„Du willst es aber auch ganz genau wissen, hm?“
Florence lächelte und hob die Hände in einer Geste, die so etwas sagte wie: Kann ich doch auch nichts dafür.
„Es hält immer noch an. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir uns nicht dauernd sehen. Also nicht ständig zusammen sind. Ich bin viel unterwegs, Jo auch öfters. Wir haben eigentlich ständig ganz viel Sehnsucht nacheinander.“
„Habt ihr ein Glück“, seufzte Carolin halb neidisch, halb gönnerhaft.
„Moment, Moment“, rief Inga dazwischen. „Ich kann´s gar nicht glauben. So viel Harmonie auf einmal gibt es doch überhaupt nicht. Ihr müsst euch doch über irgendwas streiten oder aneinander reiben. Irgendwas muss euch doch auch aneinander nerven.“
„Wenn wir zusammen tanzen, dann streiten wir wie die Kesselflicker“, lachte Florence.
„Das hätte ich jetzt gerade nicht gedacht“, sagte Bernadette erschüttert. „Ich meine, wo du so eine gute Tänzerin bist und Jo auch so schlank und sportlich… Ihr seht doch umwerfend zusammen aus.“
„Ja, aber das ist es ja gerade. Wir erwarten voneinander die absolute Perfektion, und dann meckern wir hemmungslos aneinander herum. Da ist es wirklich besser, wir tanzen mit anderen, da hält man sich viel mehr zurück.“
„Und…“ Carolin zögerte und suchte nach Worten. „Und geistig? Ich meine, dass ihr körperlich so voneinander angezogen wurdet, heißt ja nicht automatisch, dass ihr euch auch ansonsten viel zu sagen haben müsst…“
Carolin merkte selbst, dass sie nicht wirklich überzeugend klang.
„Also, mit der geistigen Anziehung hatte es ja angefangen. Und das ist auch bis heute so geblieben.“
Florence lehnte sich zurück und überließ sich der Erinnerung.
„Ich glaube, wir hatten einfach das Glück, auf jemanden zu treffen, der genau unseren jeweiligen Vorstellungen entsprach. Beidseitig. Das ist einfach Glück, da kann man nichts machen.“
„Da kann man nichts machen“, wiederholte Carolin mit dunkler Stimme. Und gleich nochmal: „Da kann man nichts machen. Sehr ermutigend. Besonders für jemand wie mich, die ich gerade anfangen will mit der Suche…“
„Was soll ich sagen?“ fragte Florence betont unschuldig. „Habt ihr nicht damit angefangen?“
„Also, ich glaub´s ja immer noch nicht.“ Inga war hartnäckig. „Das kann doch gar nicht sein, keine Krise über die lange Zeit, kein Seitensprung, kein gar nichts…“
Florence hob wieder die Hände, das machte sie gern.
„Inschallah… Wir sind beide genügsam in der Hinsicht, glaube ich. Und wir fangen nicht gerne was Neues an. Wir sind aufeinander eingespielt. Wir genießen unsere Gewohnheiten. Wenn wir mal Alltag zusammen haben, dann kosten wir das richtig aus. Diese Rituale wie nachmittags zusammen Tee zu trinken und zu fragen: Wie war dein Tag?“
Florence fragte letzteres mit übertriebener Stimmlage, um die Idylle, die sie beschrieb, ein bisschen zu karikieren.
„Aber so ist es“, griff sie den Faden noch einmal auf, jetzt in einem fast rechtfertigenden Tonfall. „Wir haben das ja nicht so oft, wie gesagt.“
„Und ist dir nie jemand über den Weg gelaufen, den du auch anziehend fandst? Oder Jo, falls er dir das überhaupt auf die Nase gebunden hat?“
Mangel an Beharrlichkeit konnte man Inga nicht vorwerfen.
„Also, ehrlich gesagt – nee. Ich meine, es gibt schon Männer, die ich so oberflächlich gesehen attraktiv finde. Klar. Aber diese Tiefe meiner Gefühle für Jo… die ist einfach, … wie soll ich das beschreiben? Die reißt mich immer noch hin und weg. Da kann ich überhaupt nichts gegen machen. Manchmal, wenn er wiederkommt oder ich und wir gehen erstmal zusammen essen und sehen uns dann an, dann …. Dann müssen wir ganz schnell nach Hause fahren. Ihr wolltet´s ja wissen.“
Florence grinste in die Runde und wollte das Gespräch mit ihrem charakteristischen Schulterzucken beenden.
„Ja und woher weißt du, ob Jo dir immer treu ist? Er kann doch unterwegs mal von jemand anderer überwältigt werden?“
Inga blieb beharrlich.
„Das weiß ich natürlich nicht“, sagte Florence nüchtern. „Und Jo auch nicht. Wir haben uns irgendwann mal gesagt, dass es solche Situationen geben kann. Wenn man unterwegs ist und sich irgendwie allein fühlt und Rotwein getrunken hat und dann mit jemand anderem ins Bett geht – das kann passieren. Aber das muss man dann nicht an die große Glocke hängen.“
„Und meinst du, das ist ihm schon mal passiert?“
Das war wieder Inga, natürlich.
„ Who knows ? Ich glaube nicht, aber was würde das wirklich ausmachen? Solange er bei mir ist, wenn er bei mir ist? Ich meine, wir haben doch nur unsere offenen Hände…“ Florence schaute nachdenklich in dieselben. „Du kannst doch den anderen nicht festbinden. Du kannst nur vertrauen, dass dieser freie Vogel zu dir zurückkommt. Vielleicht weil er sich einfach genauso wohl fühlt mit dir wie du dich mit ihm.“
Florence schwieg. Sie hatte ihr Inneres jetzt lange genug ausgebreitet, fand sie. Die anderen schweigen auch, ein bisschen ergriffen ob der Intimität, die sie gerade miteinander geteilt hatten.
Inga raffte sich als erste wieder auf.
„Lasst uns mal was kochen, sonst wird´s ja Mitternacht, bevor wir was Richtiges in den Magen kriegen. Wir wollen ja morgen irgendwann los und vor Einbruch der Dunkelheit in Dänemark ankommen.“
„Wo liegt das Haus eigentlich genau?“ erkundigte sich Bernadette.
„Zwischen Arhus und Aalborg, an der Ostseeküste“, sagte Carolin. „Es ist nur hundert Meter vom Meer entfernt und hat einen Kaminofen im Wohnzimmer. Und eine Sauna.“
„Im Wohnzimmer?“ fragte Inga und duckte sich weg, als Carolin mit ihrem Halstuch nach ihr langte. Dann fuhr sie fort: „Na, das hätte ich auch nicht anders erwartet. Und am besten noch einen Indoor-Pool und einen Butler, der uns jeden Morgen den Kaffee ans Bett bringt.“
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