»Isobel ist ja schon einige Zeit tot. Eigentlich weiß ich kaum mehr als alle, die hier wohnen. Sie hatte sich in einen jungen Hirten verliebt, aber ihr Vater wollte, dass sie einen wohlhabenden Adligen heiratet. Zur damaligen Zeit nichts Ungewöhnliches. Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, hätte ich auch einen anderen Mann geheiratet. Meiner ist Ornithologe.«
»Also wissen Sie nicht, wie sie gestorben ist?«
»Doch, doch. Sie ist gesprungen. Hat man Ihnen das nicht erzählt?«
Innerlich stöhne ich fast auf, aber dann bemerke ich ein kleines unsicheres Flackern in den Augen der alten Dame. »Ist das das einzige Gerücht, oder wird insgeheim ein anderes Ende geflüstert unter den Einwohnern der Insel?«
Sie tritt einen Schritt zurück und mustert mich schockiert. »Wie kommen Sie darauf? Nein, es gibt kein anderes Ende.«
»Entschuldigen Sie, manchmal geht meine Fantasie mit mir durch. Ich bin eben doch mit Leib und Seele Geschichtenerzählerin.« Ich lächle sie wieder offen an und Mrs Bender ringt sich auch ein unsicheres Lächeln ab. Ich habe das Gefühl, dass sie und Mrs Sheffield beide recht angespannt auf meine Frage nach der wirklichen Todesursache von Isobel reagiert haben. »Ich überlege, Isobels Geschichte aufzuschreiben. Als Buch, wissen Sie. Natürlich mit einem romantischeren Ende«, füge ich besänftigend hinzu. Ich gebe mir Mühe, meine bisher einzige Recherchequelle auf dieser Insel nicht erzürnt zurückzulassen. Wer weiß, vielleicht kann ich mir ihr Vertrauen doch noch erschleichen. »Ich bin hergekommen, um eine Liebesgeschichte zu schreiben. Was halten Sie davon? Ein Buch, das auf Ihrer wundervollen Insel spielt?«, locke ich weiter.
»Ein Buch, das auf Fair spielt, fände ich gut. Viel zu wenige Menschen kennen Fair Isle und wissen, wie schwer und wie schön zugleich unser Leben hier ist. Aber Sie sollten Isobel ruhen lassen. Vielleicht fällt Ihnen eine andere Liebesgeschichte ein.«
Ich grinse geheimnisvoll und zwinkere Mrs Bender zu. »Wollen Sie mir Ihre erzählen? Vielleicht demnächst bei einem Kaffee?«
»Meine?«, keucht sie erstaunt und drückt eine Hand auf ihr Herz. »So wundervoll der Gedanke ist, meine eigene Liebesgeschichte in einem Buch zu lesen, aber ich befürchte, sie ist nicht interessant genug«, sagt sie ausweichend.
»Das war auch nur ein Spaß«, sage ich und tätschle beruhigend ihre Hand. »Ich hoffe, wir haben noch einige Male die Möglichkeit, uns so nett zu unterhalten.« Ich verabschiede mich von ihr, mit dem Gefühl, dass ich sie davon überzeugt habe, Isobels Liebesgeschichte längst vergessen zu haben. Aber ihre Nervosität wegen des tragischen Endes des jungen Mädchens bestätigt meine Annahme, dass es ein Geheimnis gibt, das nirgends geschrieben steht.
Als ich dieses Mal vor dem Castle stehe, ist es noch hell und ich nehme mir einen Augenblick, das historische Gebäude zu bewundern. Ich liebe alles, was historisch ist und so ein Castle ist very historisch. Dieses hier ist klein und besteht nur aus zwei Gebäudeteilen; einem kastenförmigen Haupthaus mit nur zwei Etagen. Das ist der Teil, in dem ich derzeit wohne. Und einem viereckigen Turm mit Zinnen, der etwas höher ist als das Hauptgebäude und an dem Efeu sich nach oben rankt. Wenn man genau hinhört, dann kann man die Wellen gegen die Klippen branden hören.
Ich betrete das Castle und reibe mir die kalten Wangen. Der Wind ist heute noch eisiger als gestern. Eine breite Tür steht im Eingangsbereich offen. Ich hänge meinen Mantel an die Garderobe und stoße die Tür weiter auf, bereit Kieran McDougal die richtige Antwort an den Kopf zu knallen, falls er wieder Lust darauf haben sollte, den Neandertaler raushängen zu lassen. Aber er ist nicht im Raum. Dafür eine Herzklopfen auslösende unzählbare Menge an Büchern, die sich über drei deckenhohe Regale ausbreiten. Dieser Verlockung kann ich unmöglich widerstehen. Ich betrete die Bibliothek, sauge den Geruch alter Bücher tief in meine Lungen und stöhne wohlig. Von so einer Bibliothek im eigenen Haus habe ich schon immer geträumt. Wer nicht? Ich strecke eine Hand aus und lasse sie über die verschiedenen Buchrücken gleiten. Da sind alte in Leder eingebundene Werke und neue Taschenbücher. Ein paar Buchrücken erkenne ich sofort: Thriller von Brown, Horror von King. Nicht ganz mein Geschmack. Ich mag es lieber romantisch. Wobei mir die Lust darauf in letzter Zeit irgendwie vergangen ist. Vielleicht sollte ich es doch mal mit Thrillern probieren. Vorzugsweise einen, in dem ein betrügerischer Exverlobter ermordet wird.
Ich ziehe einen besonders großen Lederband heraus und keuche erstaunt über das Gewicht auf. Weder auf dem Buchrücken noch auf dem Deckel steht ein Titel. Ich trage das schwere Buch zu dem großen Schreibtisch vor dem Rundbogenfenster und knipse die Leselampe an, weil das dunkelgelbe Deckenlicht, das jemand wohl vergessen hat auszuschalten, nicht hell genug ist, um zu lesen. Vorsichtig klappe ich das Buch auf und seufze leise, als ich den wunderschönen, detailreichen Baum sehe. Auf seinen Ästen sitzen kleine Kästchen mit Namen und Daten. Das älteste Datum ist vom 17. Juni 1746. Der Name darüber ist der von einem Mann: Duncan McDougal. Auf dem Ast neben seinem Kästchen steht der Name: Kayla McDonald, geb.: 23. Januar 1752.
Auf einem der unteren Äste steht der Name Isobel. Neben ihr der ihrer Schwester Kendra und ihres Bruders Cedric. Danach folgen keine Kinder mehr. Man hatte aufgehört, diesen Stammbaum fortzusetzen. Ich bin mir sicher, dass Isobels Tod der Grund dafür war. Ich blättere zur nächsten Seite, die ein gemaltes Porträt von Duncan McDougal zeigt. Darauf folgt ein Porträt von seiner Frau. Dann handgeschriebene Worte in einer alten Schrift, die ich nicht lesen kann. Nur einzelne Buchstaben oder Wortfetzen kann ich zusammenfügen, aber die nächsten Seiten erzählen wohl die Geschichte von Duncan und seiner Frau. Das Buch ist eine Familienchronik. Jetzt verstehe ich noch mehr, warum man sie nach Isobels Tod nicht weitergeführt hat. Auch wenn die Autorin und Geschichtsfanatikerin in mir ein wenig wehmütig gestimmt ist, bei dem Gedanken, welches Wissen über die vergangenen Generationen dadurch vielleicht für immer verloren ist.
»Ich sehe, Sie schnüffeln schon wieder.« Kieran lehnt mit vor der Brust verschränkten Armen im Türrahmen. Sein Blick verrät, dass er nicht begeistert ist, mich hier vorzufinden. Ich straffe die Schultern, obwohl mir eher nach Flucht zumute ist, und sehe ihn so selbstsicher ich kann an. Ich schlucke und ignoriere das Flattern in meinem Magen, das sein Auftauchen ausgelöst hat.
»Ich schnüffel nicht, ich recherchiere«, sage ich, als würde das ungeschehen machen, dass ich in der Vergangenheit von Kierans Familie herumstöbere. Innerlich winde ich mich, weil er mich erwischt hat und ich mich schuldig fühle. Verdammte Neugier aber auch. »Im Übrigen fehlen hier Namen und Einträge«, werfe ich ihm vor, als hätte er es versäumt, die Chronik fortzusetzen.
»Das weiß ich. Und es interessiert mich nicht.«
Ich klappe das Buch zu und schiebe es in die Mitte der Schreibtischplatte, dann setze ich mich auf den Schreibtisch und schlage lässig die Beine übereinander. »Heißt das, Sie interessieren sich nicht für Ihre Familie? Oder wissen Sie nur nichts über Ihren Vater und Großvater?«
Er kommt näher und bleibt vor mir stehen. »Wussten Sie, dass Neugier gefährlich sein kann«, sagt er bedrohlich.
»Bedrohen Sie mich schon wieder? Dann muss ich Ihnen sagen, ich fürchte mich noch immer nicht vor Ihnen. Cassy hat mich vorgewarnt. Sie sagte: Er sieht groß und gefährlich aus, aber er ist sanft wie ein Teddybär .«
»Das hat sie nicht gesagt?«
»Sie knurren schon wieder«, sage ich im lockeren Plauderton und sehe unverwandt in seine silbergrauen Augen, die mich wütend anfunkeln. Vielleicht sollte ich Angst haben, aber ihn zu reizen, macht mir mehr Spaß, als es sollte. Ich finde es aufregend, wie er bedrohlich über mir aufragt und mich versucht, nur mit seinen Blicken einzuschüchtern. Das lässt mein Herz schneller schlagen. Ich wundere mich über mich selbst. Eigentlich bin ich niemand, der auf Gefahr steht, aber diese Gefahr stößt etwas in mir an, das ich nicht kenne. Und weil ich nun mal so neugierig bin, möchte ich dieses neue Gefühl ergründen. Also muss ich fortfahren, ihn zu reizen, damit er fortfährt, mich so anzusehen. Damit dieses Kribbeln in mir nicht erlischt sondern wächst und ich es besser analysieren kann.
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