Ich lag im Bett und natürlich ging mir die Geschichte von Nina noch einmal durch den Kopf.
Nina war seit ihrem vierzehnten Lebensjahr immer wieder mit Drogen in Berührung gekommen. Zuerst war es Cannabis, dann kamen Unmengen chemischer Aufputschmittel dazu, später LSD. Und mit der Babystrich-Prostitution war Heroin ins Spiel gekommen. Jetzt musste Nina gewiss schon zwanzig sein – wenn sie denn noch am Leben war. Die Unterlagen, die meine frühere langjährige Berliner Freundin Doro mit Lutz für mich auf den Weg gebracht hatte, enthielten die Protokolle aus der Bahnhof-Zoo-Zeit. Damals, Anfang der Achtziger, war Doro in ihrem Sozialpraktikum mit Nina in Kontakt gekommen.
Am nächsten Vormittag, als Lutz noch schlief, blätterte ich in den Skripten herum und mein Auge fiel auf den Namen »Narconon« und auf das Jahr 1982 . Meiner Erinnerung nach war Narconon damals ein von einer radikal-autokratischen Sekte gesteuertes Therapiehaus gewesen, mit Hang zur autoritären Unterdrückung der individuellen Persönlichkeit und mit leidenschaftlichem Hang zum Führerprinzip. Ihr Führer, der US-amerikanische Science-Fiktion- und Pulp-Magazin-Autor L. Ron Hubbard, wurde dort wie ein Halbgott gehandelt. Er hatte die Sekte aus Interesse für Okkultismus und Magie gegründet. Träger der Westberliner suchttherapeutischen Einrichtung war sein Verein, die Scientology Church.
Nina hatte Doro damals von ihrem Kampf um einen therapeutischen Drogenplatz berichtet. Es war das Gespräch mit einer Drogenberaterin, die Nina wohlgesonnen war.
Ich las: „Die Drogenberaterin sagte, es gäbe in ganz Berlin keine freien Therapieplätze. Erst atmete ich auf, weil ich eigentlich einen ziemlichen Bammel vor diesen Therapien hatte. Sie waren unheimlich hart, erzählte man auf der Szene. Die ersten Monate sollten schlimmer als im Gefängnis sein. Bei einigen musste man sich sogar eine Glatze schneiden lassen. Wahrscheinlich sollte man auf diese Weise den ernsthaften Willen zum Neubeginn beweisen.
Ich war mir sicher, dass ich das nicht bringen könnte, wenn ich wie Kojak rumlaufen musste. Meine langen Haare waren mir heilig; dahinter konnte ich mein Gesicht verstecken. Haare abschneiden oder mir die Pulsadern aufschneiden, das war für mich dasselbe. Die Drogenberaterin riet mir von Narconon ab, als ich ihr erzählte, dass einige Fixer schon bei Narconon waren und meinten, der Laden sei voll in Ordnung. Sobald man eine Vorauszahlung geleistet hatte, wurde man bedingungslos aufgenommen, so wie man war, in all den Fixerklamotten und sogar mit eigenen Psychedelic-Rock-Schallplatten.“
In Doros Aufzeichnungen fand sich der Hinweis, dass die Drogenberaterin genau aus diesem Grund zu Nina gesagt hatte: „Denk mal gründlich darüber nach, warum so viele Fixer dieses Zentrum dufte finden! Ich kenne nämlich niemanden, der dort erfolgreich therapiert worden wäre.“
„Was soll ich denn tun, wenn ich sonst nirgendwo aufgenommen werde?“, hatte Nina weinend gefragt. Da erhielt sie die Adresse von Narconon.
„Ich werde jetzt absolut clean, Mama!“, sagte Nina zu Hause. „Ich gehe für einige Monate oder vielleicht auch für ein ganzes Jahr zu Narconon.“
Ihre Mutter glaubte ihr nach den vielen erfolglosen Entzugsversuchen kein Wort, erkundigte sich aber ausführlich über diesen Verein. Nina war voll auf den Therapietrip abgefahren und in Hochstimmung. Diesmal würde es klappen. Sie hatte keinen Freier mehr gemacht und war im Moment ohne Heroin. Sie wollte entziehen, bevor sie zu Narconon ging.
„Ich wollte dort nicht erst ins Turkey-Zimmer, wo man mit dem Entzug tagelang kämpft. Ich wollte einen Vorsprung vor den anderen Neuen haben, um zu beweisen, dass ich den echten Willen hatte, clean zu werden.“
Am nächsten Morgen schlug der Entzug voll zu. Es war so schlimm wie bei den vielen anderen Entzugsversuchen, vielleicht sogar noch krasser, wie Nina Doro berichtet hatte. Aber sie dachte trotzdem, dass sie es schaffen würde.
„Wenn ich meinte, die Schmerzen würden mich umbringen, hielt ich dagegen: Nein, es ist das Gift, das meinen Körper endlich verlässt. Du wirst besser leben als vorher, und nie wieder wird irgendein Gift in deinen Körper gelangen!“
Am dritten Entzugstag war Nina nur am Träumen. Sie träumte wunderschöne Dinge, träumte von einem besseren Leben, von einer eigenen Wohnung, in der das Wichtigste das Schlafzimmer war. Überall standen Zimmerpalmen, und hinter ihrem Bett war eine Bildtapete, die eine Wüsten-Oase mit riesigen Sanddünen in Abendstimmung zeigte. Kamele waren zu sehen und Beduinen, die mit ihren weißen Kopftüchern total relaxed im Kreis saßen, Shisha rauchten und Tee tranken.
Auf einer Seite des Schlafzimmers hatte sie unter dem Fenster der Dachschräge eine gemütliche Sitzecke eingerichtet, wie man sie aus Indien oder aus Tausend-und-einer-Nacht kannte. Eine Menge buntbestickter Kissen lag um einen niedrigen runden Tisch herum. Da sah sich Nina im Traum abends mit ihrem Freund Helle sitzen; es herrschte eine entspannende Ruhe, und sie waren zufrieden, weil es weder Hektik noch Probleme gab.
„Am darauffolgenden Tag ging es mir schon so gut, dass ich mein Zimmer verlassen konnte. Da fand ich noch zwanzig Mark in meiner Jeansjacke, die mich irgendwie in Gedanken gefangen nahmen. Es war ja genau die Hälfte von dem, was man für einen Schuss H benötigte. Und plötzlich überkam mich der Gedanke, dass es doch eine Art Abschiedsgeschenk sei, wenn ich mir einen letzten Druck besorgen könne, bevor ich morgen zu Narconon gehe.“
Nina wollte noch einmal einen Bummel rund um die Gedächtniskirche und ums KaDeWe machen, in der Nähe ihres alten Bahnhof-Zoo-Terrains. Bei Narconon gab es keinen Freigang und wenn, dann nur in Begleitung. Jetzt nur noch einmal einen schönen Bummel unter H genießen, nur noch einen einzigen Schuss, dachte sie. Doch wie konnte sie die restlichen zwanzig Mark auftreiben? Einen Freier im Bahnhof aufreißen? Da konnte sie ihrem Freund Helle begegnen, der ihr die Hölle heiß machen würde, nachdem sie nun so viele Tage den Entzug durchgehalten hatte.
Als sie in der U-Bahn saß, musste sie an den Autostrich denken. Es sollte doch ein Leichtes sein, wenn sie emotional abschaltete. Aber sie musste sicher sein, dass sie an keinen Zuhälter geriet, denn die tarnten sich oft als Freier. War man bei ihnen erst einmal ins Auto gestiegen, war man verloren. Ninas Freundin Claire, die früher auf den Babystrich gegangen war, hatte ihr erzählt, dass sie mal für vier Tage von so einem Typen gefangen gehalten und gefoltert worden war.
Die Zuhälter wollten ihr Terrain frei von Fixerinnen halten, weil sie die Preise für den Profi-Strich verdarben. Die Profi-Nutten waren genauso rabiat wie ihre Zuhälter und zerkratzten einer Fixerin schon mal so das Gesicht, dass es wochenlang wie Hackfleisch aussah. Nina stieg am U-Bahnhof Kurfürstenstraße aus und dachte an die Ratschläge ihrer Leidensgefährtinnen Claire und Tina: Keine jungen Sportwagentypen, keine Ami-Schlitten und Typen, die schon auf hundert Metern wie Zuhälter aussahen.
„Ich achtete also auf Kindersitze hinten im Auto und auf ältere Männer mit Bauch und konservativer Kleidung. Denn die wollten gewiss nur mal eine Abwechslung von ihrer kinderüberforderten und asexuellen Mutti und hatten mehr Angst als wir Mädchen. Schon nach kurzer Zeit hielt ein beiger Ford, allerdings ohne Kindersitz, dafür ein netter, etwas fülliger Typ, der mir ehrlich erschien. Ich wollte es schnell hinter mich bringen, und er war auch sehr unkompliziert. Er wollte mich unbedingt wiedersehen, aber nun fahre er erst mal mit seiner Frau und den drei Kindern nach Österreich in den Urlaub.“
„Hast du dir dann gleich Stoff besorgt?“, hatte Doro in ihrem Interview-Protokoll gefragt.
„Ich ließ mir Zeit. Ich stand ja körperlich nicht mehr unter Druck. Ich fuhr in aller Ruhe mit der nächsten U-Bahn zur Technischen Uni, wo ich sicher war, einen der Stammdealer anzutreffen. Ich bin ein bisschen rumgeflippt, habe mit ein paar Szene-Typen gequatscht und bin mit einem Hund von einem aus der Szene eine halbe Stunde Gassi gegangen. Tiere sind immer noch die besseren Menschen, dachte ich; sie sind in ihren Gefühlen ehrlich und verstellen sich nicht; sie geben die Liebe, die man ihnen gibt, hundert pro zurück.“
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