1 ...6 7 8 10 11 12 ...16 Der Versuch gelang. "Danke. Klappt." "Alles klar Kumpel. Gute Fahrt." Sie winkten einander zu. Ohne viel Umstände. Beide fuhren wieder los. Biker.
Ja er war unterwegs. Wie Lucky Luke in den Sonnenuntergang? Er schmunzelte. Nein, nicht ganz so, etwas schneller. Nicht mit einem Pferd. Mit eine Maschine. Und doch nicht zu schnell. Das war es nicht. Nicht die Geschwindigkeit gab ihm das besondere Gefühl. Denn zwischen seinen Beinen, unter seinem Hintern, röhrte keine Rennmaschine. Da knatterte mit ihrer satten dumpfen Musik seine Harley. Auf so einer saß keiner gebeugt. Er saß stolz aufrecht und fühlte sich entsprechend. Er trug keinen Integralhelm, geschlossen wie eine Kugel. Er trug einen halboffenen Helm und war in Leder gekleidet. Leder war in jedem Fall gut, wenn jemand mit einem Motorrad unterwegs war, schützend und robust. Aber sein Lederanzug hatte wie sich das gehörte auch etwas Schischi, war geschmückt mit Fransen und Nieten, mit aufgesteppten Motiven. Die Harley war in der Grundfarbe schwarz, ihre Chromteile glänzten. Auf der einen Seite des Tanks schlängelten stilisierte Flammen. Auf der anderen Seite sprang ein gekonnt hin gemalter Panther mit leuchtend grünen Augen. Auch das Motorrad war verziert mit Leder, hatte Taschen mit Fransen und Nieten. Sie bildeten eine Einheit, die Maschine und er. Sie war noch eine der alten Bauart und er musste auch ab und zu daran herum schrauben. Das ließ sich nicht vermeiden. Aber da er darin geschickt war, stellte es kein Problem für ihn dar. Ja, wenn er sein Werkzeug mit dabei hatte. Er lachte. Er roch sie. Der Geruch verband sich mit dem seines Lederzeugs und dem der Umgebung.
Es gab ihm ein Gefühl von Freiheit, so unterwegs zu sein. Ein Motorradfahrer kam ihm entgegen. Sie grüßten sich. Manchmal geschah es mit dem Fuß, manchmal mit der Hand, je nach Situation. Sie waren eine große Familie. Das hatte sich nicht geändert. Biker waren Lebenskünstler, immer noch. Menschen, die genießen konnten: Eine Landschaft beim Hindurch tuckern, das Leben auf ihre direkte Weise, ein bisschen Rebellen, die Kameradschaft untereinander.
"Wir sind Rebellen. Wir lieben die Freiheit und lassen sie uns nicht beschneiden. Wir sagen einander du, sind unkompliziert. Pfeifen auf vornehmes Getue. Wir sind rau, unser Umgangston, unsere Umgangsformen sind bestimmt nicht jedermanns Sache. Aber seht her, wir sind auch herzlich und hilfsbereit. Wir halten zusammen. Wir haben unsere Träume noch nicht verloren. Ihr seht oft nur die schwarzen Schafe, eine Minderheit und schimpft uns Rocker. Dabei sind wir vielleicht noch diejenigen, die in der heutigen kalten Leistungsgesellschaft zu leben wissen. Ihr müsste euch nicht fürchten und ihr sollt nicht auf uns spucken. Wir sind eine Art Fahrende. Ein Stück der Freiheit ist uns geblieben. Wo ist eure?"
Wieder musste er schmunzeln. Er sah die Landschaft, die geruhsam an ihm vorbei zog. Er sah sie, er war mitten drin, nicht eingepfercht in einem Blechkasten. Bewegung und Wind. Es war alles zu spüren. Er war lange ganz mittendrin gewesen, hatte ganz zu ihnen gehört und verlor bestimmt nie alles davon. Aber es änderte sich etwas. Aus dem einfach leben, genießen, feiern und sein - ohne Grenzen, aus dem Umgang ohne Tamtam wurde langsam Verantwortung. Nein. Es war falsch zu denken, dass er diese in der Zeit nicht getragen hatte. Es war falsch, von Bikern zu denken, sie seien arme Wichte, die solange ihren Träumen vergeblich hinter her fuhren, wie sie nicht vom Sattel herunter kamen. Krass. Nein. Es war falsch zu denken, sie trügen keine Verantwortung. Und doch veränderte er sich unmerklich, leicht weg von ihnen. Ganz verlor er das nie.
Er hielt am Straßenrand an. Er stellte den Motor ab, blieb sitzen, sah sich um. Er spürte mit all seinen Sinnen. Es gehörte zu ihm. Aber das war ihm nicht mehr genug. Was war also mit ihm geschehen? Viel davon war für ihn notwendig gewesen und hatte ihm geholfen, mit einigen Ereignissen fertig zu werden. Nein, nein, auch das war nicht ganz richtig. Fertig war er damit nicht. Damit zu Recht zu kommen, traf es besser. Diese Unruhe in ihm. Er musste einen Schritt weiter gehen. Es war zu eng geworden. Es reichte nicht mehr. Es bot ihm keine Möglichkeit mehr, weiter zu wachsen. Er brauchte neue Herausforderungen und er hatte sie. Er bewegte sich in einer Gesamtwelt, in dem das zwar seinen Platz behielt, aber in die eine weitere Dimension dazu gekommen war. Die des Unternehmers, des Arbeitgebers. Er, der Junge von der Straße. Er schmunzelte. Auf der Straße war er nicht mehr. Oder wenn, dann auf andere Weise als früher. Wer hätte das gedacht. Weitere Dimensionen kamen dazu und die Gesamtwelt wuchs. Nicht schlecht. Dazu gehörte, dass er sich der Vergangenheit stellte, zuließ, dass sie an die Oberfläche stieg.
***
Kleiner Mann lächle. Lächle, lach, lach, sei niedlich... wir sind alle lieb zu dir, nehmen dich in die Arme, streicheln dich, schau, die Filme tun dir nichts, schau, die Kamera, die tut dir nichts. Mir ist kalt, es tut weh. Das macht nichts, kleiner Mann, das macht nichts. Lach sie an, lach, sei fröhlich, oder du kommst ins Loch. Lach, lach... sie sind lieb. Sei auch mit ihnen lieb. Schau, sie mögen dich, sie lieben dich, sie bringen dir schöne Dinge und du hast ein schönes Dessert, hm? Lach, lach. Wenn du nicht machst, was sie von dir wollen, mit einem fröhlichen Gesicht, lachend, binde ich dich ans Bett, werfe ich dich in den Keller. Ich bring dir bei, gehorsam zu sein, kleiner Mann. Sie wollen ein schönes Gesicht sehen und keine Tränen in den Augen, nicht ein nasses Gesicht, nicht ein trauriges Gesicht. Du hast es gut. Du hast alles, was du brauchst. Gut hast du es. Sei dankbar. Lach, lach... Keller... Tür zu, Ratten, Dreck, es stinkt, Angst, im Keller. Also lach, lach, lach... Sie sind lieb zu dir... sie nehmen dich in die Arme und streicheln dich, sie geben dir Küsschen, was ist daran schlimm? Schau, da... so schön siehst du aus, ein feiner kleiner Junge bist du, ganz fein, ganz schön. Ein schöner zarter kleiner Junge. Ich versteh sie nicht. Ich versteh alles nicht. Ich dachte, sie sind gut und sie sind das nicht. Schmerzen. Sie tun mir weh. Nehmen mich in die Arme. Schmerzen. Sie streicheln mich, fassen mich an, überall. Schmerz, Küsschen, ich ekle mich davor, verzerrte Gesichter, Ungeheuer Gesichter, Kobold Gesichter, nein, ich will nicht mehr lachen, sie nicht mehr sehen, nicht mehr fröhlich sein, mag ihre Hände nicht, mag das nicht. Nein, ich will nicht. Lach kleiner Mann lach, lach... lach jetzt kleiner Mann lach, lach...
***
Der Wind rauschte. Er nahm den Helm ab, um ihn besser zu spüren. Er fühlte dabei wieder diese weite Freiheit. Es tat ihm nach wie vor gut, solche Reisen zu unternehmen. Aber sie waren nicht mehr Lebenszweck. Sie waren Teil seines Lebens. Teil von Florent. Wie es auch die Vergangenheit blieb.
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Ich erzähle, wo ich herkomme. Heute ist mir nach reden und ich kann es erzählen. Notieren. Das geht nicht immer. Nicht einmal das. Nein, reden darüber kann ich nicht. Noch immer nicht, nach so langer Zeit. Ich schreibe es auf. Irgendeine Frau auf der Welt, hat mich geboren. Wo das war, weiß ich nicht, wer es war, weiß ich nicht. Man könnte sagen, dass sie mich auf die Straße geworfen hat, irgendwo hin. Jemand hat mich gefunden und mich zum Heim gebracht. Dort habe ich meinen Namen bekommen und die Papiere und alles, was nötig ist, um auf der Welt zu sein. Das bin ich also jetzt. Auf der Welt. Lange Zeit habe ich den Menschen, der mich ins Leben geworfen hat, gehasst. Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind. Ich bin von klein an in diesem Heim, von sehr klein an. Warum kommt nie jemand und nimmt mich von da weg? In eine Familie? Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich seltsam. Vielleicht wollen sie mich in dem Heim behalten. Die Gründe dafür... dazu schreibe ich später etwas. Ein anderes Mal. So ist Florent ins Leben gekommen. Als Unglück. Vielleicht ist die Frau ein böser Mensch, vielleicht ist sie nur verzweifelt gewesen. Heute hasse ich sie nicht mehr, heute, wenn ich anfange das zu notieren, weil ich über alles noch immer nicht sprechen kann, nein, heute hasse ich sie nicht mehr. Ich weiß die Gründe nicht, warum es so war, warum sie das getan hat. Vielleicht konnte sie nicht anders handeln. Vielleicht wollte sie nicht anders handeln. Es spielt jetzt keine Rolle mehr. Aber manchmal möchte ich gerne wissen, wer meine Mama ist, wer mein Papa ist oder ob es noch mehr Familie gibt. Ich werde es nicht erfahren. Das kann man nicht nachforschen. Nichts ist bekannt. Keiner weiß etwas. Also lass ich es mit Fragezeichen versehen stehen.
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