Die Bibel nicht nur als theologische Niederschrift sonder auch als Geschichtsbuch des jüdischen Volkes zu lesen, ist teilweise umstritten. Heutzutage gibt es strenggläubiges, ultraorthodoxes und orthodoxes Judentum, aber desgleichen konservative und liberale religiöse Strömungen sowie Juden, die sich eher nur dem kulturellen Erbe verbunden fühlen. Die „Reformjuden“ bemühen sich um eine, die heutigen Erkenntnisse und die modernen Lebenssituationen berücksichtigende Auffassung vom Judentum. Dazu soll hier nicht näher eingegangen werden. Unser Anliegen war es, die jüdische Religion trotz knapper Darstellung nachfühlbar und leicht verständlich darzustellen. Ich beschränkte mich deshalb nur auf einige, zentrale Schilderungen der Bibel, die den Inhalt des Judentums repräsentieren. Besondere Feste, heilige Stätten, Riten und Symbole sind in guten populären Abhandlungen dargestellt (siehe zum Beispiel in der Reihe „WISSEN leicht gemacht“, die Sonderausgabe „Weltreligionen“ von Dr. Christa Kordt [32].)
Es bleibt noch einmal festzuhalten, dass die Bibel nicht als vorwissenschaftliches Buch zur Welterklärung und der Geschichte des jüdischen Volkes aufgefasst werden kann. Es ist ein Buch, das die Gotteserfahrung der Israeliten über einen gewaltigen Zeitraum darstellt. In den legendenhaften, halb - mythischen Berichten der Bibel wird der Lebensweg eines Volkes beschrieben, dessen Entwicklung im Dialog mit der einzig allmächtigen göttlichen Wesenheit erfolgte. Es spiegelt im Wesentlichen für Juden, Christen und Moslems, die „Gotteserfahrung“ aber auch die Evolutionsfähigkeit des Menschen und der Menschengemeinschaft wieder. Die mythisch legendenhafte Erzählweise entspricht der Sprache und dem Denken der damaligen Zeitepochen, die ihre Gotteserfahrung eben in ihrer Denk- und Erfahrungswelt beschrieben. Dies taten sie mit einer unglaublichen gedanklichen Tiefe, sodass es im wahren Sinn des Wortes ein weltbewegendes Schriftgut wurde.
Nicht nur im jüdischen Glauben, sondern überhaupt für die Gläubigen der abrahamitischen Religionen, sollte es ziemlich unerheblich sein, auf welche Art und Weise die Botschaften Gottes zu den Menschen kamen, zu Überlieferungen wurden und in die Schriftform gelangten. Es bleiben Botschaften, die aus der für uns fassbaren, ethischen Essenz der im Judentum angenommenen, einzig göttlichen Wesenheit zu uns gelangen. Die, entkleidet vom mythischen Gedankengut des Altertums und der antiken Zeit, bis heute eine tiefe Bedeutung für uns besitzen. Sie weisen letztendlich auf ein Weltethos hin, das für alle Menschen, unabhängig von ihrer Weltanschauung oder Religion, gilt. „Ethik ist wichtiger als Religion“, sagte der Dalai Lama [21].
3.2 Eine Quelle der abrahamitischen und der fernöstlichen Mystik?
Die „amerikanisch-europäischen“ Kulturgemeinschaften und die des nordafrikanischen Mittelmeerraums sowie des Nahen und Mittleren Ostens haben ihre wesentlichen Wurzeln in den antiken Gesellschaften der östlichen Mittelmeerregion und des Mittleren Ostens. Von den Denkweisen in diesen Kulturen des Altertums waren das „griechische Denken“ (Abschn. 3.5) und die abrahamitische Mystik (Abschn. 3.1) für die kulturelle Entwicklung der „modernen“, sogenannten westlichen Denkwelt im besonderen Maße prägend.
Die abrahamitische Mystik, aus der sich drei Weltreligionen, das Judentum, das Christentum und der Islam, entwickelten, hat maßgebende Impulse aus der sumerischen Kultur erhalten. Die Sumerer siedelten um die Flüsse Euphrat und Tigris, im sogenannten Mesopotamien (Gebiet des heutigen Iraks). Hier lebte in der Stadt Ur „Terach“, der Vater von Abraham, der als Stammvater der Juden und Araber gilt. Sein Lebensweg, seine Erfahrungen mit den Offenbarungen der allerfassenden, einzig allmächtigen, als göttliche geglaubten Wesenheit und sein sich entwickelndes Weltbild bilden die Wurzeln der abrahamitischen Mystik.
Wir können davon ausgehen, dass Elemente der sumerischen Mythen in die Weltsicht der nach Norden auswandernden Sippe Abrahams einflossen. Somit ist anzunehmen, dass die sumerische Kultur und die Geschichte Mesopotamiens einen prägenden Einfluss auf die Herausbildung der abrahamitischen Mystik hatte (Edzard [33]). Das erinnert uns daran, dass in unseren gegenwärtigen Denkweisen die Erfahrungen und Vorstellungen aus dem „Alten Sumer“ zu finden sind. (Zum Beispiel benutzen wir in der Zeit- und Winkelmessung das dort benutzte Sexagesimalsystem. Es basierte auf der Basis 60, so wie unser Dezimalsystem sich auf der Basis 10 gründet. Noch heute teilen wir die Stunde in 60 Minuten usw., oder messen Winkel in Grad (1° = 60‘ = 60 * 60‘‘), usw..)
Die sumerischen Reiche bzw. Stadtstaaten standen wiederum mit der fernöstlichen Indus-Kultur (Gebiet des heutigen nördlichen Pakistan) in einem scheinbar losen Kontakt. Es muss als Folge dessen davon ausgegangen werden, dass nicht nur die sumerischen, sondern ebenso die fernöstlichen Mythen des Industals die Herausbildung der abrahamitischen Mystik bzw. Religionen beeinflusste. Das bedeutet, dass die mystischen Denkweisen und das ethische Empfinden, welches aus dem Judentum, dem Christentum und dem Islam heraus in uns und unserer Menschengemeinschaft wirkt, gleichfalls Wurzeln in der fernöstlichen Mystik besitzt. Somit ist der Glaube an gemeinsame mystische Kernaussagen der großen Weltreligionen, an ein sich überlagerndes ethisches Wesen der Menschen und der Menschengemeinschaften, naheliegend – und nicht nur wünschenswert. „Griechisches Denken“, nahöstliche und fernöstliche Mystik berühren sich in wesentlichen Annahmen bzw. Glaubenssätzen, scheinen gemeinsame Wurzeln zu besitzen und fließen in ihrem ethischen Wesen teilweise ineinander. Dies lässt eine Ahnung zu, dass gleiche oder ähnliche Quellen einer weltweiten Kulturgemeinschaft existieren, die ein in allen Kulturregionen ruhenden Weltethos begründen.
Wie und wann könnten in diesem Fall die Berührungen und die gegenseitigen Befruchtungen der großen Kulturräume erfolgt sein?
Ungefähr 3500 v. Chr. sickerten die ersten Sumerer aus Zentralasien oder aus dem ober-indischen Quellgebiet des Indus in Mesopotamien ein. Sie assimilierten die an den Flüssen Euphrat und Tigris lebenden Ureinwohner, die bereits in Ackerbau betreibende Dorfgemeinschaften lebten (Obed - Kultur, 5500- 3500 v. Chr.). Die sich hier herausbildenden sumerischen Mythen stellen die älteste textlich erfasste Religion Mesopotamiens dar. Die Schöpfungsgeschichte dieser Sagen ähnelt in Elementen sowohl den Darstellungen in der Bibel der Juden als auch den Weisheiten der fernöstlichen Mystik. Die Sumerer, die an ein unter der Erde liegendes Süßwassermeer glaubten, nahmen in ihren Mythen an, dass, ähnlich wie in der Bibel, aus einem alles durchdringenden Ur-Wasser (Schöpfungsgöttin Nammu) der Himmel (Himmelsgott An) und Erdartiges (Erdgöttin Uras) geschaffen wurde. Im 1. Buch Mose Kap. 1, Vers 1 ff., [26] steht ebenso gleich zu Beginn: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Wie in Abschn. 3.1.4 zur Schöpfungsgeschichte dargestellt, ist unter „Himmel und Erde“ nicht der irdische Himmel und unsere Erde gemeint (siehe S. 16 bei Gustav Mensching [27]). Sondern, entkleidet von mythischer Fantasie, manifestierte sich die einzig allmächtige Wesenheit „Gott“ in zwei komplementäre Seinsformen, in eine geistige und eine materielle Manifestation ihres Seins. Der Schöpfergott des Alten Testaments schafft demzufolge unsere erfahrbare Welt in zwei komplementäre Wirkmanifestationen.
Die Sumerer glaubten dagegen an eine Schöpfergöttin Nammu, die als Göttin des „Urmeers“ sowohl vor als auch nach dem Erzeugen von neben ihr existierenden geistigen und materiellen Gottheiten wirkt.
Der Schöpfungsvorgang in der Bibel beschreibt eine nicht-personalisierbare Dreieinheit göttlicher Wirkungen: Schöpfergott, geistige Manifestation (Himmelartiges), materielle Manifestation (Erdartiges).
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