In unserer Kleinstadt gab es eine Tanzbar. Sie war einmal eine Kommissionsgaststätte (mit Staatsbeteiligung) gewesen. Man munkelte von dem Besitzer, dass er bei einem Brand in den 50-er Jahren nachgeholfen hätte, um von der Versicherungssumme die Tanzbar neu zu bauen. Der korpulente Mann leitete zusammen mit seiner Frau die Bar sehr erfolgreich. Es spielte eine gute Tanzkapelle aus der Bezirkshauptstadt. Man renovierte auch jedes Jahr im Juli die gesamte Bar und ließ das Mobiliar von einem Dekorateur neu herrichten. Die Besitzer waren nicht einmal darauf angewiesen, Eintritt zu erheben, weil die Gäste von der gesamten Umgebung gerne die Tanzbar aufsuchten. Sonnabends und Sonntag hatte die Bar nachmittags geöffnet. Ich besuchte die Tanzgaststätte auch gern, trank aber häufig nur zwei Gläser Apfelsaft. Eine weitere Möglichkeit in unserem Ort auszugehen, war für uns das Jugendklubhaus. Dort gefiel es mir aber nicht so gut.
Kurz vor meinem Studienbeginn lernte ich Pierre in der Tanzbar kennen. Ich wunderte mich etwas über seine sehr kurzen Haare. Man hatte ihm den Kopf geschoren. Er war 4 Jahre älter als ich, arbeitete auf Montage und wirkte schon sehr Lebens erfahren. Bei unserer ersten Verabredung erzählte Pierre, dass er eine Weile in einer Strafanstalt zugebracht hatte, weil er als Grenzverletzer erwischt worden war. Er wollte zu seinem Bruder in die BRD gelangen. Hier in der DDR besaß er keine Eltern mehr, nur noch eine Schwester und eine Großmutter, die bettlägerig war und die er auch versorgte. Für das, was er durchgemacht hatte, konnte ich Pierre nicht verurteilen, aber trotzdem gab es zwischen uns Reibereien. Er warf mir meine Abhängigkeit von meinen Eltern vor und ich stritt mit ihm darüber, dass er so viel Alkohol trank.
Inzwischen war Kurt zur Armee einberufen worden. Er hatte sich für 3 Jahre freiwillig verpflichtet. Brieflich bat mich Kurt, ob er mir schreiben dürfte. Damit war ich einverstanden, aber ich machte ihm klar, dass wir uns nicht treffen würden. Kurt kannte Pierre und äußerte sich abfällig über ihn.
Im September 1965 begann mein erstes Studienjahr. Die Fachhochschule lagerte die Erststudenten aus. Wir waren 8 km von der Stadt untergebracht, in der Kurt und auch Pierre wohnten. Der Ort am Harz war sehr klein und man nutzte ein altes Gutshaus als Schlaf- und Speiseräume. Die Unterrichtsräume lagen in einem Neubau. Die Bedingungen empfand ich als kasernenähnlich. Ich war in einem 6-Bettzimmer untergebracht. Es enthielt 3 Doppelbetten, Schränke, einen großen Tisch und 6 Stühle. Waschen mussten wir uns in einem Waschraum. Unsere Internatsleiterin war ein echter Drachen. Sie teilte uns abends zum Schlüsseldienst ein; um 22 Uhr mussten alle Türen verriegelt sein. So bewachten wir Studenten uns gegenseitig. Die meisten der Studenten waren 16 Jahre alt. Einige Ältere hatten Abitur, eine abgeschlossene Berufsausbildung oder den Wehrdienst. In Ausnahmefällen konnten sie längeren Ausgang beantragen. Er musste genehmigt und im Ausgangsbuch eingetragen werden.
Der einzige Lichtblick war, dass Gudrun, eine Freundin aus einem Ferienlager, auch in meinem Zimmer untergebracht war.
Als wir einmal gerade beim Abendbrot im Essensaal waren, holte mich unsere Internatsleiterin in den Nebenraum. Es war dort ein Mann in Zivil, der mir seine Ausweismarke zeigte. Er war bestimmt von der Staatssicherheit. Ich war erschrocken. Er wollte von mir Angaben über Pierre erhalten, um ihm angeblich bei der Eingliederung in die Gesellschaft zu helfen.
Im Herbst wurden die Studenten unserer Fachhochschule nach Mecklenburg zum Kartoffeleinsatz abkommandiert. Während dieser Zeit schickte mir Pierre oft Briefe, in denen er mir schrieb, dass er mich sehr vermisse.
In den 8 Wochen meines Kartoffeleinsatzes zogen nun meine Eltern und Manuel in das Haus meiner Großmutter. Die Mieter der oberen Etage waren ausgezogen, so dass mein Vater die Gelegenheit zum Umzug nutzte. Nach meiner Rückkehr von Mecklenburg musste ich mich erst einmal an die neuen Gegebenheiten gewöhnen.
Da auch einige Abiturientinnen in unserem Studienjahrgang waren, hatten wir ganz schön zu tun, um mit ihnen Schritt zu halten. Besonders merkte ich meine Lücken im Fach Russisch. In den 6 Jahren Russisch-Unterricht, die vorausgegangen waren, hatten wir praktisch eine tote Sprache gelernt. Eine Kommunikation mit Russen war nicht erwünscht. Wir übten uns darin, pädagogische Fachtexte zu übersetzen. Unsere Dozentin war in Rußland geboren und sprach sehr schnell. Ich hatte Schwierigkeiten, sie zu verstehen.
Auch den Psychologiedozenten fand ich unsympathisch. Innerlich sträubte sich in mir alles, wenn er in seinen Kontrollarbeiten die Definition von Begriffen wörtlich verlangte. Und wenn ich im Fach Marxismus-Lenininsmus einmal nach meinem Gewissen die Frage beantwortet hätte: “Warum hat die Partei, die SED, immer recht?“ So wäre mit meiner Antwort mein Studium mit Sicherheit beendet gewesen. Damit wurde man zum Lügen gebracht.
Ich freute mich immer auf den Samstagmittag. Dann holte entweder Manuel Gudrun und mich mit dem TRABANT meiner Eltern ab oder Gudruns Vater mit seinem Dienstwagen. Er war Verwaltungsleiter eines Krankenhauses und ihre Mutter Schulsekretärin. Wenn Manuel uns beide abholte, suchte er sich noch eine Mitfahrerin aus, die ihm gefiel. Zuerst knüpfte Manuel zu Gerlind eine engere Beziehung. Dann trennten sie sich wieder. Auch zu Gudrun fühlte sich Manuel eine Zeit lang hingezogen.
Dann guckte sich Manuel Rike aus. Sie war die Beststudentin in unserem Studienjahrgang. Politisch war sie zum Glück nicht verbohrt, denn Rike stammte von einem Großbauernhof. Sie erzählte uns einmal, dass ihr Vater mit Zwang in die Kollektivierung zu einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft gepresst worden war. Man wollte Rike davon überzeugen, sich als Kandidat der SED aufstellen zu lassen. Ich fand es gut, dass sie dies konsequent ablehnte. Auch sie bewohnte unser Zimmer und lernte unaufhörlich. Meine übrigen Mitbewohnerinnen waren nicht so ehrgeizig und wir neckten Rike. Wir legten ihr zum Beispiel eine Kleiderbürste unter das Bettlaken, weil sie immer stöhnte, wenn abends das Licht ausgeschaltet wurde und wir dann noch schnatterten. Ich war überrascht, dass Manuels Wahl auf sie fiel.
Meine Beziehung zu Pierre wurde immer intensiver. Ich stellte Pierre meinen Eltern vor und sie waren einverstanden, wenn mich Pierre zu Hause besuchte. Nach meinem siebzehnten Lebensjahr hatte ich eine so enge Bindung zu ihm, dass ich mit ihm schlief. Doch im Februar1966 zankten wir uns dann wegen einer Belanglosigkeit (Bilder beim Fotografieren waren nichts geworden) und steigerten uns so, dass ich ihm eine Trennung vorschlug, was dann der Schluss unserer Beziehung war.
Nun konnte ich wieder ungebunden tanzen gehen. Oft hielt ich mich mit einer Nachbartochter oder mit Gudrun in der Tanzbar auf. Ich merkte nun eigentlich erst, wie begehrt ich war. Laufend machte ich neue Bekanntschaften, aber zum Geschlechtsverkehr ließ ich es nicht kommen. Mir genügte zu spüren, wenn die Männer gern so weit gegangen wären, ich aber ablehnen konnte.
Ich lernte einen Lehrer kennen, der gerade seine Tropentaulichkeitsprüfung in der Tasche hatte, um in Afrika zu unterrichten. Er holte mich einige Male mit dem Auto vom Institut für Lehrerbildung ab und wir fuhren in den Harz. Meine Eltern haben ihn nicht kennengelernt, weil ich das nicht für nötig hielt, da er ja sowieso für längere Zeit wegging. Aus diesem Grund brach ich auch den Kontakt mit ihm ab.
Einige Soldaten der NVA, die in meinem Heimatort stationiert waren, lernte ich auch kennen. Einen gebürtigen Berliner fand ich besonders nett, aber er war verheiratet. Wir trafen uns nur, um spazieren zu gehen. Ein anderer (Klaus) kam aus Leipzig. Er war ein Angeber. Es muss ihm anscheinend zu Kopf gestiegen sein, dass sein Vater eine politische Kariere machte und einen WOLGA fuhr. Er hätte gern unsere Bekanntschaft fortgesetzt, da er aber kein guter Tänzer war, hatte ich keine Lust dazu. Ich erhielt aber trotzdem noch längere Zeit Briefe von ihm.
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