Es gibt keine, eindeutigen, archäologischen Zeugnisse für diese Zeit der Könige – was, bei der biblischen Ausdehnung von Juda und Israel und seinen als bedeutend anzunehmenden Einfluss auf die Handelsroute an der Mittelmeerküste entlang, verwunderlich sein sollte. Dies führt zu Unstimmigkeiten in der historischen Belegung und in den Datierungen. Hier wird die nach William F. Albright verwendet. Wer in die mystische Denkweise des Judentums eintauchen möchte, darf sich nicht an die mangelnde, historische Authentizität der „biblischen“ Geschichte reiben. Diese historischen Angaben der Bibel sind im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte der Texte zu sehen. Die Schriftform der Überlieferungen ist anerkanntermaßen in mehreren Schichten entstanden. Die Autorenschaften und die Entstehungszeiten sind teilweise umstritten. Manche glauben, dass die Heilige Schrift im „Nachhinein“ im babylonischen Exil unter dem Eindruck der Verbannung und des Erhalts der jüdischen Identität entstand - was verständlicherweise nicht ohne Einfluss auf die Interpretation der Überlieferungen blieb. All dies ist sekundär bei dem Erfassen des jüdischen Denkens. Die Israeliten waren ein kleines Volk und waren eingekeilt zwischen aggressiven, antiken Großreichen. Es war in einen identitätsgenerierenden Abwehrkampf verstrickt. Es wurde versklavt, unterworfen, vertrieben - und seine Dörfer, Städte und die Stätten religiöser Identität wurden geschliffen. Seine Identität ist an seinem „Judentum“, an seinen Heiligen Schriften geknüpft - und an die Zeit der „starken“ Könige, in der die Israeliten ein stabiles, starkes Reich besaßen.
Der erste König des vereinigten Israels war Saul, der vom Propheten Samuel im Auftrag Gottes als Fürst gesalbt wurde (1. Samuel Kap. 10, Vers 1, [26]). Während im südlichen Reich (Juda) eine Erbmonarchie herrschte, wurde im nördlichen Reich (Israel) der König gewählt. Im vereinigten Königreich Israel musste der König von Juda erst per Wahl in Israel bestätigt werden. Das ging naturgemäß nicht lange gut, da der Norden beispielsweise dichter bevölkert war, mehr Städte besaß und wohlhabender war. Das vereinigte Israel bestand nicht lange. Es zerfiel bald wieder in die Königreiche Juda und Israel. Die oft kriegerische Landnahme und das Verhältnis zwischen dem Nord- und Südreich wird auf legendenhafte Weise in den Büchern der Propheten dargestellt. Nur eine barmherzige göttliche Wesenheit scheint in der Lage zu sein nicht an den menschlichen Schwächen seiner auserwählten Glaubensgemeinschaft zu verzweifeln. Selbst gesalbte Könige, wie zum Beispiel König David, verstoßen gegen die „Zehn Gebote“ Gottes, - auf dem Berg Sinai an Moses übergeben. Sie begehren nach dem „Weib“ des Anderen, schicken ihn in den Tod eines Kriegers „für Gott, Vaterland und König“ und bemächtigen sich dann seiner Frau. Gott straft, verzeiht, ist im ständigen Dialog über Propheten und erzieht sein auserwähltes Volk. Diese Periode der Landnahme und der Könige endet mit der Unterwerfung der Israeliten durch das Babylonische Reich. Das jüdische Volk, insbesondere seine Eliten, wurden nach der Eroberung Jerusalems (597 v. Chr.) in drei Wellen zu insgesamt 4600 Seelen (Jeremia Kap 52, Vers 30, [26]) ins babylonische Exil verschleppt, - was, der damals gängigen Praxis bei Annektierungen entsprach. Dieses Exil (Beginn der jüdischen Diaspora) dauerte ca. 56 Jahre und wurde durch den persischen König Kyros II., der als in religiösen Fragen tolerant galt, durch die Eroberung Babylons beendet.
In den Büchern der „hinteren Propheten“ überschneiden sich die Schilderungen mit den Darstellungen der „vorderen Propheten“. Die „hinteren Propheten“ enden mit Maleachi, der einen, am gesellschaftlichen Zustand der jüdischen Glaubensgemeinschaft, scheinbar resignierenden Gott (Maleachi Kap. 1, Vers 1, [26]) offenbart. Gott beklagt, dass ER durch die Priesterschaft Nichtachtung (Maleachi Kap. 1, Vers 6, [26]) erfährt. ER weist ihre unreinen Opfer, die oft Wertloses enthielten, zurück und drückt sein grundsätzliches Missfallen aus (Maleachi Kap. 1, Vers 10, [26]). ER prophezeit ihnen, dass weltweit, unter den „Nicht-Juden“, die Anzahl der Gläubigen mehr und mehr wachsen wird (Maleachi Kap. 1, Vers 11, [26]). Aus heutiger Sicht könnte der naive Betrachter vermuten, dass Gott hier das Entstehen von Weltreligionen aus dem Judentum signalisiert. Mit den Priestern geht er hart ins Gericht und wirft Ihnen vor, den Bund Levis, den er mit der Nachkommenschaft des Stammesvaters Levi geschlossen hatte, gebrochen zu haben (Maleachi Kap. 2, Vers 8, [26]). (Bei der Landnahme in Kanaan erhielten die Leviten, die Nachkommen Levis, kein eigenes Stammesgebiet, sie sollten als Priesterschaft die Lehre rein halten.) ER wirft den Israeliten vor, sein Gebot der Abgrenzung zu den Nichtgläubigen nicht befolgt zu haben und Mischehen im Glauben zuzulassen (Buch Esra Kap. 9, Vers 1, 2, [26]). ER droht und klagt an, ist des ewigen Jammerns im Dialog mit dem Menschen müde (Maleachi Kap. 2, Vers 13, [26]). ER verurteilt die Schuldzuweisungen an IHN, den Gott, wo sie doch selbst Ursache ihres Leidens sind, und lehnt vom Menschen erwartete göttliche Strafgerichte ab (Maleachi Kap. 2, Vers 17, [26]). In Konsequenz seiner Unzufriedenheit kündigt er, nachdem er den Propheten Elia gesendet hat, den richtenden Messias an, dem Ankläger der unterdrückten Schwachen und der gesetzestreuen Gläubigen (Maleachi Kap. 3, Vers 1, [26]).
Der jüdische Glauben stützt sich auf das Schrifttum der Bibel. Darum ist das Judentum nur über die Kenntnis der Bibel zu begreifen. Insbesondere und zu aller erst ist die Tora, mit den Offenbarungen an Moses, die Grundlage dieser Buchreligion. Im 1. Jahrhundert n. Chr. einigten sich Toragelehrte, die als Rabbi (Meister) bezeichnet wurden und in der Vergangenheit als Richter fungierten, in zwei Zusammenkünften auf eine einheitliche Auslegung der Tora. Heute sind zur Toragelehrsamkeit vielfältige Aufgaben in der jüdischen Gemeinde hinzugekommen. Sie sammelten die bis dahin mündlichen Sinndeutungen, die die Anwendungen der Lehren und Gesetze der Tora auf aktuelle Lebensumstände regelten, und einigten sich auf Richtlinien der Interpretation. Alle Schriften dazu wurden dann im 2. Jahrhundert n. Chr. im Talmud, der bedeutsamsten schriftlichen Abhandlung des Judentums über die Tora, zusammengefasst. Es gibt ihn in zwei Fassungen, der Jerusalemer (5. Jh. n. Chr.) und der wichtigeren babylonischen (6./ 7. Jh. n. Chr.) Ausgabe. Der Talmud besteht aus einer Basisschrift, die Mischna genannt wird und die mündlichen Offenbarungen Gottes an Moses auf dem Berg Sinai beinhaltet, sowie die Gemara, die Untersuchungen und Bemerkungen zur Mischna enthält. Da sich die jüdischen Schriftgelehrten im Talmud bemühten die Tora und damit die Bibel auszulegen und die Anwendungen der Botschaften Gottes auf das tägliche Leben der Juden zu diskutieren, wurde der Talmud außerhalb der jüdischen Glaubensgemeinschaft öfters verunglimpft. Die christlichen Kirchen duldeten keine Gelehrtendiskussion über Auslegungen zur Bibel jenseits ihres Kompetenzanspruchs. Insbesondere wurde die Darstellung der Abhandlungen im Talmud in der Form von Diskussionen zu These und Antithese dazu missbraucht, missliebige Thesen aus dem Zusammenhang zu reißen und als Aussage des Talmuds verfälschend darzustellen. Das führte zu provozierten Missverständnissen und manipulierten Verurteilungen des Talmuds bis hin zu öffentlichen Verbrennungen der Schriften sowie Verfolgung und Repressionen des Judentums.
Das ständige Bemühen die Aussagen der Bibel auszulegen und zu interpretieren, führte zu einem besonderen Schriftgelehrtentum in jüdischen Gemeinden. Die Bildung und das Studium der Schriften zur Tora prägte die jüdische Kultur, was nicht ohne Folgen für den Gesamtbildungsstand im Judentum blieb. Die Israeliten lebten von Beginn an zwischen aggressiven Großreichen, waren eine Minderheit, deren Städte, Kulturstätten und Tempel immer wieder der Zerstörung anheimfielen. Sie wurden verschleppt und vertrieben, gingen als Volk ins babylonische Exil, wurden zerstreut und überlebten, - denn sie hatten die Tora und ihre Schriftgelehrten (Rabbiner). Wie Dr. Michael Blume in seinem Buch „Religionen der Menschheit“ (E-Book Weltreligionen) treffend formulierte: „Sie wurden zum Gottesvolk des Buches“. Das Wissen der Bibel und ihr Talmud erhielten ihre Identität, widerstanden der Assimilation in zahlreiche Völker ihres jeweiligen Aufenthalts.
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