„Bist du sicher?“, fragte er und musste sich räuspern, weil der Kloß, den er im Hals verspürte, anzuwachsen schien.
Dann hörte er noch eine Weile zu und nickte langsam mit dem Kopf, dessen Kinnspitze sich langsam in Richtung seiner Brust bewegte.
„Einmal musste es ja so kommen“, hauchte er in die Muschel. „Er will nach so vielen Jahren noch seine Rache haben.“
Offensichtlich wurde er durch die Stimme seines Sohnes unterbrochen, denn er lauschte wiederum zu, was dieser ihm zu sagen hatte. Dann nickte er und atmete tief durch.
„Vielleicht hast du Recht. Wenn wir weiter schweigen, kann uns nichts geschehen. Wir werden uns nicht von diesem … von ihm beherrschen lassen.“
Lehnau hörte ein Geräusch hinter sich und fuhr herum. Anna stand vor ihm und machte ein besorgtes Gesicht. „Gibt es Probleme?“, fragte sie freundlich und Lehnau fragte sich, ob sie etwas von dem, was er sagte, verstanden hatte. Er wischte den Gedanken jedoch schnell beiseite, wusste er doch, wie es um das Hörvermögen seiner Frau stand.
„Klaus hat angerufen“, begann er die Lüge mit einer wahren Behauptung. „Ich soll dich grüßen. Vielleicht kommt er nach der Arbeit noch auf ein Bier zu uns.“
„Das wäre schön.“
Anna lächelte und die Freude über den Besuch ihres Sohnes war ihr anzusehen. Allzu selten ließ er sich bei den Eltern blicken, obwohl er mit seiner Familie im selben Dorf wohnte. So dachte Anna, die ihn am liebsten jeden Tag um sich gehabt hätte. Wenn er einmal die Woche zu ihr kam, alleine oder mit seiner Frau Ilse, hielt sie das eben für eine Seltenheit. Hätte Klaus doch nur Kinder, sagte sie sich insgeheim, dann würden sich diese wenigstens ab und zu bei ihren Großeltern blicken lassen, auch wenn sie dann bereits im Erwachsenenalter sein würden. Aber das war leider nicht der Fall. Die Ehe war bislang kinderlos geblieben und wahrscheinlich würde es auch so bleiben. Die Jahre waren eben nicht stehengeblieben.
„Hat er von der Arbeit aus angerufen?“, fragte Anna beiläufig, während sie das Geschirr in die Spüle stellte und heißes Wasser einlaufen ließ und ohne eine Antwort abzuwarten: „Er wird sich noch den Tod holen, bei diesem Wetter.“
„Er ist die Arbeit gewohnt, Anna“, antwortete Lehnau. „Sie reparieren den Knüppeldamm“, fügte er geistesabwesend hinzu. Ihn plagten im Moment andere Sorgen als die unbegründeten Ängste seiner Ehefrau. Was sein Sohn ihm soeben mitgeteilt hatte, ließ die Geschichte einer ganzen Generation in seinem Kopf wiederaufleben. Das, was er seit zig Jahren aus seinem Gedächtnis verbannt hatte, konfrontierte ihn mit aller Vehemenz mit der Gegenwart.
Lehnau beobachtete gedankenverloren seine Frau, während sie in gebeugter Haltung das Geschirr spülte. Sie sieht älter aus, als sie in Wirklichkeit ist, dachte Lehnau. 69 Jahre, aber ihrem Körper sieht man die Arbeit der vergangenen Jahrzehnte an, ihr Gehör hatte mit der Zeit nachgelassen und manchmal hatte Lehnau den Eindruck, auch die Freude am Leben sei ihr irgendwie verlorengegangen.
Anna trocknete sich mit einem Lächeln in seine Richtung die Hände mit einem kleinen Handtuch, das sie anschließend sorgfältig über die Lehne eines Stuhles hängte. „Wir sehen uns später“, sagte sie leise und schlurfte zur Küchentür. „Ich werde mich noch ein wenig hinlegen.“
Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, griff er zum Telefonhörer und wählte die erste von drei Nummern im Ort Forstenau. Man würde sich treffen müssen, schon bald. Es galt, eine Absprache zu treffen, ein Übereinkommen, und irgendwie kam es ihm genauso vor wie damals, als sie im Geheimen aufeinandertrafen, damals den Blick nach vorne gerichtet im Gegensatz zum derzeitigen Zeitpunkt. Nun wurde der Blick in die Vergangenheit gelenkt, einer Vergangenheit, der sich niemand von ihnen würde entziehen können.
Wie ein Mahnmal ragte die teilweise skelettierte Hand aus dem feuchten Erdreich und die gekrümmten Finger schienen sich zu einer Faust ballen zu wollen, gerade so, als wolle sie jemanden festhalten und daran zu hindern, von diesem Ort zu verschwinden.
Helmut Franzen von der Spurensicherung hatte auf Anweisung seines Chefs, Heinz Peters, die Hand freigelegt und dabei festgestellt, dass sie mit weiteren Knochenteilen verbunden war, es sich also unter Umständen um eine komplette, skelettierte oder aber um eine teilweise mumifizierte Leiche handeln konnte.
Und so hatte Peters angeordnet, erst einmal den Fundort weiträumig abzusperren und dann eine Ausgrabung vorzunehmen, die auf keinen Fall zu irgendeiner Beschädigung der Leiche führen würde. Franzen begann mit der Ausgrabung und fluchte insgeheim darüber, dass er für diese Schufterei auserkoren worden war. Aber er hatte gleich eingesehen, dass Hilfskräfte wie Feuerwehr oder Leichenbestatter hier fehl am Platz waren. Das hier war Polizeiarbeit, die das Vernichten eventueller Spuren nicht zuließ.
Es dauerte nahezu eine halbe Stunde, bis Franzen das Erdreich um den Toten herum beseitigt hatte und nur noch der Bereich mit Erde versehen war, unter der sie den Körper, oder das, was von ihm übriggeblieben war, vermuteten.
Durch die Ausgrabung hatte sich ein Graben rund um das Objekt gebildet, in welchen nun auch Peters stieg und gemeinsam mit Franzen vorsichtig mit kleinen Schabeisen nach und nach, soweit es möglich war, den Fund vom Erdreich befreiten.
„Das ist kein Skelett“, rief Franzen seinem Chef zu.
Der Körper der Leiche ist verhältnismäßig gut erhalten. Teilweise mumifiziert, würde ich sagen. Schau dir das einmal an.“
Peters stieg zu Franzen in den Graben, der sich langsam mit Wasser zu füllen begann. Franzen hielt ihm ein Schabeisen hin und Peters begann vorsichtig, etwas Erde abzutragen, bis er auf den Umriss der Leiche stieß.
„Du hast Recht, Kollege. Wir werden den gesamten Block am Stück sichern und auf dem Weg unterhalb des Moores bringen lassen“, entschied er und stieg aus dem Graben. Franzen folgte ihm und Erleichterung stand in sein Gesicht geschrieben.
„Ich benötige dazu Ihre Hilfe, Herr Kresser“, wandte er sich an den Förster. „Könnten Sie mir eine Arbeitsmaschine besorgen, die zum einen bis zu diesem Ort durchdringt und zum anderen den Block, ohne ihn zu zerstören vorerst bis zum Weg bringen kann?“
Kresser schien zu überlegen, dann nickte er. „Ich glaube, das lässt sich machen, wenn die Kosten gedeckt werden.“
Er sah Peters fragend an.
„Natürlich werden die Kosten erstattet, was glauben Sie?“
Peters schien verärgert ob dieser Bemerkung. „Sie haben also jemanden an der Hand mit so einer ... Maschine?“
Kresser nickte. „Nicht weit von hier hat sich eine Gartenbau-Firma außerhalb der Ortschaft angesiedelt. Eine der Arbeitsmaschinen von dort wird schon in Frage dafür kommen.“
Kresser zückte sein Handy, doch Peters gab ihm ein Zeichen, zu warten.
„Das Gerät muss den kompletten Block sichern können, sagen Sie ihm das“, verlange er und Kresser nickte erneut.
„Warten Sie!“ Peters winkte mit der Hand ab, so dass Kresser sein Telefon erneut sinken ließ. „Diese Leiche ist noch einigermaßen gut erhalten, zumindest hat es den Anschein. Fragen Sie in der Firma nach, ob die Möglichkeit besteht, sie mit ihrer moorigen Hülle nach Trier in die Gerichtsmedizin zu bringen. Hier können wir nur mehr falsch als richtigmachen.“
Kresser wählte eine Nummer und kurz darauf konnte er Peters bestätigen, dass ein Traktor mit einem großen Frontlader auf dem Weg zu ihnen sei.
„Ein Bagger wäre zu schwer für das Gelände hier, hat mir Merxheimer, so heißt der Inhaber der Firma, versichert. Ein Traktor käme da schon eher infrage.“
Dann sah er Peters an. „Aber was ist, wenn auch das nicht funktioniert? Ich meine, falls der Traktor auf diesem Boden keinen festen Stand bekommt?“
Читать дальше