Es kommt zu kriegerische Auseinandersetzungen, in denen sich aber Abraham als ein gerechter Mensch bewährt. Das führt zu dem Bund (spiritueller Vertrag) mit Gott, in welchem dem schon nicht mehr jungen Abraham wiederum eine zahlreiche Nachkommenschaft prophezeit wird, die das Land von „den Wassern Ägyptens bis an das große Wasser des Euphrat“ (1. Moses Kap. 15 Vers 18, [26]) besitzen werden.
Die kinderlose Ehefrau Sarai fordert Abraham, der mittlerweile 86 Jahre zählt, auf, ihre junge Sklavin Hagar zu nehmen. Diese gebiert ihm einen Sohn, den sie auf Geheiß Gottes Ismael nennt (1. Moses Kap. 16 Vers 15, [26]). Die göttliche Wesenheit prophezeit Hagar, dass ihr Sohn ein streitbarer Mann sein wird und im Konflikt mit seinen Brüdern leben wird. Gott offenbart Abraham: „Ismael wird gesegnet sein und Stammvater eines zahlreichen Volkes werden“, - womit die arabischen Stämme gemeint waren. Im Islam gilt Ismael als Prophet, der mit Abraham in Mekka die Kaaba erbaute und dort von seinem Vater zurückgelassen wurde. Er gilt als Stammvater der Araber. Dies zeigt die enge, spirituelle Verknüpfung, die zwischen Judentum und Islam besteht.
Das Schicksal von Abrahams Sippe zeigt die ganze Härte des Nomadenlebens in dieser Kulturregion. Der Zwang zur Landnahme - Kanaan wurde zu dieser Zeit von den Kanaanitern bewohnt -, plötzlich auftretende Hungersnöte und der Druck der Potentaten der benachbarten Großreiche des Altertums ließ bei den Betroffenen die Sucht nach einen über allem stehenden, allmächtigen und gerechten Gott wachsen. Es bleibt der Fantasie des Lesers überlassen, inwieweit er im „Lebensweg“ von Abrahams Sippe zeitlose Parallelen findet. Der Zwang, seinen Lebensbereich zu erweitern oder zu halten, sich einer übermächtigen Natur zu erwehren und dem Regulierungsdrang von Machteliten - wenn möglich - auszuweichen, betrifft vermutlich jeden. Wir erfahren auf diesen, durch drängelnde „Rivalität“ geprägten Leben alle, dass ethische Rahmenbedingungen, wie Gewaltlosigkeit, pro-soziales und kooperatives Verhalten nicht nur ein harmonischeres Erleben unseres Daseins ermöglicht, sondern darüber hinaus einen gewaltigen Evolutionsvorteil für Familie, Sippe und Gemeinschaft aufbaut. Wie so oft erfasst man, beim lesenden Miterleben des biblischen Geschehens, suggestiv die von mythischen Fantasien entkleideten „nackten“ Aussagen in den Schilderungen der Bibel. Gott ist hier im ständigen belehrenden, führenden und prophezeienden Dialog mit seinem „Botenvolk“. Zum Beispiel prophezeit ER dem Abraham zum wiederholten Mal, dass trotz des hohen Alters sein „Samen“ sich in ungeheurer Zahl verbreiten wird. Es wird dem Leser überlassen bleiben, ob er diese Prophezeiung wortwörtlich auf eine körperliche oder geistige Nachkommenschaft bezieht. Das bedeutet entweder, dass in Kanaan zahlreiche Nachfahren existieren werden – was eher nicht eintraf - oder, dass aus ihm in großer Zahl geistige Erben hervorgehen. Abrahams Bund mit der Ethik Gottes, pflanzt sich fort in das sich entwickelnde jüdische „Botenvolk“, dass die Existenz der einzig allmächtigen Wesenheit „Gott“ bezeugen muss, und aus dem Judentum erwuchsen die Weltreligionen des Christentums und des Islams mit gegenwärtig ca. 3,45 Milliarden Gläubigen. Damit hat sich tatsächliche der spirituelle „Samen“ Abrahams, die ethische Essenz der einzig allmächtigen, göttlichen Wesenheit über die Welt verbreitet. Und darüber hinaus erwacht und entwickelt sich, gemeinsam mit dem religiös-mystischen Denken der anderen monotheistischen Weltreligionen, ein Weltethos.
Was die Verdrängung der ethischen Essenz der göttlichen Wesenheit aus unserem Selbst zur Folge haben kann, erlebt die Sippe Abrahams hautnah. Das „gottlose“ Leben der Menschen in den Städten „Sodom und Gomorra“ endet in einer Katastrophe. Beide vergingen in „Feuer und Schwefel“, in einer „Hölle“ der Vernichtung (1. Moses Kap. 19, Vers 24, [26]). Fast jeden von uns kommt das Sprichwort „Es geht hier zu, wie in Sodom und Gomorra“ in den Sinn, wenn er beobachtet, wie überbordende Begierde und Verachtung des Lebendigen in ausschweifenden Lebensstil endet. Dieser apokalyptische Untergang der beiden Städte bleibt ein warnendes Beispiel dafür, dass dekadentes, ungezügeltes ich-bezogenes und hemmungsloses Leben - wenn es denn zum „Mainstream“ wird - in den katastrophalen Untergang der gesamten Gemeinschaft führt. Abrahams Enkel Lot, verwandt dem Geiste seines Großvaters und bei Sodom und Gomorra lebend, wird hinweg geführt und verschont, bevor Gott beide Städte zerstörte. Die Apokalypse nahm, entgegen der Bitte von Abraham, die Stadt doch zu verschonen, da es dort auch gerechte Menschen gäbe, ihren Lauf. Aber die „Gerechten“ ergaben sich vermutlich, mehr oder weniger dem „Mainstream“, - und die Städte Sodom und Gomorra vergingen qualvoll.
Wieder drängen sich Lehren auf, die Parallelen zu unserer Gegenwart suggerieren. Möglicherweise ist der Untergang der beiden Städte symbolisch zu verstehen: Jene Menschen vergingen im Feuer ihrer Begierden, die jedes Sozialverhalten verbrannte.
Gott erneuert unter diesen Umständen seinen Bund mit Abraham, der 99 Jahre zählte, und fordert von ihm das Ritual der Beschneidung für seine Nachkommenschaft. Er prophezeit ihm die Geburt seines Sohnes Isaak, mit dem er ebenfalls einen Bund schließen wird und der Stammvater von viel Volk und Königen sein wird. Zwölf Monate später, Abraham war 100 Jahre alt, wurde dann tatsächlich sein Sohn „Isaak“ geboren.
Unter die Haut geht einem die Schilderung der von Gott befohlenen Opferung seines Sohnes Isaak (1. Moses Kap. 22, Vers 2, [26]) auf einem Berg im Land „Morija“, dem späteren Tempelberg in Jerusalem. Wortwörtlich genommen wirft die von Gott geforderte Opferung massiv ethische Fragen auf. Solch eine Kulthandlung wird verständlicherweise als unmenschlich und verwerflich empfunden. Es ist schon eine extreme Erwartung Gottes, dass Abraham IHM seinen Sohn Isaak als Brandopfer anbietet (1. Moses Kap. 22, Vers 9, 10, [26]). Diese mythische, legendenhafte Forderung, wortwörtlich genommen, könnte als eine Prüfung der Gottesfurcht, des Gehorsams Gott gegenüber und der Glaubensfestigkeit von Abraham gewertet werden. Man fragt unwillkürlich, in was für eine gewaltige Bedrängnis hier Abraham gestoßen wird. Was für ein Konflikt erwächst zwischen dem Glauben an die letzte göttliche Autorität und IHRE ethische Essenz, - die sich in uns Menschen als Achtung vor dem Leben und in der Liebe zum „Kind“ manifestiert! Abraham vertraut auf Gott, erzählt die Heilige Schrift in der bildgewaltigen Sprache der Nomaden des Altertums. Er setzte das Opfermesser an und Gott verhindert im letzten Augenblick diese Opferung des Isaaks. Entkleidet von der mythischen Fantasie suggeriert diese überlieferte Darstellung des Opferungsrituals eine tiefgehende Ahnung der Motive der göttlichen Wesenheit. Im Verlauf des Opferrituals wurde ein „Vertrag“, ein Bund, eine Bindung Isaaks an Gott vollzogen. ER versprach, dass durch die Nachkommen Isaaks, das kommenden Botenvolk Gottes, alle Völker auf Erden gesegnet sein werden (1. Moses Kap. 22, Vers 18, [26]). Isaak, besteigt als ungebundener Mensch die Opferstätte. Er ist geistig noch nicht an Gott gebunden und erfährt durch das Ritual des versuchten aber nicht durchgeführten Brandopfers eine nicht lösbare Bindung an die göttliche Wesenheit. Seine spirituelle Opferung beendet im übertragenden Sinne sein „ungebundenes“ Leben und bindet ihn an Gottes Wirken, lässt ihn nach dem Verlassen des Opferrituals geweiht auferstehen als Erzvater des zukünftigen Botenvolks Gottes. Die Opferung Isaaks war symbolisch erfolgt.
In der Bibel wiederholen sich solche Art Metapher für die Bindung an Gott. In den abrahamitischen Religionen ist diese spirituelle „Selbstopferung“ eines Gläubigen die Ultima Ratio eines sich zur Verfügung stellen für die göttliche Ethik, für ein ethisch vollkommenes Leben. Diese Art der „rituellen Selbstopferung“ durchzieht die Bibel und findet im Prinzip seinen Höhepunkt im Glauben an die Ankunft eines Messias. Die einzig allmächtige Wesenheit „Gott“ vollzieht durch die Verkörperung als Messias ebenfalls eine Art Selbstopferung. Sie wechselt in eine für den Menschen leichter erfassbare Erscheinungsform seiner Existenz. Sie opfert Aspekte seiner Wirkeigenschaften, wenn er sich in eine körperhaft erfahrbare Präsenz manifestiert. Hier drängt sich durchaus eine gewisse Ähnlichkeit zu der im Hinduismus als wahr geglaubten Annahme einer heiligen Selbstopferung der göttlichen Wesenheit, „Gott wird zur Welt und Welt wird zu Gott“, auf.
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