Als Vierzehnjährige lernte ich im Sommer meinen ersten Freund kennen. Mit einer Freundin spielte ich gerade Federball, als ihr Cousin Kurt auftauchte, der aus einer anderen Nachbarkreisstadt mit dem Motorrad angereist war. Er hatte schon eine Lehre bei der Deutschen Reichsbahn aufgenommen. Vom ersten Augenblick an verknallte sich Kurt in mich. Ich fand es ganz nett, angehimmelt zu werden, aber meine Gefühle ihm gegenüber waren nicht so überschwänglich. Unsere Freundschaft dauerte zwei Jahre. Wir besuchten uns gegenseitig und meine Mutter war begeistert davon, dass ich einen Verehrer hatte. Außer Küssen und Streicheln spielte sich zwischen uns nichts weiter ab. Schließlich drängte Kurt darauf, dass wir uns verloben sollten. Das war mir dann doch zu viel. Mit sechzehn Jahren wollte ich noch keine Bindung auf Dauer eingehen. Ich bemerkte auch Kurts rasende Eifersucht, weshalb ich auf einen Tanzstundenkurs mit meinen Klassenkameraden verzichtete. Als ich im Juli 1965 ins Ferienlager an die Ostsee fuhr, schrieb er mir täglich einen Brief, weil er befürchtete, ich könnte einen anderen Jungen kennenlernen. Ich fühlte mich eingeengt. An dem Tag, an dem ich vom Urlaub zurückkam, (Kurt empfing mich mit einem riesigen Rosenstrauß), gab ich ihm den Laufpass. Es musste ihn sehr getroffen haben, denn ich hörte später von ihm, dass er sich während der Rückfahrt auf dem Motorrad mit Selbstmordgedanken getragen hatte. Aber ich wollte frei sein, denn nach den Sommerferien begann meine Ausbildungszeit.
Ab dem 9.Schuljahr hatten wir Schüler die Möglichkeit regelmäßig bei Abendvorstellungen ins Theater zu gehen. Manche Stücke, wie zum Beispiel „Die Räuber“ von Schiller besprachen wir dann im Deutschunterricht.
Dagegen fanden Schülerkonzerte nachmittags statt und die allgemeine Unruhe war dementsprechend, was ich bedauerte.
Nach der Jugendweihe wurden wir Schüler von den Lehrern mit „Sie“ angesprochen. Daran mussten wir uns erst einmal gewöhnen. Es sollte uns dadurch verdeutlicht werden, dass wir in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen worden sind.
Auf meinen Zeugnissen der 9. Und 10.Klasse stand sinngemäß immer diese Beurteilung: „Durch Fleiß und zielstrebige Lernarbeit erreichte sie gute Ergebnisse. Sie ist offen, ehrlich und kameradschaftlich. Am gesellschaftlichen Leben nahm sie aktiv teil. Sie arbeitete mehrere Jahre in den unteren Klassen als Gruppenpionierleiterin. Außerdem war sie als FDJ-Sekretärin tätig.“
Für künftige Bewerbungen waren die letzten Sätze meiner Beurteilung von Vorteil, mit Ideologie hatte es kaum etwas zu tun.
Eigentlich wünschte ich mir einen Beruf, indem man kreativ tätig sein kann. Ohne dass mir jemand gezeigt hätte, wie man eine Nähmaschine bedient, schneiderte ich mir Kleider, Röcke und Blusen. Sollte ich den Beruf einer Schneiderin erlernen? Es gab dazu sogar eine Berufsausbildung mit Abitur im Vogtland. Später hätte ich dann auf dem Gebiet der Textilbranche studieren können. Sollte ich so weit von meinen Eltern weggehen? Mein Vater aber hatte nun seine Kolleginnen vor Augen, die genauso viel Geld verdienten wie er, und er riet mir deshalb zum Lehrerberuf. Da ich so die Aussicht hatte, dann schon mit 19 Jahren fertige Unterstufenlehrerin zu sein, versuchte ich diesen Weg. Das Institut für Lehrerbildung befand sich in der Stadt, in der Kurt wohnte, 20 km von meinem Heimatort entfernt. Bei der Aufnahmeprüfung waren über 300 Bewerber anwesend. Ein Drittel der Bewerber sollte aber nur genommen werden. Ich schaffte die Aufnahmeprüfung auf Anhieb, war aber trotzdem mit der Situation unzufrieden, weil mir die ganze Atmosphäre am Institut für Lehrerbildung nicht gefiel.
In der Zeit als ich meine Freundschaft mit Kurt hatte, verliebte sich mein Bruder Manuel in eine Pfarrerstochter, die mit ihren Eltern in das unserem Haus gegenüberliegende Gebäude eingezogen war. Sie hieß Angela. Die Pfarrersfrau war die Tochter einer vermögenden Fabrikantenwitwe, die in der BRD lebte. Durch diese westliche Unterstützung ging es der Pfarrersfamilie materiell sehr gut. Angela war ein Jahr jünger als ich und wir hatten bald Kontakt miteinander. Wir trafen uns häufig zum Kartenspielen und mein Bruder gesellte sich auch dazu. Bald befreundeten sich auch meine Mutter mit Angelas Mutter. Sie betonten immer, dass sie sich so gut wie zwei Schwestern verstünden. Die Pfarrersfamilie wurde auch zum Fernsehen bei uns eingeladen. Mein Vater versuchte dann eine gute Miene aufzusetzen, obwohl er von den Besuchen absolut nicht begeistert war, denn die ortsansässigen Mitbürger registrierten alles. Nun blieb die Liebe Manuels zu Angela anscheinend nicht nur platonisch. Die fünfzehnjährige Angela hatte sich ihrer Mutter anvertraut und es gab eine große Aussprache zwischen Manuel, meiner Mutter und Angelas Eltern. Seit diesem Gespräch trafen sich Angela und Manuel nicht mehr.
Zu diesem Zeitpunkt starb auch noch mein Großvater Oliver. Er litt längere Zeit an einem Leistenbruch, den er nicht rechtzeitig hatte operieren lassen. Bevor er starb, soll er laut kirchliche Lieder gesungen haben. Es war das erste Mal, dass ich einen Todesfall vor Ort erlebte. Meine Familie und ich sahen ihn auch auf seinem Totenbett. Das unangenehme Gefühl, dass ich beim Anblick der Leiche empfand, lässt sich schwer beschreiben. Zur Beerdigung kamen natürlich auch Onkel Willy, Tante Else und Cousin Jörg aus Jena. Jörg war inzwischen Student an einer Hochschule. Bei der Trauerfeier sprach der Pfarrer (Angelas Vater) die letzten Worte. Der Sarg wurde aus der Kapelle hinausgetragen. Wir standen alle am offenen Grab. Der Pfarrer richtete noch einmal tröstende Worte an die Angehörigen. Meine Großmutter Marlies und mein Onkel Willy warfen stillschweigend Erde auf den Sarg, in der Grube. Nun warf auch mein sonst so ruhiger Vater Erde auf den Sarg und rief dabei: „Von der Erde bist du endgültig genommen, und zur Erde kehrst du zurück“! Nicht nur ich war über seinen Ausbruch entsetzt. Diejenigen, die wirklich an die Auferstehung glaubten, fühlten sich von meinem Vater gewaltig vor den Kopf gestoßen. Wollte mein Vater mit diesen Worten dem Pfarrer und den Gemeindemitgliedern seine Weltanschauung offenbaren? Oder hatte er so an seinem Vater gehangen, dass er über seinen Tod besonders verbittert war? Ich fand seine Worte jedenfalls sehr befremdend.
Ich wurde nachdenklich. Steckte in den Worten meines Vaters, dass das Leben erkämpft und durchgestanden werden muss? Wurde mir am Grab klar, dass das Leben doch mühsam war und dass man jeden Tag leben soll, als nehme man bald Abschied von allem?
Nach dem Tod meines Großvaters trug sich mein Vater mit dem Gedanken, in sein Elternhaus zu seiner Mutter zu ziehen. Damit entfernte er sich auch aus der Nachbarschaft des Pfarrhauseshalts. Denn das Elternhaus befand sich am Ortseingang und nicht im Zentrum des Ortes, wie die derzeitige Schulwohnung. Ich war überhaupt nicht begeistert von dem Umzug, denn ich sollte nur eine Dachkammer als Zimmer bekommen, weil ich sowieso im Internat für Lehrerbildung wohnen und nur am Wochenende nach Hause kommen würde. Ich hatte auch Bedenken, wie sich meine Mutter mit ihrer Schwiegermutter verstehen würde, denn das Verhältnis zwischen den beiden war nicht das Beste. Trotzdem fand der Umzug schließlich statt.
Beruflich lief es für meinen Vater nicht so gut. Sein Vorgesetzter wurde zur Kaderabteilung des Kreises berufen und mein Vater hatte angenommen, dass er vom Stellvertretenden zum Direktor aufrücken würde. Man setzte ihm aber eine Staatsbürgerkundlehrerin als Chefin vor die Nase. Deshalb wechselte mein Vater an eine Sonderschule für Lernbehinderte. Dort wurde er dann nach einer Einarbeitungszeit Direktor.
Tante Bärbel schrieb meiner Mutter in einem Brief, dass beide, sie und meine Mutter, ein Wertpapier in DM ausgezahlt bekämen. Es reichte allerdings nicht für einen neuen TRABANT; aber meine Tante schickte uns einen OTTO-Katalog, in dem wir nach Herzenslust Kleidungsstücke aussuchten, die meine Tante dann beschaffte. In meinem jugendlichen Alter war ich jetzt auffallend modisch gekleidet.
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