Meine Eltern wurden mit meinem kleinen Bruder von meinen Großeltern in ihrem Haus in der Thüringer Kleinstadt aufgenommen. Die oberste Etage des Hauses war an eine fremde Familie vermietet. Meine Eltern und der kleine Manuel bezogen zusammen ein winziges Zimmer. Meiner Mutter blieb jetzt nichts weiter übrig, als sich mit kleinbürgerlichen Verhältnissen abzufinden. Es wurde gespart, wo man nur konnte. Ich habe noch die Dämmerstunden (es sollte Strom gespart werden) und die Fidibusse (Papierstreifen, die benutzt wurden, um Feuer aus dem Ofen zu entnehmen und dadurch Streichhölzer zu sparen) in Erinnerung. Häufig lebte man nur von Steckrübensuppe. Meine Mutter hatte bereits als Sechszehnjährige während des Arbeitsdienstes das Arbeiten als Erntehelferin auf einem Feld kennen gelernt. Jetzt musste sie als junge Frau auf dem Feld arbeiten, was sie aber nur ungern tat. Sie hatte sich bestimmt von dem Umzug nach Thüringen erhofft, in ihrer Schwiegermutter einen Ersatz für ihre früh verstorbene Mutter zu finden. Meine Großmutter war aber eine durch harte Arbeit geprägte Frau und war keine liebevolle Schwiegermutter.
Auch die Hoffnung, dass mein Vater in der Thüringer Kleinstadt beim Finanzamt als Finanzinspektor eine Stellung antreten könnte, erfüllte sich nicht. Mein Vater stand 1947 ohne Arbeit da und überlegte nun, wie es mit ihm und seiner Familie weitergehen sollte. In Thüringen benötigte man im Schuldienst neue Lehrer. Ohne Abitur hätte mein Vater sofort eine Neulehrerstelle antreten können. Da er aber eine höhere Schulbildung besaß, legte man ihm nahe ein Pädagogikstudium in Jena aufzunehmen. Sein Bruder Willy mit seiner Frau Else und ihrem vierjährigem Sohn wohnten in Jena. Zunächst konnte mein Vater bei ihnen unterkommen und mietete später ein möbliertes Zimmer.
Nach der Währungsreform am 20. Juni 1948, bei der im Westen die alte Reichsmark 10 zu 1 abgewertet und die neue Mark eingeführt wurde, normalisierte sich die Lage allmählich. Durch die Geldabwertung blieb meiner Mutter nicht mehr viel von ihrem Ersparten, denn die Sparguthaben in der ehemaligen Währung Reichsmark wurden in einem Verhältnis von 100: 6,5 abgewertet. Allerdings füllten sich die Schaufenster mit den vermissten Waren, vor allen in den Westzonen. In der Ostzone, in der meine Eltern lebten waren Nahrungsmittel dagegen noch lange nur auf Lebensmittelkarten zu haben. Sofort reagierte man in der sowjetisch kontrollierten Besatzungszone und führte dort am 23.Juni ebenfalls eine Währungsreform durch. Diese Maßnahme erstreckte sich auch auf Berlin. Um Berlin ganz unter ihre Herrschaft zu bekommen, begannen die sowjetischen Besatzer mit der Blockade der Stadt. Für die USA war das ein Zeichen für die Absicht der Sowjets, ihren Einfluss in Europa auszudehnen. Die Westalliierten aber versorgten die eingeschlossene Stadt über eine Luftbrücke mit Lebensmitteln und retteten die Bewohner Berlins nicht nur vor einer Hungersnot, sondern sie gaben der UdSSR auch zu verstehen, dass sie in jedem Fall expansiven Tendenzen entgegenwirken würden. Die Teilung Berlins, die schon durch die Einführung unterschiedlicher Währungen eingeleitet wurde, war nun endgültig festgeschrieben. Erst am 12.5.1949 hoben die sowjetischen Besatzer die Blockade von Berlin auf.
Ab 1952 wurde die Demarkationslinie zwischen der DDR verstärkt abgeriegelt, dazu wurden auf DDR-Gebiet ein fünf Kilometer tiefes Sperrgebiet und ein 500 Meter breiter, mit Stacheldraht gesicherter Schutzstreifen geschaffen. Zuerst wurde als Sichtschutz ein Holzlattenzaun aufgebaut, später ein schwer überwindbarer doppelter Stacheldrahtzaun. Tausende Bewohner dieser Sperrgebiete wurden teilweise über Nacht in der so genannten „Aktion Ungeziefer“ zwangsumgesiedelt. Seit 1957 hieß die Demarkationslinie in der DDR offiziell „Staatsgrenze“.
Da mein Vater in Jena studierte, sahen sich meine Eltern nur am Wochenende. Dennoch war die Liebe zwischen ihnen nicht erloschen und meine Mutter wurde mit mir schwanger. Nicht zur Freude meiner Großeltern! Meine Großmutter soll, als meine Mutter mit Wehen ins Krankenhaus ging, ihr nachgerufen haben: „Nur eins kannst du gut – Kinder in die Welt setzen!“. Ich wurde im November 1948 geboren. Meine Mutter freute sich über ein Mädchen. Leider wurde meine Mutter kurz nach meiner Geburt wieder schwanger. Dieses Mal blieb ihr nichts anders als eine Abtreibung übrig. Obwohl ihr der Arzt dazu geraten und den Eingriff selbst vorgenommen hatte, konnte sie sich nur schwer damit abfinden und litt noch lange darunter.
Am gleichen Tag als ich geboren wurde, bekam auch Tante Bärbel ihr zweites Kind. Es war wieder ein Mädchen und wurde auf den Namen Corinna getauft. Wer also etwas von Astrologie hält, wird sicher Parallelen im Leben meiner Cousine und meinem entdecken können.
In den westlichen Besatzungszonen Deutschlands trat am 24.Mai 1949 das vom Parlamentarischen Rat ausgearbeitete Grundgesetz in Kraft. Ein demokratischer Staat mit Gewaltenteilung, verbrieften Menschenrechten und geheimen Wahlrecht entstand. Am 15. September 1949 wurde Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler der „Bundesrepublik Deutschland“ gewählt. Noch im selben Jahr wurde am 7.Oktober die „Deutsche Demokratische Republik“ in der sowjetischen Besatzungszone geschaffen. Die DDR verstand sich als sozialistisches Land und erster deutscher Arbeiter-und-Bauern-Staat. Damit gab es zwei deutsche Staaten.
1950 schloss mein Vater das Pädagogikstudium ab. Er erhielt in seinem Heimatort eine Anstellung als Lehrer. Bald darauf bekamen meine Eltern eine Dienstwohnung im Obergeschoß des Hauptschulgebäudes. Diese Wohnung mussten meine Eltern sich allerdings mit einem weiteren Ehepaar mit Kindern teilen. Zwei Jahre später, mein Vater war inzwischen stellvertretender Schulleiter geworden, erhielt unsere Familie dann eine große Wohnung im oberen Stockwerk eines kleineren Schulgebäudes. Das Haus war außen mit Schiefer verkleidet. Es gab einen Schulhof, der von jüngeren Schülern genutzt wurde. Birken säumten den Schulhof. An die Rückseite des Schulgebäudes grenzte ein Kirchengrundstück mit einem verwilderten Garten.
Ich habe eine schöne Kindheit verlebt. Meine Mutter war nicht berufstätig und konnte dadurch sehr viel Zeit mit uns Kindern verbringen. Manchmal hatte man den Eindruck, als wäre meine Mutter selbst noch Kind geblieben, wenn sie beispielweise mit uns in der Wohnung „Verstecken“ spielte und mithalf, dass sich eins der Kinder etwa im Kleiderschrank verbarg und das andere suchen musste. Meine Mutter sprach immer von Nestwärme, die sie ihren Kindern geben wollte. Oft saßen mein Bruder und ich mit meiner Mutter in der Küche und sie erzählte uns von dem schönen Hamburger Grundstück, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte, vom christlichen Glauben oder von einem Film, den sie am Abend im Fernsehen gesehen hatte. Als ich neun Jahre alt war, klärte meine Mutter meinen Bruder Manuel und mich über sexuelle Dinge auf. Mein dreieinhalb Jahre älterer Bruder war an diesem Thema mehr interessiert als ich. Seit dieser Zeit betrachtete er mich mit anderen Augen.
In unserem Haushalt wurden verschiedene Tiere gehalten. Es gab Katzen, Wellensittiche und Hunde. Ein Stammbaumhund, ein schwarzer Kleinpudel; den wir „Ellen“ nannten, war mir besonders ans Herz gewachsen. Trotz Impfung bekam er die Infektionskrankheit „Staupe“. Ich fühlte mich dann auch gleich elend, als ich sah, wie sich das Tier quälte. Nach mehreren Tagen erholte sich unsere „Ellen“ und es wurde mir wieder möglich, mit dem lieben Tier lange Spaziergänge zu unternehmen.
Meine Mutter konnte nicht besonders gut mit Geld umgehen. Der monatliche Verdienst meines Vaters als Lehrer war für eine vierköpfige Familie sehr knapp und gegen Ende des Monats freute man sich auf den „Geldtag“, um wieder richtig einkaufen zu können.
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