Ich kann mich noch daran erinnern, als ich etwa acht Jahre alt war, erfüllten mir die Tanten den Wunsch nach Perlonstoff. Der begehrte, rosafarbene Stoff mit Blümchen wurde von unserer Schneiderin zu einem Kleid verarbeitet und ich freute mich riesig darüber. Anders gekleidet zu sein als die meisten DDR-Bürger, machte mir Spaß. Als man in der Schule bei einem Appell das Verbot aussprach, Nietenhosen zu tragen, fand ich das reichlich ärgerlich, denn ich war gerade stolz auf meine eigene, schwarze, enge Nietenhose. Sonst verhielt ich mich in der Schule unauffällig. Ich bekam ganz gute Zensuren. Eine längere Zeit sang ich auch im Schulchor, manchmal auch als Solistin. Es blieb da natürlich nicht aus, dass auch Lieder gesungen wurden, welche die DDR verherrlichten. Das Fach Russisch bereitete mir gar keine Freude. Der Russischlehrer verstand es überhaupt nicht uns für das Fach zu interessieren. Während des Russischunterrichtes schrieb ich mit einem Jungen häufig Zettelchen, die wir austauschten. Wir schwärmten etwas für einander.
Mein Bruder Manuel wechselte nach der 8. Klasse auf ein Gymnasium, um dort das Abitur abzulegen. Auch er muss große Lücken im Fach Russisch gehabt haben, denn nach 10-jährigem Schulbesuch entschloss er sich von der Schule abzugehen und eine Lehre als Rundfunk- und Fernsehmechaniker zu beginnen. Er bastelte in seiner Freizeit schon immer gern, während ich sehr viel Zeit mit Ballspielen und mit anderen Kindern verbrachte. Der Abbruch des Gymnasiumbesuches meines Bruders, hatte auch für mich Folgen. Es wurde nicht mehr darüber gesprochen, ob ich vielleicht das Abitur ablegen sollte.
Im achten Schuljahr nahmen alle meine Mitschüler und ich an den Jugendstunden teil, um am 14.4.63 die Jugendweihe zu erhalten. Für uns Vierzehnjährigen bedeutete die Jugend-weihe, Abschied von der Kindheit zu nehmen und in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Man kleidete sich dazu festlich. Meine Eltern kauften mir ein schickes, rosafarbenes Kleid mit Paillettenstickerei und auch meine ersten Absatzschuhe. Der Festakt mit Reden, feierlicher Orchestermusik und dem sozialistischem Glaubensbekenntnis fand in einem Klubhaus statt. Das Gelöbnis, das wir ablegten, spielte eine geringe Rolle, entscheidend waren das Fest und die Geschenke von den Verwandten und Bekannten.
Nach der Jugendweihe wurde man von den Lehrern im Unterricht gesiezt.
Die allgemeine Bedeutung der Jugendweihe bestand vor 1933 darin, eine Feier von Atheisten und Konfessionslosen für ihre schulentlassenen Kinder zu gestalten. In der DDR hatte man 1955 diese feierliche Veranstaltung beim Übergang der Jugendlichen in das Leben der Erwachsenen eingeführt. Angeblich konnten alle Jugendlichen bei voller Glaubens- und Gewissensfreiheit daran teilnehmen. Ich habe es aber erlebt, wenn auch nicht bei meinen Klassenkameraden, dass Strenggläubige auf die Jugendweihe verzichteten (Pfarrerstochter). Das war aber die Ausnahme. Der Jugendweihe gingen Jugendstunden voraus, in denen Fragen des Lebens, der Natur und der Gesellschaft besprochen wurden.
Im Rahmen der Jugendstunden fuhren wir auch zur Gedenkstätte des Konzentrationslagers „Buchenwald“ bei Weimar. Ich war darüber entsetzt, wie in Deutschland die Gegner der nationalsozialistischen Diktatur in einem unmenschlichen KZ-System vernichtet worden waren. Man erzählte uns, dass in dem Zwangsarbeits- und Vernichtungslager Funktionäre und Mitglieder der Parteien und Organisationen der Arbeiterklasse gefangen gehalten wurden, aber auch Menschen, die aus rassischen oder religiösen Gründen verfolgt wurden, nach Kriegsausbruch besonders aus okkupierten Ländern.
Wir erfuhren, dass der Führer der KPD, Ernst Thälmann, nach elfjähriger Gefangenschaft 1944 bei einem Hofgang durch Genickschuss ermordet worden war.
Wir sahen das Krematorium des Konzentrationslagers und wir bekamen eine Vorstellung davon, wie bestialisch die SS ihre Opfer vernichtet hatte. Bilder zeigten Grausamkeiten an Menschen, aber auch die Berge von Haaren und Schuhen gaben darüber Auskunft, wie die Häftlinge „fabrikmäßig“ und geplant umgebracht wurden. Ich werde die Lampe des Lagerkommandanten Koch, die mit der tätowierten Haut eines Häftlings bespannt war, nie vergessen! Ein Hohn war dann noch die Beschriftung des Eingangstors „Arbeit macht frei“. Menschen in einem Steinbruch arbeiten zu lassen, bei einer Hungerration! Die Massenvernichtung war geplant durchgeführt wurden. 1944 bestanden über 28 Hauptlager mit 2 000 Außenlagern und Außenkommandos vor allem für die Rüstungsindustrie. Von etwa 18 Millionen KZ-Häftlingen fielen 11 Millionen dem faschistischen Terror zum Opfer.
Man erzählte uns auch etwas über die „Hölle“ von Auschwitz. Der Massenmord richtete sich vor allen gegen die Juden. Es war eines der berüchtigsten KZ`s, in dem die Qualen und das Grauen für die Gefangenen unbeschreiblich waren.
Mir wurde klar, dass der von Deutschland durch das Nazi-Regime begonnene 2.Weltkrieg mit der massenmörderischen Vernichtung von Menschen in den KZ`s ein furchtbares und einzigartiges Schandmal in der deutschen Geschichte darstellt.
Nun wurde aber die ganze faschistische Vergangenheit so hingestellt, dass die DDR-Bevölkerung ein besseres Deutschland aufbauen würde, und dass uns mit den faschistischen Gräueltaten nichts verbindet. Das half uns Jugendlichen sehr bei der Vergangenheitsbewältigung und bei der Distanzierung von dem verbrecherischen Nazi-Regime.
Am 19.Mai 63 wurden einige meiner Klassenkameraden und ich in der Evangelisch-Luthe-rischen Pfarrkirche meines Heimatortes konfirmiert. Der Pfarrer suchte für mich den Bibelspruch aus – „Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“(Joh. 14/6).
In den Religionsstunden kamen mir jedoch Zweifel an der leiblichen Auferstehung Jesu und an einem Weiterleben nach dem Tode.
Ich beobachtete die Lebensführung meiner Eltern. Meine Mutter hatte sich ihren kindlichen Glauben an Gott bewahrt. Sie betete still zu Gott, vermied es aber aus Bequemlichkeit regelmäßig am Gottesdienst und am christlichen Leben der Kirchengemeinde teilzunehmen.
Mein Vater hingegen war der Auffassung, dass es keinen Gott gäbe. Er war durch kommunistische Auffassungen aufgeklärt worden, beispielweise von Marx, der „Die Aufhebung der Religion als illusorisches Glück“ forderte und die Religion als „das Opium des Volkes“ darstellte.
Ich habe also beide Feiern, die zur Jugendweihe und die zur Konfirmation, angenommen. Ich wollte daran teilnehmen, weil ich mir natürlich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte im Mittelpunkt zu stehen und Geschenke zu bekommen. Die Feier zur Jugendweihe fand in einem größeren Rahmen statt. Geschenke erhielt ich von Verwandten, aber auch von Nachbarn und Arbeitskollegen meines Vaters. Man schenkte auch Blumentöpfe mit Glückwunschkarten. Unter anderem auch Primeln, auf die meine Mutter allergisch mit einem Hautausschlag reagierte.
1963 wurden weitere Anschaffungen gemacht, wie eine Waschmaschine und unser „TRABANT“, finanziert durch das Westgeld, das meine Mutter nach dem Tod ihrer Lübecker Tanten geerbt hatte. Die Waschmaschine und unser Auto erhielten wir über eine GENEX- Katalogbestellung. Der halbe Ostpreis musste dann in Westgeld bezahlt werden.
Im Sommer 1963 besuchten uns Tante Bärbel und Kai mit ihrem dreijährigen Sohn Carl in Thüringen. Während des Aufenthaltes tat mir mein Vater leid, denn er wurde nun von meiner Mutter, ihrer Schwester Bärbel und Kai bedrängt, den christlichen Glauben anzunehmen. Mein Vater lehnte ab und wurde dann als überzeugter Kommunist hingestellt, was er trotz SED-Mitgliedschaft wiederum durchaus nicht war. Um seine Tätigkeit als Stellvertretender Schuldirektor zu halten, musste er Parteimitglied sein. Deshalb fand ich die Einstellung meiner Mutter falsch, wenn sie meinen Vater in Diskussionen von ihrem Glauben überzeugen wollte. Gerade meine Mutter genoss den Vorteil des reinen Hausfrauendaseins, was in der DDR ungewöhnlich war. Und das ermöglichte ihr mein Vater. Meine Mutter wurde nicht dem Druck in der DDR ausgesetzt, sich zum Arbeiter-und-Bauernstaat zu bekennen; somit war es für sie leicht sich der evangelischen Kirche nahe zu fühlen.
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