»Ich hoffe, Sie mögen Hodge-Podge.«
Hodge-Podge oder auch Kuddelmuddel ist eine schottische Hauptspeise. Ein Eintopf, den auch meine Mutter schon gekocht hat. Ich weiß nicht, ob er erwartet hat, dass ich angewidert reagiere, aber eigentlich mag ich dieses Durcheinander von verschiedenen Gemüsesorten und Fleisch sogar ganz gerne. »Danke, meine Mutter hat das auch schon des Öfteren gekocht.«
Er füllt unsere Teller und Gläser und setzt sich mir gegenüber. Ich bin froh, dass wir nicht an den jeweiligen Enden des Tisches sitzen, sondern an den Seiten. So muss ich nicht über den Tisch schreien, wenn wir uns unterhalten. »Sie glauben also nicht, dass ich arbeitslos bin?«, hakt er nach. Ich schiebe den ersten Bissen in meinen Mund und lasse mir Zeit beim Kauen.
»Nein, denke ich nicht.«
»Ich hatte eine Firma. Aber ich habe sie verkauft. Nun ja, zumindest zum großen Teil. Ein paar Anteile habe ich behalten.«
»Sie hatten eine Firma? Was haben Sie genau gemacht?«
»Sie sind schon wieder neugierig.«
»Ich weiß, und natürlich ist das unhöflich. Nur Amerikaner stören sich nicht an persönlichen Fragen. Hat meine Mutter mir ständig runtergebetet. Aber ich bin wie ich bin und wem es nicht passt, der muss ja meine Fragen nicht beantworten.«
Er lacht und nimmt einen Schluck von seinem Wein. »Kennen sie MyDiarybook ?«
»Dieser Facebook-Abklatsch?«, hake ich nach und sehe ihn ungläubig an.
Er verzieht grimmig das Gesicht. »Genau den. Aber wir waren vor Facebook da. Ich habe die Seite gegründet.«
Ich mustere ihn erstaunt. »Sie sind also ein Nerd? Damit überraschen Sie mich eiskalt.«
»Ja, die wenigsten halten mich für einen langweiligen Computerfuzzi.«
Dafür habe ich ihn wirklich nicht gehalten. Eher für den CEO einer großen Immobilienfirma oder einen Finanzhai. Aber etwas so harmloses wie einen Erfinder einer Community-Seite im Internet, auf der sich wildfremde Menschen private Dinge mitteilen, die sie im realen Leben nie einem Fremden sagen würden. Damit habe ich nicht gerechnet. »Wie kommt es, dass Sie beschlossen haben, sich zurückzuziehen?«
»Sie sehen nicht oft in die Nachrichten, oder?«
»Nein«, bestätige ich. »Die meiste Zeit sitze ich genau wie Sie am PC und arbeite. Nachrichten tun mir nicht gut. Ich will nicht täglich von all dem Hass und der Gewalt auf diesem Planeten hören müssen. Das macht mich depressiv und raubt mir die Kraft, humorvolle Dialoge und Szenen zu schreiben.«
»Das verstehe ich«, sagt er und schenkt uns Wein nach. »Sie sind nicht verheiratet?«
»Um genau zu sein, hängt in meinem Kleiderschrank ein Brautkleid, das ich nicht mehr brauche.«
»Warum?«, fragt er knapp und zieht eine Augenbraue abwartend hoch.
»Mein Verlobter hat erst vor drei Wochen mit mir Schluss gemacht. Per Handynachricht.« Ich sage es gerade heraus und stelle wieder fest, wie wenig es mich berührt, es auszusprechen. Um ehrlich zu mir selbst zu sein, muss ich sogar eingestehen, dass ich, seit ich auf der Insel bin, so gut wie gar nicht mehr an Bill gedacht habe. Sind meine Gefühle für ihn so schnell erloschen? Habe ich ihn überhaupt geliebt? Als wir zusammengekommen sind, waren wir beide erst siebzehn. Wir kennen uns noch aus der Schule. Das liegt mittlerweile so lange zurück, dass ich mir gerade nicht einmal sicher bin, was ich damals für ihn empfunden habe. Hat es in meinem Bauch jemals geflattert, wenn ich ihn angesehen habe? Dieses Flattern, das ein Blick aus den Augen von Kieran McDougal in mir auslöst? »Er hat mich mit meiner Freundin betrogen.«
Kieran sieht verärgert aus, als er mich jetzt ansieht. Seine volle Unterlippe wird zu einer harten Linie und sein Blick, den er mir zuwirft, wird sanfter. »Meine Frau hat mich mit meinem Partner betrogen«, sagt er knapp und kippt seinen Wein runter. »Deswegen hab ich die Firma aufgegeben. Ich hätte es nicht ertragen, die beiden ständig zusammen zu sehen. Nicht, weil ich sie noch liebe, sondern wegen des Verrats. Ich fand es besser zu gehen. Unsere Versammlungen sind in den letzten Monaten nicht so gut gelaufen und es macht keinen guten Eindruck auf künftige Geschäftspartner, wenn sich die Führung einer Firma während eines Treffens die Nasen zu Brei schlägt.«
»Das kann ich mir vorstellen«, pflichte ich ihm bei.
»Wie lange waren Sie mit Ihrem Verlobten zusammen?«
»Wir sind mit siebzehn zusammen gekommen. Wir sind zusammen aufgewachsen. Die Hochzeit sollte an unserem zehnten Jahrestag stattfinden.«
»So lange war ich mit meiner Frau nicht verheiratet. Nur zwei Jahre. Davor waren wir ein Jahr zusammen.«
»Oh, dann hat sie sich wirklich nicht viel Zeit gelassen. Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf?«
Ein Mundwinkel zuckt, bevor er antwortet. »Warum interessiert Sie das?«
»Ich will Sie nicht daten. Ich bin nur neugierig, immerhin waren Sie Anteilhaber einer großen Firma. Die meisten Menschen, die es so weit schaffen, sind viel älter als Sie.«
»Ich bin viel älter als Sie«, sagt er und zwinkert mir auf eine Weise zu, die sich sofort zwischen meinen Schenkeln manifestiert. Verwirrt senke ich den Blick auf mein Weinglas. Die Stimmung zwischen uns hat sich in den letzten Minuten von frostig hin zu lauwarm geändert, was ich ganz angenehm finde. »Ich mag Ihre Neugier. Sie hat ihren Reiz«, meint er plötzlich und grinst belustigt. »Ich bin fünfunddreißig.«
Ich mustere ihn übertrieben. »Ich hatte Sie älter geschätzt.«
Er verschränkt die Arme vor der breiten Brust. »Hatten Sie nicht.«
Er steht auf und bleibt neben mir stehen. »Ich kann Ihnen den Dachboden zeigen, wenn Sie mögen. Dort oben gibt es eine Menge alter Sachen. Vielleicht finden Sie dort, was Sie suchen.«
»Danke, ich wäre Ihnen dankbar für jede Hilfe. Ich werde mein Bestes geben, um herauszufinden, wessen Uhr das in Isobels Hand ist.« Er grinst und nickt.
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