Es wird dunkel und als ich nach zwanzig Minuten noch immer kein Castle in der Ferne sehen kann, wird mir mulmig zumute. Es gibt hier nämlich weit und breit auch keine Straßenbeleuchtung. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Nacht hier deutlich schneller hereinbricht. Ich laufe weiter und sehe mich nach irgendeinem Licht um. Egal welches ich jetzt entdecke, ich werde darauf zuhalten. Vor zehn Schritten kam mir das Rattern der Koffer noch nicht so beängstigend vor. Doch jetzt hallt es bedrohlich in der hereinbrechenden Dunkelheit. Ich bleibe stehen, sehe mich um und es gibt noch immer kein Licht. Nur die Sterne direkt über mir, die hin und wieder ein Loch in der Wolkendecke finden. Ich krame mein Handy heraus. Ich muss Cassy anrufen, denn in mir macht sich langsam der Verdacht breit, dass ich mich verlaufen habe. Aber wie hätte ich mich verlaufen können? Ich bin der Straße gefolgt. Ich wähle mit klammen Fingern Cassys Nummer und warte auf das Klingeln. Es kommt nicht. Weil ich mich auf einer winzigen Insel im Nordatlantik befinde, auf der es noch nicht einmal Busse und Taxis gibt. Wie hätte es dann hier ein Handynetz geben sollen?
Den Tränen nahe stecke ich das Handy weg und laufe weiter. Die Straße nimmt eine Biegung um einen Hügel herum. Ich überlege, ob ich nicht umkehren soll, wer weiß, ob hier draußen überhaupt noch was kommt. Aber dann fällt mir ein, dass die Insel ja nicht groß ist und eigentlich müsste ich sie fast einmal durchlaufen haben. Wenn ich ein Haus finde, dann bestimmt in Küstennähe. Also laufe ich um den Hügel herum und stehe vor dem, was ich auf den ersten Blick für ein Castle halten würde. Meine Schultern sacken erleichtert nach unten. Selbst wenn das hier nicht Sumburgh Castle ist, hier scheint jemand zu wohnen, denn es brennt Licht in einem der unteren Fenster. Groß wirkt die Silhouette nicht, die sich vor dem Nachthimmel abhebt. Aber ich habe auch kein großes Castle auf einer so kleinen Insel erwartet. Ich gehe auf das Licht zu. Ein paar niedrige Bäume kann ich wahrnehmen und das Meer höre ich in der Nähe rauschen.
An der Tür suche ich nach einer Klingel, kann aber keine finden. Da ist nur ein eiserner Ring. Ich nehme ihn und hämmere damit gegen das schwere Holz. Eine Windböe erwischt mich und lässt mich erzittern. Ich reibe meine Hände gegeneinander. Die Tür wird aufgerissen und ich blinzele gegen das Licht an, das mich plötzlich trifft. Ein groß gewachsener Mann mit breiten Schultern und unzufriedenem Gesichtsausdruck starrt mich an.
»Sind Sie Kieran McDougal?«, möchte ich ungeduldig wissen.
»Und Sie sind?«
»Jenna Summers, Cassandra hat mich angemeldet«, sage ich und spüre, wie sich langsam Zorn in mir breit macht, weil ich noch immer in der Kälte stehe.
»Ach die Autorin auf dem Selbstfindungstrip.«
»Dem was?« Mein Mund klappt auf.
»Cassandra meinte, Sie bräuchten etwas Zeit für sich, um nachzudenken.«
»Das hat sie gesagt?«
»Nicht genau das, aber es kommt in etwa hin.«
Ich ignoriere, was er gesagt hat. Jede weitere Diskussion würde nur dazu führen, dass ich noch länger in der Kälte stehen muss. »Könnte ich jetzt? Mir ist kalt. Es hat ja niemand für nötig gehalten, mich abzuholen.«
»Ich soll Sie hier wohnen lassen, von mehr war nicht die Rede. Und ich mach das nur, weil ich Cassandra etwas schulde.«
»Vielleicht beruhigt es Sie ja, dass Cassy wohl jetzt mir etwas schuldet. Immerhin musste ich bei diesem Wetter die ganze Insel überqueren. Wenn sie mir gesagt hätte, dass ich auf einen Neandertaler ohne Anstand treffe, hätte ich mich besser vorbereitet.« Jetzt bin ich wirklich zornig. Dieser Hinterwäldler von einem Mann sieht scheinbar nicht einmal ein, mir den Weg in sein Haus freizugeben.
»Frauen wie Sie sind der Grund, warum ich lieber allein lebe«, knurrt er, macht mir nun aber doch endlich Platz. Ich greife mit erfrorenen Fingern nach meinen Koffern und ziehe sie hinter mir her in eine große Halle von der zwei Türen abführen und sich eine breite Treppe zum Obergeschoss windet.
»Sie sollen ja nicht mit mir leben. Ich bin sicher, es gibt hier genug Räumlichkeiten, um uns für die Zeit meines Aufenthalts aus dem Weg zu gehen. Sie werden mich nicht bemerken und ich werde Sie nicht ertragen müssen«, werfe ich bibbernd ein und grinse in mich hinein, als ich die Pfütze zu meinen Schlammfüßen sehe. »Das tut mir leid. Das müssten Sie jetzt wohl nicht sauber machen, wenn Sie mich vom Hafen abgeholt hätten.«
»Das macht nichts. Amanda kann das morgen wegmachen, wenn sie zur Arbeit kommt.«
Ich mustere den Mann genauer. Er hat einen scharf geschnittenen sehr markanten Unterkiefer, ein breites Kinn, volle Lippen und eine gerade Nase. Nicht nur sein schwarzes Haar lässt ihn düster wirken. Alles an ihm wirkt rau und auf eine wilde Art attraktiv. Er trägt ein dünnes dunkelblaues Shirt mit einem verwaschenen Aufdruck, das jeden einzelnen Muskel seines Oberkörpers umschmeichelt. Er grinst mich selbstzufrieden an, als er meine Musterung bemerkt. Ich ziehe provokant die Augenbrauen hoch.
»Ich stelle gerade fest, körperlich sind Sie in der Lage, meine Koffer in mein Zimmer zu tragen.« Ich lasse die Griffe los und wende mich der Treppe zu. »Wo ist mein Zimmer? Ich brauche dringend eine heiße Dusche.« Ich bin eine freundliche Person, aber wenn man mir gegenüber ein solches Verhalten an den Tag legt, dann vergesse ich meine gute Erziehung. Außerdem hat meine Mutter schon immer gesagt: Was ein Mann dir antut, tu ihm auch an. Männer haben es nicht anders verdient. Bis vor Kurzem hätte ich ihr da widersprochen, aber seit Bill mir auf so nette Weise das Ende unserer Verlobung erklärt hat, habe ich meine Meinung geändert. Ich muss gestehen, was Männer betrifft, hat meine Mutter recht. Ich frage mich nur, warum sie dann ein zweites Mal vor den Altar getreten ist?
Mein breitschultriger, groß gewachsener Gastgeber nimmt sich knurrend meine Koffer und geht vor mir die Stufen nach oben. Ich werfe einen bewundernden Blick auf die knackige Rundung seines Hinterns in der lässig tief sitzenden Jeans. Mir gefällt, was ich sehe, aber natürlich gestehe ich es mir nicht ein, sondern ermahne mich in Gedanken, diesen Hintern absolut verachtenswert zu finden.
»Ihre Vorfahren sind Kelten?«, frage ich beiläufig, während wir oben ankommen und uns nach rechts wenden. Ich nicke anerkennend, als ich die kleinen dunklen Beistelltischchen sehe auf denen alte Vasen, Bilderrahmen und anderer Nippes stehen. An einer Wand entdecke ich das Gemälde einer rothaarigen jungen Schönheit mit moosgrünen Augen.
Er wirft mir aus silbernen Augen einen fragenden Blick über die Schulter zu. Dieser starke Kontrast zum dunklen Haar, bemerkenswert , denke ich. »Wie kommen Sie darauf?«
»Um ehrlich zu sein, war das eine rhetorische Frage und eigentlich wollte ich damit nur darauf anspielen, dass Sie nicht nur groß, dunkelhaarig und eben keltisch wirken. Sie knurren noch dazu wie ein Wilder von Vorgestern.«
Er bleibt stehen, dreht sich mit gerunzelter Stirn zu mir um und sieht mich bedrohlich an. Ich bin sicher, er hätte fast schon wieder geknurrt, hat es aber runtergeschluckt. Ich kichere zufrieden in mich hinein und sehe mit großen Augen unschuldig zu ihm auf. Er macht einen Schritt auf mich zu und sieht von oben auf mich herab.
»Und Sie sind mit Sicherheit eine verwöhnte Göre aus gutem englischen Haus, der ihre Mutter gelehrt hat, dass es eine gute Idee ist, Männer zur Weißglut zu treiben.«
Ich tu so, als müsste ich darüber nachdenken, dann schüttle ich den Kopf. »Das stimmt nicht ganz. Männer haben mich gelehrt, dass es eine gute Idee ist …«
Er hebt die Hand und winkt ab. »Ich sehe schon, wir verstehen uns. Ich habe kein Interesse an Frauen und Sie keins an Männern. Das macht dieses erzwungene Zusammenleben hier ertragbar.«
Читать дальше