»Und Sie spielen ein Spiel, das Sie nicht gewinnen können.«
»Ich spiele kein Spiel«, sage ich und sehe unschuldig zu ihm auf. »Wie Sie schon treffend sagten, ich bin neugierig. Wussten Sie, dass es in diesem Castle spukt?«
Er blinzelt verwirrt. »Ich hielt Sie für eine gebildete Frau. Jetzt sagen Sie bloß nicht, Sie glauben an diesen Mist?« Er tritt einen Schritt zurück und ich kann gleich besser atmen. Die Luft um mich herum ist trotzdem noch von seinem würzig männlichen Geruch erfüllt. Und von dem Duft eines wilden, natürlichen Aftershave, das gut zu ihm passt.
»Ich halte mich auch für eine gebildete Frau. Natürlich glaube ich nicht daran, dass Ihre Vorfahrin hier herumgeistert. Zumindest nicht als Spukgespenst. Aber ihr Geist scheint nicht nur das Castle zu umgeben, sondern die ganze Insel. Und da ich, wie Sie nun mal festgestellt haben, sehr neugierig bin, will ich mehr über sie erfahren.«
Kieran schüttelt lachend den Kopf. »Tut mir leid, aber ich kann Ihnen da nicht weiterhelfen.«
»Dann haben Sie vor, das Geheimnis genauso für sich zu behalten, wie alle anderen auf dieser Insel?«
Er geht auf eines der Regale zu und zieht ein paar der Buchrücken auf. Ich schlucke erstaunt, als ich erkenne, dass diese Buchrücken keine Buchrücken sind, sondern die Tür zu einem versteckten Fach. »Ein Geheimfach!«, flöte ich.
»Kein Geheimfach, ich hab es Ihnen doch eben gezeigt. Wenn es geheim wäre, hätte ich es nicht geöffnet, solange Sie im Raum sind. Nur das Versteck für eine Flasche Whisky und ein paar Gläser. Möchten Sie auch?«
»Ich trinke eigentlich so gut wie nie, aber warum nicht. Wenn ich Sie mir dadurch erträglicher trinken kann.«
»Das war auch mein Plan.«
»Sie können sich selbst nicht ertragen?«
Er sieht mich an, während er die Flasche aufschraubt. »Ich kann neugierige Frauen nicht ertragen. Aber da Sie wohl keine Ruhe geben werden, dachte ich, ich erzähl Ihnen, was ich weiß, damit wir schnellst möglich wieder dazu übergehen können, uns gegenseitig Beleidigungen an den Kopf zu werfen.«
»Oh«, mache ich gekünstelt, nehme das Glas mit Whisky, das er mir reicht, und proste ihm zu. »Ich mag Sie auch nicht, also kein Problem.«
Er stellt die Flasche wieder zurück in das Fach, geht um den Schreibtisch herum und setzt sich in den dunkelbraunen Ledersessel dahinter. Sein Blick gleitet über meinen Körper, bleibt an meinen Lippen hängen und verschmilzt dann mit meinem Blick. Und mit verschmelzen meine ich verschmelzen, denn sein Blick ist so heiß, dass er sich in meinen brennt. Er ist gut fünf, vielleicht mehr, Jahre älter als ich. Zumindest hat er die dreißig schon überschritten. Und er wirkt sehr männlich. Wisst ihr, was ich meine? Diese Art von Mann, bei der man das Gefühl hat, sie wären gerade aus der Wildnis gekommen: rau, dunkel, erotisch und geheimnisvoll. Ich muss ein Seufzen unterdrücken.
»Also, ich kann Ihnen nicht sagen, warum die Chronik nicht weitergeführt wurde. Ich kann Ihnen gar nichts sagen. Auf dieser Insel bin ich genauso fremd wie Sie.«
Ich runzle ungläubig die Stirn. »Aber Sie sind doch hier geboren und Sie haben dieses Anwesen geerbt, oder nicht?« Ich nippe an dem Whisky und kämpfe den Husten herunter, der sich beim ersten Schluck ankündigt.
»Ja, das stimmt. Aber ich bin in Glasgow bei meiner Mutter aufgewachsen. Meine Eltern waren geschieden.«
»Dann wissen Sie gar nichts über Isobel und wie sie gestorben ist?«
Er schüttelt zufrieden den Kopf. Der Ausdruck in seinem Gesicht sagt mir, dass er glücklich damit ist, meine Neugier enttäuschen zu können. Ich kneife verärgert die Lippen zusammen. »Nicht mehr, als jeder Tourist hier auch. Und ich bezweifle, dass es da viel mehr gibt.«
Ich trete an den Schreibtisch heran und ziehe die Kopie des Artikels aus der Tasche meiner Jeans. Ich falte sie auseinander und lege sie vor Kieran auf den Tisch. Dann tippe ich mit dem Finger auf die Taschenuhr. »Sehen Sie das?«
Er beugt sich über das Bild, ich nehme eine Lupe aus einem Becher mit allerlei Stiften und Scheren und halte sie ihm hin. »Das ist eine Herrenuhr«, sage ich ernst. »Und sagen Sie jetzt nicht auch noch, dass sie ihrem Liebsten gehört hat. Der hätte sich so eine Uhr nicht leisten können.«
»Sie glauben also, sie ist gestoßen worden.« Er sieht zu mir auf und ich erkenne sofort, dass ich sein Interesse habe. Er ist genauso neugierig wie ich.
»Ich bin mir sogar sicher.«
»Und Sie denken, ich könnte etwas wissen oder herausfinden? Keine Chance. Ich wohne seit etwa sechs Monaten hier und hab es zu kaum mehr als einem Guten Tag geschafft. Die Menschen hier sind Fremden gegenüber sehr verschlossen. Sie wirken zwar nach außen hin freundlich und behandeln Gäste sehr gut, aber Sie werden es schwer haben, hier Anschluss zu finden, wenn Sie nicht von dieser Insel stammen.«
Ich lasse enttäuscht die Schultern hängen. Das bedeutet wohl, ich werde aus den Anwohnern hier überhaupt nichts herausbekommen, selbst wenn sie mehr wissen, als sie zugeben. Ich werfe Kieran ein freches Lächeln zu. »Dann sollten Sie sich vielleicht anstrengen, weniger sauertöpfisch herumrennen und sich besser integrieren. Schließlich wollen Sie hier leben.«
»Zufällig genieße ich mein Einsiedlerleben.«
»Sie kommen mir nicht vor wie jemand, der es genießt allein zu sein.«
Er trinkt sein Glas mit einem Schluck aus und knallt es heftig auf den Tisch. »Wie komme ich Ihnen denn vor?«
»Wie jemand, der dieses Leben erst kürzlich gewählt hat, weil er vor etwas davon läuft.«
»Und was macht Sie da so sicher?«
Sicher macht mich da gar nichts, aber ich verfüge über eine gute Menschenkenntnis. Die ist hilfreich in meinem Beruf. Und wenn ich Kieran McDougal ansehe, dann sehe ich einen Mann mit Machtposition vor mir. Jemanden, der die Menschen um sich herum nur mit einem Blick kontrollieren kann. Jemand, der diese Macht über andere sogar genießt. Zumindest genossen hat. Und ich sehe keinen Einsiedler, der die Einsamkeit bevorzugt. »Ihr arrogantes und selbstverliebtes Auftreten und die Art und Weise, wie Sie andere Menschen von oben herab behandeln.«
»Ich behandele Sie in keinster Weise von oben herab.«
»Oh doch, das tun Sie. Sie merken es nur nicht, weil Sie schon zu sehr mit dieser Rolle verwachsen sind«, sage ich und stütze mich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab. Mein Puls rast vor Aufregung und auch ein bisschen vor Angst, weil ich eigentlich nicht so mit anderen Menschen rede. Er macht das mit mir. Er verändert mich. Nein, er zwingt mich dazu, so zu reden. Nur so kann ich ihn dazu bringen, mir zu helfen, denn ich bin sicher, dass die Einheimischen ihm gegenüber offener sein werden als mir gegenüber. Immerhin ist er einer von ihnen. »Was machen Sie beruflich? Ich wette, Sie sind in irgendeiner Führungsposition. Immerhin können Sie es sich erlauben, hier zu leben, obwohl Ihre Arbeit wahrscheinlich irgendwo anders ist. Glasgow?«
Er lehnt sich in den Sessel zurück und lässt die angespannten Schultern sinken. Seine Hände liegen auf den Armlehnen. Ich riskiere einen genaueren Blick auf seine Finger. Sie sind lang, die Nägel gepflegt. Trotzdem wirken seine Hände kraftvoll. »Um genau zu sein, bin ich arbeitslos.«
Ich reiße erschrocken die Augen auf, dann besinne ich mich auf meine eben gemachte Feststellung und darauf, dass seine Kleidung äußerst teuer wirkt. Gestern noch trug er eine Jeans, heute einen feinen schwarzen Anzug. Der Kragen seines weißen Hemdes steht offen. »Das denke ich nicht.«
Er steht auf und geht um den Tisch herum auf die Tür zu. »Wie wäre es mit Abendbrot? Meine Haushälterin hat für uns gekocht, bevor sie gegangen ist.«
Ich folge ihm in eine geräumige Küche auf der anderen Seite der Eingangshalle. Auf einem Tisch für sechs Personen, der in einem abgetrennten Essbereich steht, stehen zwei Teller, Gläser, eine Flasche Rotwein und Keramikschüsseln auf Warmhalteplatten.
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