»Oh nein«, werfe ich ein. »Sie verstehen das falsch. Ich bin nicht lesbisch. Nur vorerst absolut nicht an Arschlöchern interessiert. Davon hatte ich genug.«
Sein Blick gleitet über meinen Körper, verharrt kurz auf meinen Brüsten, von denen er nicht viel sehen dürfte, denn sie verstecken sich unter einem schwarzen Wollmantel. »Das meinte ich. Frauen, die an Männern interessiert sind, rennen nicht herum wie zugeschnürte Pakete.« Er nickt mit dem Kopf nach rechts. »Ihr Zimmer, Madam.« Damit lässt er mich stehen.
Ich gebe zu, ich habe mich zu sehr hinreißen lassen, aber dieser Mann hat etwas an sich, das mich mit den Zähnen knirschen lässt. Vielleicht liegt das nur an meinem körperlichen Zustand, vielleicht aber auch einfach an ihm selbst. Im Moment bin ich zu müde, das genauer zu ergründen. Ich greife nach meinen Koffern und betrete mein Zimmer auf Zeit.
Mein Zimmer ist nicht besonders groß, aber sehr gemütlich eingerichtet. Es erinnert mich ein wenig an alte Filme. An Vom Winde verweht und … Ja, auch an Jane Austen . Dunkles Holz, geblümte Tapeten und eine geblümte Tagesdecke. Weiße Spitze auf dem Toilettentisch und ein vom Alter erblindeter Spiegel. Das Gemälde einer Dame in der Mode des 19. Jahrhunderts an der Wand über dem Bett. Vor dem Fenster Gardinen, wie ich sie noch aus meiner Kindheit kenne, lange bevor es musterlose glatte Schals und bedruckte Gardinen gab. Ich trete an das Fenster, aber die Dunkelheit verschlingt, was auf der anderen Seite wartet. Müde sehe ich mich nach einer weiteren Tür um und muss feststellen, dass es keine gibt. Das Bad liegt irgendwo außerhalb meines Zimmers. Mir bleibt also nur, meinen Gastgeber zu suchen und ihn mit meiner Anwesenheit ein weiteres Mal zu belästigen oder mich selbst auf die Suche nach dem Bad zu machen. Ich packe meine Koffer aus, räume alles in den großen Kleiderschrank und klemme mir das unter die Arme, was ich für eine ausgiebige Dusche brauche.
Der Korridor hat ganz genau sieben Türen und jede einzelne sieht gleich aus. Ich sehe nach rechts und nach links und überlege, dass es vielleicht doch besser wäre, meinen Gastgeber zu fragen, hinter welcher sich das Bad befindet. Andererseits müsste ich ihn dazu auch erst einmal finden. So oder so, ich muss mich auf die Suche begeben und vielleicht habe ich ja Glück und finde das Bad, bevor ich ihn finde. Auf die Dusche habe ich gerade wirklich Lust. Auf ihn kein bisschen. Ich wende mich nach rechts und öffne die erste Tür. Sie führt in ein Büro. Es ist nicht groß. Bietet gerade einmal Platz für einen Schreibtisch und ein paar Regale. Auch hier sind die Möbel dunkel gehalten. Ich schließe die Tür wieder und öffne die nächste. Ein Schlafzimmer. Ich finde noch ein weiteres Schlafzimmer, dann muss ich den Gang zurückgehen und auf der anderen Seite der Treppe weitersuchen.
Ich öffne die erste Tür und entdecke, wie soll es anders sein, ein Schlafzimmer. Mein Gastgeber steht mitten im Raum, den Rücken zu mir. Er hält sein Shirt in den Händen. Er dreht sich zu mir um und mein Blick wird ungewollt von seiner breiten Brust angezogen. Er trägt ein Tattoo, das sich spiralförmig um seine rechte Brust windet und sich dann über die Schulter seinen Arm hinunter ausbreitet. Ich schlucke bei dem Anblick seines nackten Oberkörpers. Bisher habe ich nicht gewusst, dass ich auf Tattoos, Muskelberge und Waschbrettbauch stehe. Aber dieser Anblick gefällt mir nicht nur, er lässt meinen Mund trocken werden und meinen Puls schneller schlagen.
»Sie schnüffeln herum? Irgendetwas Interessantes entdeckt?«
Ja, deinen Körper aber davon abgesehen … »Um ehrlich zu sein, nein. Aber ich wäre Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie mir sagen würden, wo ich das Bad finde.« Ich halte mein Duschtuch hoch, um meinem Gastgeber zu zeigen, dass ich keinesfalls geschnüffelt habe. »Und hätten Sie Ihre Pflichten als Gastgeber ernster genommen, dann müsste ich nicht danach schnüffeln.«
Er knüllt das Shirt zusammen und wirft es auf sein Bett, dann geht er mit großen Schritten an mir vorbei. Er bleibt mit zusammengekniffenen Lippen vor der nächsten Tür stehen und zeigt auf ein kleines goldenes Schild auf dem in verblassten Buchstaben WC steht.
Ich trete mit erhobenem Kinn an ihm vorbei und öffne die Tür. »Danke. Übrigens, schöne Blümchenvorhänge an ihrem Bett«, sage ich grinsend. Er kneift die Lider ein Stück zusammen. Gleich wird er wieder knurren. Ich warte schon lächelnd darauf, aber er tut es nicht.
»Die sind von meiner Frau.«
Das war unerwartet. Ich schlucke erstaunt, weil Cassy offensichtlich vergessen hat, das zu erwähnen. Aber ich bin auch überrascht, dass ein Neandertaler wie Kieran McDougal verheiratet ist. »Bestellen Sie Ihrer Frau, dass sie einen zwar kitschigen, aber interessanten Geschmack hat. Wo ist sie überhaupt? Ich hatte noch nicht die Ehre.« Ich bin nur neugierig. Das darf ich ja wohl.
»Nicht hier«, gibt er düster zurück und lässt mich schon wieder einfach stehen.
»Sind Sie deswegen nicht an Frauen interessiert? Weil Sie verheiratet sind? Dann würde ich das natürlich verstehen.«
Er bleibt stehen und wendet sich zu mir um. Ich stehe im Türrahmen zum Bad, das eine kleine Oase mit Eckbadewanne, Dusche und marmornen Fliesen ist, und mich mit dem Versprechen einer extrem entspannenden Dusche lockt. Aber das musste ich Kieran noch an den Kopf knallen. Er bringt mich einfach dazu, nicht ich zu sein. Und der Anblick seines fantastischen nackten Oberkörpers verursacht ein unanständiges und absolut ungewolltes aber sehr erotisches Kribbeln in mir.
»Genau das ist der Grund.«
Fair Isle ist wirklich nicht groß. Es gibt eine Schule, zwei kleine Läden, Schafe - mehr als Einwohner - und eins der bekanntesten Vogelobservatorien auf diesem Planeten. Die Vögel sind es, die die Insel berühmt machen, weil sie auf ihren Flügen von Nord nach Süd und umgekehrt hier vorbeikommen, hat mir ein mürrischer Schäfer erklärt. Die Menschen hier leben vorwiegend von der Herstellung von Wolle. Es gibt sogar eine Pullover-Manufaktur, wo nach alter Tradition Strickkleidung hergestellt wird.
Als ich heute Morgen aufgewacht bin, war ich allein. Mein Gastgeber hat mir ein Frühstück auf dem großen Tisch in der altmodischen Küche hinterlassen, das aus Müsli und Kaffee bestand. Das Müsli war mir zu … gesund. Also habe ich nur den Kaffee getrunken. Ich habe den Vormittag damit verbracht, mich auf der Insel umzusehen. Hatte ein nettes Gespräch mit einer älteren Dame, ein nicht ganz so nettes mit einem alten Hirten und habe eine Schulklasse gesehen, die Vogelfedern an den Klippen gesammelt hat. Ich habe mir Notizen gemacht, mir meine Schuhe mit Vogelhinterlassenschaften versaut und mich dann eine Weile an eine der Steilklippen gesetzt und die Wellen beobachtet. Aber all das Rauschen und Vogelgeschrei hat mir nicht dabei geholfen, etwas zu finden, das auch nur annähernd eine Idee für mein nächstes Buch liefert. Trotzdem muss ich sagen, dass Fair der Vorstellung von einem Paradies sehr nahe kommt. Es ist so abgeschieden, dass mein Handy nicht klingelt und Facebook es nicht erreicht. Und es kann stolz auf seine malerisch romantische Landschaft sein - inklusive kleinem Castle und Leuchtturm. Und absoluter Einsamkeit, sieht man mal von den gelegentlichen Begegnungen mit Einwohnern und vogelinteressierten Touristen ab.
Klar ist, mein Buch soll ein Liebesroman werden. Die Kulisse ist perfekt für Romantik. Aber wie schreibt man einen Liebesroman, wenn die Liebe einen erst kürzlich in den Hintern getreten hat? Alles was mir einfällt, ist der Wunsch, im nächsten Buch mit den Männern abzurechnen. Im Moment habe ich den Glauben an Männer verloren. Die, die in der Stadt leben, sind fremdgehende Arschlöcher. Und die abseits der Zivilisation sind Hinterwäldler. Obwohl das Frühstück heute Morgen schon mehr war, als ich erwartet hatte, nach meinem gestrigen Zusammentreffen mit Kieran McDougal.
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