Geldknappheit war auch in anderen DDR-Haushalten zu spüren. Unmut über die katastrophale ökonomische Situation machte sich allmählich bemerkbar, besonders in den Städten Ost-Berlin, Leipzig, Magdeburg und Jena.
Dagegen zeichnete sich in Westdeutschland das sogenannte Wirtschaftswunder ab. Die Wirtschaft erholte sich dort nach dem Krieg erstaunlich schnell: Die Währungsreform von 1948, der in vollem Gang befindliche Wiederaufbau der Städte und der Industrie und die im Rahmen des Marshallplans geleisteten Wirtschaftshilfen an die Bundesrepublik führten zu einem anhaltenden Wirtschaftswachstum. Zwischen 1953 und 1960 war eine Steigerung des Bruttosozialprodukts um immerhin 61% zu verzeichnen. Als „Vater“ des deutschen Wirtschaftswunders prägte Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard mit seinem Konzept der sozialen Marktwirtschaft den Aufschwung der jungen Republik.
Ganz anders entwickelten sich die Verhältnisse in der DDR.
Viele Jahre später erfuhr ich von einer älteren Kollegin, die Vertrauen zu mir gefasst hatte, ihre Erlebnisse vom 17.Juni 1953. Sie studierte zu diesem Zeitpunkt Pädagogik an der Humboldt- Universität in Berlin. Sie erlebte als junge Frau den größten Militäreinsatz in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals waren fast 500 000 sowjetische Soldaten in der DDR stationiert, ein großer Teil davon (13 Divisionen) kam zum Einsatz. In Berlin fuhren 600 Panzer auf; und 20 000 sowjetische Soldaten waren präsent. Allein durch die psychische Wirkung der rollenden Panzer wurden die Straßen frei geräumt. Die Bevölkerung hatte Angst. Der Seminarleiter meiner Kollegin sagte ihr:„Packen sie so schnell es geht ihre Sachen und fahren sie nach Hause. Man kann die Lage überhaupt nicht einschätzen; sie sind dann wenigstens in Sicherheit“.
Welche Ereignisse fanden im Jahre 1953 statt?
Am 5. März 1953 starb der Diktator Josef Stalin, der für die Verschleppung und den Tod von Millionen von Menschen in der Sowjetunion verantwortlich war. Von ihm hatte Walter Ulbricht seinen Regierungsstil als Zuchtmeister die Dressur des Volkes übernommen. Die „Sowjetisierung“ setzte ein.
Am 20. April 1953 wurde von der Regierung der DDR eine Preiserhöhung für Lebensmittel angeordnet.
Am 13./14. Mai empfahl das SED-Zentralkomitee eine Erhöhung der Arbeitsnorm um 10 Prozent.
Vom 27.Mai 1953 bis Anfang Juni kam es in ersten Industriebetrieben zu Streiks.
Am 3./4. Juni 1953 forderte deshalb die neue sowjetische Führung in Moskau die (einbestellte) DDR-Spitze auf, den Wechsel zu einer gewissen Liberalisierung vorzunehmen.
Am 9. Juni 1953 beschloss daraufhin das SED-Politbüro den von Moskau verlangten „Neuen Kurs“ einzuleiten. Dies bedeutete die Rücknahme von Verschärfungen.
Am 16.Juni 1953 gab schließlich der Ministerrat die Aufhebung des Beschlusses zur Normerhöhung bekannt. Zu spät, denn Berliner Bauarbeiter legten bereits die Arbeit nieder. Ebenfalls an diesem Tag bat eine Ostberliner Delegation im Büro des Rundfunksenders „Rias“ in Westberlin bei der Verbreitung der Streikaufrufe zu helfen. Eine Forderung war: “Der Spitzbart muss weg!“ Der Rias-Chefredakteur Egon Bahr zögerte erst, dann aber berichtete der „Rias“ über Rundfunk von den Ereignissen. Damit ist der 17.Juni 1953 in der DDR erst durch den „Rias“ wirksam geworden - obwohl das von Bahr gar nicht gewollt war.
Am 17.Juni 1953 hatte der Aufstand die ganze DDR erfasst. Über eine Millionen Menschen beteiligten sich. Nun spielten sich dramatische Szenen ab: Panzer rollten, Pflastersteine flogen, Schüsse fielen, Menschen flüchteten.
Am 18.Juni 1953 ließen die Sowjets in allen Zentren des Aufstandes willkürlich gegriffene Demonstranten, Aufständische und Streikführer erschießen. Es wurden mindestens 13 000 Menschen festgenommen, von den Straßen wegverhaftet. Mindestens 1 600 Streikführer oder Sprecher der Arbeiter wurden verurteilt, davon 2 zum Tode, 3 lebenslang, 13 mit bis zu 15 Jahren Zuchthaus. Auch später noch wurden rund 2 500 Menschen verhaftet. Das war die strafrechtliche Rache der SED. Walter Ulbricht hatte nichts gelernt. In seinen Augen hatten seine Untergebenen alles falsch gemacht, hatten die befohlene Normerhöhung für die Arbeiter den Betroffenen nicht schlüssig genug erläutert, hatten die Verschlechterung der Lage nicht eindeutig genug dem „Klassenfeind“ angelastet! Die SED bezeichnete nun den 17.Juni als „Tag X“, vom Westen ferngesteuert. Faschistische Provokateure aus Westberlin hätten die Bauarbeiter aufgehetzt. Die DDR-Regierung wollte nichts von der Forderung nach freien und geheimen Wahlen wissen, denn dann hätte eine schnelle Wiedervereinigung stattgefunden.
Woran war der Aufstand nun gescheitert?
Es war zu wenig Zeit, als dass sich eine wirklich anerkannte Führung des Aufstandes hätte bilden können. Es gab wohl Sprecher, die auch Forderungskataloge zum Sturz der Diktatur formulierten, doch die Führenden konnten sich in den wenigen Tagen nicht profilieren oder nur hinreichend verständlich machen. Meist besaßen sie nicht einmal Lautsprecher. Ein Manko dieses Aufstandes war es auch, dass sich die Intellektuellen abseits hielten.
Am 4.August 1953 beschloss man in der Bundesrepublik den 17. Juni als Feiertag zu begehen. Zu der Zeit war ich gerade 4 Jahre alt. Später wirkte auf mich der Tag der Deutschen Einheit sehr unglaubwürdig. Man verhandelte mit der SED, machte mit der DDR Geschäfte – und einmal im Jahr feierte man den Aufstand gegen eben diese DDR.
Die Unzufriedenheit mit dem DDR-System hatte auch meine Eltern erfasst. Deshalb entschlossen sie sich Anfang der 50-er Jahre nach Hamburg zurückzukehren. Sie erhofften sich vorübergehend von Tante Bärbel, die noch in Hamburg wohnte, aufgenommen zu werden. In den Sommerferien fuhren wir mit gepackten Koffern zu ihr. Auch die Federbetten waren mitgenommen worden. Mein Vater fand aber nicht sofort eine Anstellung als Lehrer. Unter diesen Umständen war meine Tante Bärbel nicht damit einverstanden, ihre Schwester mit Familie bei sich bei sich wohnen zu lassen, obwohl ihr Ehemann Hans sich mittlerweile in Amerika aufhielt. Er hatte durch das Max-Planck-Institut die Möglichkeit erhalten, in den USA zu arbeiten. Nach Kriegsende war meine Mutter bereit gewesen, ihre Schwester mit Kind und dann ihren Schwager Hans in der kleinen Wohnung aufzunehmen. Umgekehrt verweigerte uns nun Tante Bärbel die kurzfristige Unterbringung bei sich. Sie begründete die Ablehnung damit, dass ihr Mann das nicht wünschen würde, obwohl er sich gar nicht in Deutschland aufhielt.
Wenn man Rundfunksendungen aus dem Westen hörte, hätte man aus den Reden von Konrad Adenauer (dem damaligen Bundeskanzler), die weitere Politik in Deutschland heraushören können.
Adenauer war nicht gegen die Wiedervereinigung eingestellt. Aber er ging den Weg, Westdeutschland möglichst schnell und fest an Amerika und damit an den Westen zu binden. Damit wurde die Frage nach der Wiedervereinigung zunächst offen gelassen. Er hat nicht mit dem Osten verhandelt, sondern Tatsachen geschaffen.
Mit dem Aufbau der Bundeswehr (anfangs mit der Verpflichtung von Freiwilligen) im November 1955 war dann das Verhandeln überflüssig geworden. Durch das Gesetz vom 21.7.1956 wurde die allgemeine Wehrpflicht in der BRD eingeführt.
Durch den Eintritt in ein Militärbündnis der NATO waren die Wege zur Wiedervereinigung abgeschnitten.
Die DDR zog nach. Die Nationale Volksarmee, NVA, wurde 1956 durch die Umbildung aus der kasernierten Volkspolizei geschaffen. Die allgemeine Wehrpflicht gab es dann seit dem 24.1.1962. Die gesamte NVA unterstand dem Vereinigten Kommando der Streitkräfte des Warschauer Vertrages.
So entfernten sich die beiden deutschen Teile mehr und mehr von einander.
Mein Vater hatte sich nun für den Osten entschieden; aber mit dem Bau einer Mauer hat man wohl doch nicht gerechnet. Er passte sich den Verhältnissen in der DDR an und war inzwischen SED-Mitglied geworden.
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