»Okay, du hast recht«, sage ich umso entschlossener. Denn plötzlich ist es mir ein Bedürfnis, Bill mit allem allein zu lassen. Soll er doch unsere Gäste ausladen, das Brautkleid zurückgeben und …
»Die Wohnung gehört ihm! Was mach ich nur mit meinen Sachen?«
Cassy winkt schon wieder ab und wirft grinsend einen Blick auf ihre weinrot lackierten Fingernägel. »Die meisten Möbel hat er ausgesucht. Und seien wir doch mal kurz ehrlich zueinander: sein Geschmack diesbezüglich ist genau wie sein Frauengeschmack.« Cassy zeigt auf mein Handy. »Anwesende ausgeschlossen.« Ich erinnere sie nicht daran, dass die Dame auf dem Foto meine Freundin ist, denn im Moment bin ich mir deswegen selbst nicht mehr sicher.
»Du fährst jetzt ein paar Wochen weg und danach suchst du dir was Neues und dann gehen wir groß Shoppen. Und in der Zwischenzeit, werfen wir deine Klamotten und was du sonst noch so besitzt und ihm wegnehmen möchtest einfach auf meinen Dachboden. Und ich werde bei meinem Cousin Kieran anrufen und einen kleinen Gefallen einfordern. Der Kerl schuldet mir noch was.«
Warum eigentlich nicht , denke ich mir und nicke zufrieden. Wann habe ich mir das letzte Mal eine Auszeit gegönnt? Und eigentlich wollte ich schon immer Mal irgendwo in die Einöde und vollkommen zurückgezogen in der Arbeit an einem Buch versinken. Warum nicht jetzt sofort? »Also gut. Ich hoffe nur, dass dein Cousin nicht auch so ein Arschloch ist.«
»Ist er nicht. Er ist ganz harmlos und schon viel zu alt, um noch ein Arschloch zu sein. Du wirst ihn kaum zu Gesicht bekommen. Sumburgh Castle ist groß genug, um euch für Wochen aus dem Weg zu gehen.«
Fair Isle ist genau 4,8 Kilometer lang und 2,4 Kilometer breit. Es gehört zu den Shetland Inseln und liegt einsam auf halbem Weg zu den Orkney Inseln. Derzeit wird es von nur 69 Menschen bewohnt. Erreichen kann man die Insel drei Mal in der Woche mit einer Fähre und vier Mal mit einem kleinen Charterflugzeug. Natürlich immer wetterabhängig. Ich befinde mich gerade auf der Fähre und wäre dankbar gewesen, wenn man heute beschlossen hätte, die Fähre nicht fahren zu lassen. Denn der starke Wind und heftige Wellen rütteln an dem Gefährt und treiben mir die Übelkeit in sämtliche Regionen meines Körpers. Krampfhaft kämpfe ich darum, mein Mittagessen im Magen zu behalten und bete das Ende dieser Folter herbei. Und jede Minute, die diese Folter andauert, verfluche ich Cassy, die mich hierauf nicht vorbereitet hat. Sie hat nur von der wundervollen Landschaft, den Vögeln und den steilen Klippen gesprochen. Dass man seetauglich sein muss, war ihr wohl entfallen.
Meine Sachen haben wir innerhalb eines Tages aus Bills Wohnung geholt. Wir hatten sogar die tatkräftige Unterstützung meines Stiefvaters, der für seine siebenundfünfzig Jahre noch immer sehr gut anpacken kann. Im Übrigen hat meine Mutter mir bei jeder Kiste, die wir gemeinsam eingepackt haben, gesagt, dass sie es ja schon immer gesagt hatte. Und das hatte sie tatsächlich. Die Idee, das, was Bill am allermeisten liebt, auch noch mitzunehmen, hatte auch Cassy. Jetzt steht der 55 Zoll-Fernseher erstmal bei ihr im Wohnzimmer. Eigentlich komme ich ja nie zum Fernsehen, aber als Cassy mir sagte, dass ich ihn unbedingt bräuchte, da konnte ich nicht nein sagen.
Ich stehe hinter der Glasscheibe und starre auf das dunkelgraue Meer. Die Trennung von Bill ist jetzt fast drei Wochen her und Trauer hat sich noch immer nicht eingestellt. Die Wellen schaukeln die Fähre kräftig umher. In Gedanken sage ich mir immer und immer wieder: langsam einatmen, langsam ausatmen. Gleich ist es vorbei. Direkt voraus erhebt sich doch schon eine steile Felswand. Dort willst du hin. Nur noch wenige Minuten. Langsam einatmen …
»Sie sehen recht blass aus«, spricht mich eine ältere Dame an. Sie trägt ein rot-grünes Plaid um ihre Schultern. In ihr Gesicht haben sich schon tiefe Falten gegraben und ihr lockig graues Haar steckt unter einer Plastiktüte. Sie bemerkt meinen Blick und lächelt. »Es regnet heute.«
»Ich habe einen Schirm mit«, erwähne ich pflichtbewusst. Sie schüttelt lächelnd den Kopf.
»Bei dem Wind wird der Ihnen nichts bringen. Was wollen Sie sich denn ansehen bei uns?«
Sie ist einen Kopf kleiner als ich. Ich muss nicht oft nach unten schauen, um jemanden ins Gesicht zu sehen. »Das weiß ich noch nicht. Ich habe mich noch gar nicht informiert, was es auf der Insel alles gibt. Ich bin hier mehr oder weniger reingestolpert. Meine Freundin hat einen Cousin hier.« Ich vermeide mit Absicht das Wort Lektorin. Es führt fast immer zu der erstaunten Frage, was ich denn beruflich mache. Damit habe ich auch meist kein Problem. Es ist ja auch nicht allzu schlimm zu sagen: Ich bin Autorin. Doch darauf folgt immer die nächste Frage: Was schreiben Sie denn? Und einer Dame in den Siebzigern zu sagen: Ich schreibe erotische Literatur, kommt nicht immer gut an.
»Wer ist denn dieser Cousin?«
Natürlich wird sie ihn kennen. Bei weniger als siebzig Einwohnern kennt jeder jeden. Und da Cassy meinen Aufenthalt für ganze sechs Monate eingeplant hat, damit ich mich auch richtig in das Leben hier einfühlen kann, wird sie es wohl bald allein herausfinden. »Kieran McDougal.«
»Kieran!«, sagt sie gedehnt. »Er lebt völlig zurückgezogen. Dass er sich überhaupt Gäste in sein Haus holt. Aber vielleicht quartiert er sie ja auch im Leuchtturm ein.«
»Leuchtturm?«
»Skroo Lighthouse. Gehört auch ihm. Gar nicht so hässlich, wie sich das vielleicht anhört«, sagt sie bestimmt.
Die alte Dame hat mich gut abgelenkt, denn als ich jetzt wieder nach draußen sehe, laufen wir schon in den kleinen Hafen ein, der in einer Bucht liegt. Ich folge ihr von der Fähre. Mit uns verlassen nur etwa sieben weitere Personen die Fähre. Ich bleibe am Anleger stehen und sehe mich um. Alle verlassen geschäftig den kleinen Hafen und wenige Minuten später bin ich die einzige, die im Regen steht und nicht weiß, was sie tun soll. Ich laufe los und sehe mich nach einem Taxistand, einer Bushaltestelle oder Ähnlichem um. Aber da ist nichts. Ein Mann steht an ein kleines Boot gelehnt und mustert mich neugierig. Ich winke ihm und trete langsam näher. Er muss um die Fünfzig sein, trägt einen Hut, der tief in die Stirn gerückt ist, und einen langen schwarzen Gummimantel. Ich muss zugeben, er wirkt wie der Mörder aus dem Slasher Movie Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast , aber im Moment bin ich dazu bereit, das Risiko einzugehen.
»Entschuldigen Sie, ich möchte zum Sumburgh Castle. Gibt es hier ein Taxi, das ich rufen könnte?«
Der Mann lacht. Seine Schultern zucken unter dem Gummimantel. Der Wind trägt den Geruch von fauligen Algen zu uns. »Ein Taxi? Hier? Hier kann man alles zu Fuß erreichen. Hin und wieder fährt der alte McLean mit seinem Transporter Touristen. Aber bei dem Wetter kriegen Sie den nicht vor die Tür.«
Ich seufze. Meine Kleidung ist durchnässt und mir ist kalt. Meine Zähne schlagen aufeinander. Ich muss mir in Erinnerung rufen, dass das hier Cassys Idee gewesen ist. Sie war der Meinung, Fair im Herbst zu bereisen wäre das Richtige für mich. Okay, die Alternative hätte geheißen, mich mit Bill herumzuschlagen. Dann ist eine Lungenentzündung doch kein so schlechter Plan. »Wie lange läuft man denn bis zum Castle?«
»Etwa 30 Minuten die Straße runter, dann kommen Sie direkt darauf zu.«
Ich bedanke mich, schnappe mir meine zwei Rollkoffer und laufe los. Die Straße ist nicht lange eine Straße und verändert sich bald in festgefahrenen Schotter, der sich bei diesem Regen mit Matsch vermischt hat. Meine Koffer rattern und hüpfen hinter mir her und ich verfluche diesen Kieran, weil er mich nicht vom Hafen abgeholt hat. Aber, entschuldige ich ihn auch gleich wieder bei mir, vielleicht hat er ja wirklich wichtige Dinge zu tun. Was eben auf einer Burg so anfällt: Moos von den Steinen kratzen, Löcher zwischen Steinen stopfen, Rüstungen abstauben … Ich zähle die Arbeiten auf, die mir einfallen und bin mir sicher, dass er dafür Angestellte hat. Und weil ich mir da so sicher bin, frage ich mich jetzt, warum nicht einer von ihnen mich abgeholt hat? Und mit jedem vor Kälte bibbernden Schritt, den ich hinter mich gebracht habe, werde ich noch zorniger und wünsche diesem Kieran McDougal, dass er einen guten Grund hat, mich nicht abgeholt zu haben.
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